Was brauche ich um echt zu sein?
Wilhelmine ist Sängerin, Songwriterin und eine der spannendsten Stimmen im deutschsprachigen Pop. Ihre Songs laufen im Radio, auf großen Festivalbühnen und gleichzeitig sind sie zutiefst persönlich. Wir sprechen über Coming-out-Momente, Liebeskummer und darüber, wie es ist, wenn das eigene Herz plötzlich öffentlich verhandelt wird.
Wir reden über Queerness im Mainstream, über Sichtbarkeit als Verantwortung und darüber, warum Popmusik politisch ist, selbst wenn sie nach Sommer klingt. Wilhelmine erklärt mir, wie verletzlich man sein muss, um ehrliche Songs zu schreiben, und wie es sich anfühlt, Hasskommentaren ausgesetzt zu sein.
Und dann lachen wir doch wieder über Tour-Anekdoten, Fan-Nachrichten und diese ganz besondere Magie, wenn tausend Menschen dieselbe Zeile mitsingen. Aufzugtür auf für Wilhelmine!
Empfehlungen der Folge: Wildwasser
[Schindler]
[Aufzugsignal] [Hintergrundmusik] Was braucht mehr Strom? Der Aufzug zur Wohnung oder die Kaffeemaschine im Büro? Die Antwort könnte dich überraschen. Bleib bis zum Ende der Folge dran, um es herauszufinden. Jetzt aber erst mal viel Spaß mit Raul im Aufzug wünscht Schindler.
[Raul Krauthausen]
[Aufzugsignal] [Musik] Das hier ist wirklich schon die hundertste Folge. Ich kann es wirklich kaum glauben. Ich wollte schon als Kind zum Radio, wirklich früh. Nach einem Schülerpraktikum beim Radio und ein paar Abzweigungen in die Kommunikationsbranche später habe ich es dann irgendwann wirklich geschafft. Ich habe vier Jahre bei Radio Fritz in Berlin und Brandenburg gearbeitet und dort extrem viel gelernt über Journalismus, über Zeitgeist und darüber, wie man Menschen mit Themen erreicht. Später habe ich mich dann selbstständig gemacht mit meiner Organisation, den Sozialhelden, und engagiere mich seitdem für die Rechte von Menschen mit Behinderung. Die Leidenschaft fürs Radio ist aber irgendwie nie verschwunden. Nur das Format hat sich verändert. Heute ist es ein Podcast und das ist für mich das Beste daran. Wir haben Zeit. Zeit für Gespräche, Zeit zum Zuhören, Zeit für Zwischentöne. Ich spreche mit spannenden Menschen über spannende Themen aus der Zivilgesellschaft, aus der Kunst, aus der Politik. Unsere Liste ist wirklich noch lang und ich freue mich auf alles, was da noch kommen mag. Und trotzdem ist da eine Sache, die sich durch alles immer wieder zieht. Inklusion lassen wir nie aus dem Blick. Vielleicht ist genau das die Magie dieses Podcasts. Viele Themen, viele Perspektiven und immer die Frage: Wer wird eigentlich mitgedacht und wer nicht? Wenn ich in den letzten Jahrzehnten eines gelernt habe, dann das: Die Begegnung senkt die Barrieren in den Köpfen, nicht das Reden darüber. Dieses Format macht Begegnung möglich, Folge für Folge. Und ganz ehrlich, hundert Folgen sind auch für mich eine ziemlich krasse Sache. Ich liebe es zu sehen, wie sich ein Projekt entwickelt, und ich glaube, es ist wichtig, an Themen dranzubleiben und auch an Formaten. Nicht nach ein paar Folgen einfach aufhören, wenn man das Gefühl hat, das bringt eh nichts, sondern einfach weitermachen, auch dann, wenn es schwierig ist, besser zu werden und neugierig zu bleiben. Danke an Schindler, an Schönlein Media, die das Ganze hier produzieren, und vor allem an euch. Danke, dass ihr all das möglich gemacht habt. Ohne eure finanzielle Unterstützung wäre das ja einfach nicht machbar gewesen. Und da es die hundertste Folge ist, gibt es noch etwas Besonderes. Am Ende wartet ein kleines Ständchen von Wilhelmine. Also bleibt dran. Es lohnt sich. Also Türen auf für hundert weitere Folgen von Im Aufzug. Schön, dass ihr dabei seid.
[Musik] [Aufzugsignal] So, weiter im Text, denn bevor wir heute loslegen, ein kurzes Dankeschön natürlich an dich, dass du regelmäßig dabei bist. Falls du dir schon mal gedacht hast, wie kann ich diesen Podcast unterstützen? Die Antwort ist ganz einfach: Steady. Mit einem kleinen monatlichen Beitrag hilfst du uns nämlich, unabhängig zu bleiben und weiter spannende Geschichten zu erzählen. Als kleines Extra bekommst du Vorabzugang zu neuen Folgen und wirst, wenn du das möchtest, namentlich im Podcast genannt. Ein riesiges Dankeschön geht diese Woche an unsere wunderbaren Unterstützerinnen Patricia, Katja, Alexandra und Marco. Ihr macht das hier wirklich erst möglich. Großartig. Und jetzt geht’s direkt los.
[Musik] Wilhelmine ist Sängerin, Songwriterin und eine der spannendsten Stimmen im deutschsprachigen Pop. Ihre Songs laufen im Radio, auf großen Festivalbühnen und gleichzeitig sind sie zutiefst versöhnlich. Wir sprechen über Coming-out-Momente, Liebeskummer und darüber, wie es ist, wenn das eigene Herz plötzlich öffentlich verhandelt wird. Wir reden über Queerness im Mainstream, über Sichtbarkeit als Verantwortung und darüber, warum Popmusik politisch ist, selbst wenn sie nach Sommer klingt. Wilhelmine erklärt mir, wie verletzlich man sein muss, um ehrliche Songs zu schreiben, und wie es sich anfühlt, Hasskommentaren ausgesetzt zu sein. Und dann lachen wir doch wieder über Touranekdoten, Fannachrichten und diese ganz besondere Magie, wenn tausend Menschen dieselbe Zeile mitsingen. Aufzugtür auf für Wilhelmine. [Musik]
Die Tür geht auf und wer kommt rein? Ich freue mich wirklich sehr, weil ich vor – in der Corona-Pandemie muss das passiert sein – bist du mir in den Algorithmus geschwommen. [lacht] Und seitdem begegnen mir deine Videos und deine Songs immer wieder. Herzlich willkommen, Wilhelmine.
[Wilhelmine]
Danke schön. Ich freue mich sehr über die Einladung. Das ist eine Ehre.
[Raul Krauthausen]
Wusstest du, dass du sehr regelmäßig auftauchst in der Spotify-Playlist „Deutsche Poesie“?
[Wilhelmine]
Ah, wirklich? Deutsche Poesie. Ich überlege gerade, ob das eine Playlist ist, die kuratiert wird für dich und deinen Geschmack, oder ob die von Spotify kuratiert wird.
[Raul Krauthausen]
Dachte ich auch, aber bei meiner Frau wurdest du auch reingespült. Und ich finde das ja tatsächlich ganz cool. Ist so wie Radio früher, man bekommt einfach Musikvorschläge und einige abonniert man dann. Einige laden in meinen Podcast ein, andere wiederum nicht. Und das ist der Grund, warum du hier bist. Also wirklich, ich bin ein Fan. Ich geb’s zu, ich bin Fan und das sage ich hier wirklich selten, weil ich eigentlich gar nicht so der Musikmensch war. Obwohl ich beim Jugendradio mal gearbeitet hab. Aber ich hab da vielleicht zu viel Musik gehört. Ich hab keine Ahnung. [lacht] Wann hast du Musik für dich entdeckt?
[Wilhelmine]
Wann habe ich Musik für mich entdeckt? Ich hab auf der Fahrt hierher gerade ein bisschen drüber nachgedacht und bin zu dem Entschluss gekommen, dass das vor allem auch … Ich bin die Tochter von einer ganz tollen Sängerin. Meine Mutter hat an der Etage Schauspiel studiert und auch Gesang, und sie hat mich da eigentlich immer so ein bisschen rangeführt. Ich glaube aber, das erste Mal richtig vor Menschen gesungen habe ich so mit zehn Jahren im Musikunterricht.
[Raul Krauthausen]
War das die Geschichte mit dem Headset?
[Wilhelmine]
Ja, genau. Von Herr Nims, der gesagt hat, wer in der Klasse Lust und Kapazitäten hat, mal in das Mikrofon zu singen. Und wir haben sämtliche Songs gemeinsam in dieser Klasse gesungen. Und da haben meine Mitschülerinnen das erste Mal auf meine Stimme reagiert. Das war ganz schön zu hören, dass manche fanden, dass ich eine schöne Stimme hab. Und dann bin ich allen extrem auf die Nerven gegangen, weil ich die war, die immer gesungen hat.
[Raul Krauthausen]
[lacht] Davor hast du gar nicht gesungen?
[Wilhelmine]
Na ja, ich glaube, nicht so richtig nervend. Und ab dem Zeitpunkt war irgendwas angeknipst und ich dachte, ich möchte Christina Aguilera sein. Oder auch „Torn“ singen. Weißt du noch, dieses Lied „Torn“?
[Raul Krauthausen]
Klar.
[Wilhelmine]
Genau, das hab ich einfach ständig auf dem Pausenhof gesungen und dann kam es auch dazu, dass so kleine Gruppen mich immer wieder angesprochen haben, ob ich nicht noch mal „Torn“ singen könnte. Ja, so bin ich da irgendwie reingerutscht.
[Raul Krauthausen]
Und „Torn“ ist ja keine deutschsprachige Musik. Wie bist du dann auf die Idee gekommen, deutschsprachige Musik zu machen? Das war ja früher so ein bisschen uncool, in meiner Zeit jedenfalls.
[Wilhelmine]
Also da gab’s schon so Leuchtsterne, Songs, die so rüberkamen auf Deutsch. Das war Juli.
[Raul Krauthausen]
Echt?
[Wilhelmine]
„Wir beide“, genau. Ich hab irgendwie angefangen, auch Texte zu schreiben, aber ich hab noch nicht richtig verstanden, dass diese Texte später meine Musik sein können. Ich hab das noch nicht zusammengebracht.
[Raul Krauthausen]
Waren eher Gedichte, hattest du mal gesagt, glaube ich, ne?
[Wilhelmine]
Genau. Und dann bin ich in so einer Girls-Cover-Band gelandet. Wir waren zu viert und haben viel so a cappella akustische Sachen gemacht, mehrstimmige Songs. Wir haben Amy Winehouse gecovert. Wir haben auch „Wir beide“ gesungen von Juli. Das war meine erste Band und ich dachte, wir werden die weiblichen Tokio Hotel. Ich dachte, wir werden ganz groß rauskommen zu viert.
[Raul Krauthausen]
Das heißt, du wolltest wirklich Karriere machen?
[Wilhelmine]
Ja, das wirkte so logisch, weil wir relativ schnell sehr viel Rückmeldung bekommen haben. In dem Bereich, wo ich gewohnt habe, im Wendland, gibt es ein großes Kulturfest, das nennt sich die kulturelle Landpartie. Und wenn man da Straßenmusik macht, haben wir unendlich viel Aufmerksamkeit bekommen und Geld verdient. Dann dachte ich: „Ja, das ist logisch, dass wir jetzt hier 13, 14 sind und da fünfhundert Euro in diesem Hut liegen.“ Das war super schön. Und dann dachte ich, jetzt werden wir große Stars.
[Raul Krauthausen]
Und warum ging’s dann damit nicht weiter?
[Wilhelmine]
Ich glaube, wir haben auf dem Weg des Erwachsenwerdens ein bisschen festgestellt, dass wir doch auch alle andere Pläne haben. Und dass nur, weil wir das einmal im Jahr bei der kulturellen Landpartie machen, heißt das nicht, dass wir andere Konzerte spielen. Ich glaube, unser größtes Highlight war, dass wir die Band Madsen – die kamen ja auch aus dem Wendland – eröffnen durften auf einem Traktoranhänger auf einer Demo.
[Raul Krauthausen]
Als Vorband quasi.
[Wilhelmine]
Genau, in Gorleben. Da waren sehr viele Menschen und das war zu dem Zeitpunkt mein größtes Konzert ever. Und dann wurden wir sogar gefragt, ob wir auf der Anti-Atomkraft-Demo in Berlin vorm Brandenburger Tor spielen wollen. Das haben wir auch gemacht. Und da war ich, glaube ich, so 16, 17. Es war wirklich riesig.
[Raul Krauthausen]
Du bist ’90 geboren. Ich hab vorhin noch mal nachgeguckt. Deine erste Single war 2019. Das heißt, dazwischen vergingen drei Jahre, zwischen 16 und 19 Jahre?
[Wilhelmine]
Genau, 2019 kam mein erstes Lied raus. Aber bis dahin hab ich einfach sehr viele Gedichte geschrieben und habe dann irgendwann festgestellt, dass ich einfach richtig gerne Melodien nicht nur nachsinge, sondern auch selbst mir ausdenke. Und irgendwann hab ich halt rausgefunden, dass das zusammen funktioniert. Dass wenn ich das, was ich in meinen Gedichten aufgeschrieben habe, singe, in meinen Melodien, die ich mir überlegt habe, dass das die Grundlage meiner Lieder ist.
[Raul Krauthausen]
Okay, das finde ich ganz interessant. Ich bin Achtziger Jahrgang. Und als ich sechzehn, siebzehn war, da glaube ich, war die deutscheste Band, die ich kannte, die Prinzen.
[Wilhelmine]
Oh ja, die Prinzen habe ich auch gesungen.
[Raul Krauthausen]
Es war aber wirklich selten, dass deutsche Musik cool war.
[Wilhelmine]
Seeed waren noch sehr cool.
[Raul Krauthausen]
Ja, das stimmt. Dann kam irgendwann Deichkind. Aber ich habe mich schon gefragt, was passiert ist, dass es wieder cool wird? Silbermond. Echt.
[Wilhelmine]
Ja, das ist eine gute Frage. Ich glaube, vielleicht haben sich mehr Künstlerinnen getraut, wirklich echt ihre Geschichten in deutsche Musik zu packen, und dadurch ist auf dem Markt wieder eine andere Nahbarkeit entstanden. Zum Beispiel „Mein Bestes“ von Silbermond hat einfach sehr viele Menschen zu Tränen gerührt. Dass dann da auf der eigenen Sprache was gesagt wird, was wirklich bewegt und was ganz tief im Herzen irgendwas anknipst.
[Raul Krauthausen]
Und davor hieß es immer, Deutsch ist nicht singbar. Man hat dann Herrn Grönemeyer benutzt als Beispiel. Von wegen, man kann ja gar nicht singen, aber man muss auch nicht singen, um erfolgreich zu sein, offensichtlich. Ich habe ein Interview vor vielen Jahren mit Grönemeyer gesehen und da sagte er auf die Frage, ob seine Texte immer so kompliziert seien, ob er nicht manchmal das Bedürfnis hat, die zu erklären: „Nee, dann wär er ja Handlungsreisender, dann hätte er eine Mission, aber er ist halt Künstler.“ Und da ist mir dann aufgefallen, dass seine Songtexte ja sehr lyrisch sind, sehr viel Interpretation bedürfen und grammatikalisch auch interessant sind. Und das ist mir bei dir auch aufgefallen. Also „Warum ist meine Liebe deiner Rede wert?“ Ist eine so schöne Formulierung und ich wüsste jetzt nicht, wie ich das besser formulieren würde. Ist dir die einfach so gekommen? In dem Interview meintest du, dass dir dieser Satz einfach plötzlich da war?
[Wilhelmine]
Ja, ich habe ihn tatsächlich total falsch grammatikalisch das erste Mal ausgesprochen. Ich hab gesagt: „Warum ist meine Liebe deine Rede wert?“ Und alle haben mich angeschaut, den Kopf schief gelegt und waren so: „Ja, okay.“ Ich weiß noch ganz genau, wir waren zu dritt in der Wärme und haben das Lied geschrieben, und dann habe ich gesagt: „Jetzt habe ich’s. Warum urteilst du über meine Liebe?“ Und hab darauf so ein bisschen rumgedacht: Warum sprichst du über meine Liebe? Warum urteilst du darüber? Und dann habe ich mich so ein bisschen in Rage geredet. Und dann habe ich gesagt: „Warum ist meine Liebe deine Rede wert?“ Dann habe ich’s nachgeschaut und grammatikalisch richtig ist es: Warum ist meine Liebe deiner Rede wert? Und so ist es dann aus mir rausgepurzelt.
[Raul Krauthausen]
Ich glaube, das ist der Satz, den ich ultimativ mit dir verbinde. Also wenn ich Leuten erzähle, dass wir uns demnächst treffen und ich dann diese Textzeile sage, dann: „Ah ja.“ Das fand ich ganz interessant, aber ist ja auch ein Refrain. Ich hab die letzten Tage sehr viele Interviews mit dir gelesen und Podcasts konsumiert. Und was ich interessant fand, dass jede Anmoderation damit beginnt, dass du in einem besetzten Haus aufgewachsen bist und dann später ins Wendland zogst. Und ich hab mich gefragt, wo kommt das her? Steht bei Wikipedia. Und dann dachte ich: Ja, das ist sicherlich interessant, aber interessant ist auch deine Familiensituation, über die du dann eher nach einem längeren Gespräch sprichst. Du schreibst sehr viel darüber, was Orte und Menschen für dich bedeuten. Du schreibst nicht den klassischen Liebessong, sondern schon auch wirklich komplexere Themen. Du behandelst das Thema Alkoholsucht, das Thema Suizid kommt in deinen Songs vor.
[Wilhelmine]
Ja, also, ich befinde mich jetzt aktuell in einem Jahr meines Lebens, in dem ich immer noch trauere. Ich hab in diesem Jahr meine Mutter verloren. Und damit kommt auch sehr viel meiner Geschichte noch mal anders für mich ans Tageslicht, und mein Tool, wie ich damit in meiner Kunst umgehe. Jetzt gerade fühlt es sich fast sogar vulnerabler an denn je. Aber auch da, ich hab mir auf die Fahne geschrieben, ich möchte mich mit meiner Geschichte so vulnerabel zeigen, wie es eben auch war. Ich bin halt nicht den klassischen Weg gegangen. Ich hab in vielen verschiedenen Familien gelebt und auch das Jugendamt spielt eine Rolle, Alkoholsucht und auch Suizid. Und ich versuche eben, damit in meiner Kunst umzugehen und zu sagen, dass das auch nicht nur leicht war, und ich die Künstlerin bin, eben weil mir das so widerfahren ist.
[Raul Krauthausen]
Findest du das schade oder okay, wenn Journalistinnen darüber wenig fragen?
[Wilhelmine]
Ich glaube, das ist gerade neutral in mir. Ich beantworte gerne Fragen, wenn Menschen das interessiert. Merke aber jetzt gerade in der Lebensphase, in der ich bin, dass ich selbst von mir aus nicht so dahin gehe, wie ich das vielleicht mal gemacht habe.
[Raul Krauthausen]
Ich hab mich das gefragt, weil als die Band Blond hier zu Gast war, wir auch so ein bisschen darüber gesprochen haben, dass manchmal so ein rosa Elefant im Raum ist, über den der Reporter gerne fragen würde, aber nicht genau weiß, sich traut: Kann ich das jetzt ansprechen?
[Wilhelmine]
Was wär denn dein rosa Elefant?
[Raul Krauthausen]
Also ich hab tatsächlich überlegt, kann ich dich das fragen. Deine familiäre Situation zum Beispiel. Also du erzählst, dass du bei Pflegegroßeltern aufgewachsen bist. Und da würd ich einfach gerne nachfragen: Wie alt warst du da? Was ist passiert? Aber es steht mir überhaupt nicht zu, das zu wissen. Aber das macht ja den Menschen interessant. Und aus meiner Erfahrung find ich die Menschen immer am spannendsten, die so Brüche im Leben haben. Als die, wo alles so geradlinig läuft.
[Wilhelmine]
Ja, also ich hab, um da ein bisschen Licht hinzuleuchten, so viel ich eben kann. Ich hab in einem relativ stabilen Umfeld gelebt, bis eben der Suizid passierte, über den ich singe in einem Lied. Und dann brach alles und auch die Stabilität, die ich so kannte, eigentlich weitestgehend auseinander.
[Raul Krauthausen]
Wie alt warst du da?
[Wilhelmine]
Da war ich zwölf. Und der Kern, den ich als Heranwachsende kannte, dass ich wusste, wo ich hingehöre, weil das örtlich bestimmt war, das hat sich verändert.
[Raul Krauthausen]
Da warst du aber schon im Wendland, ne?
[Wilhelmine]
Genau. Und da ist es halt eben so, wenn sich Beziehungen insofern durch so einen tragischen Verlust verändern, dann passieren halt auch so Dinge. Also wir mussten das Haus zwangsversteigern lassen, in dem wir gelebt haben. Es war alles sehr schambehaftet. In einer ländlichen Region zeigen alle Menschen mit den Fingern auf einen, wenn so was Tragisches auch passiert. Und ich war dann in der Schule in dem Jahr die enorm Lustige. Ich hab einfach meinen eigenen Schmerz weggelacht und war in der Klasse einfach die Nervige, die gesungen hat [lacht] und die irgendwie versucht hatte, alles immer so ein bisschen wegzulächeln. Das hab ich natürlich dann später alles aufarbeiten können, aber das war so Status quo, wie damit umgegangen wurde. Und der Alkohol hat auch einfach, jetzt nicht bei mir, aber bei den mir sehr nahestehenden Menschen dafür gesorgt, dass versucht wurde, zu kompensieren. Und ich als Kind stand dann daneben und hab halt gesehen, was Alkohol mit einer suchtkranken Person machen kann und musste da einfach sehr viel Verantwortung früh übernehmen. Ich sag in einem Lied: „Ich kratz dich vom Boden, ich wasch deinen Rausch, ich halt deine Hand, ich halt dich nicht aus.“ Das sind einfach Sachen, die mir passiert sind. Und dennoch, mit all dem find ich, hat’s die größte Kraft und das möcht ich auch. Ich möchte leicht sein. Und nicht mehr aus dem Grund wie früher, dass ich das irgendwie weglachen möchte, sondern ich möchte einfach Mut machen, indem ich meine Geschichte ein bisschen offenlege und sage: „Okay, ich hab’s rausgeschafft. Ich hab mir Hilfe gesucht. Ich hab Zuflucht gesucht bei Menschen, die einfach einen geregelten Tagesablauf hatten. Ich hab Unterschlupf gesucht bei Familien, wo’s Essen gab nach der Schule, bin dann da hingegangen. Und was mich auch enorm gerettet hat, war das Fußballspielen. Da hatt ich ein Netzwerk, da hatt ich eine Trainerin, die mich irgendwie auch gesehen hat, und ich hatte die Musik. Und das waren für mich so meine Säulen, die mich da so ein bisschen rausgeholt haben aus dem Gefühl, dass ich ein Opfer bin meiner Geschichte.
[Raul Krauthausen]
Das finde ich, also danke, dass du das teilst. Ich hab, als ich vielleicht auch nur zwölf, dreizehn, vierzehn war, irgendwann von meiner Mutter den Satz gehört: „Du musst nicht immer witzig sein.“ Und ich hab erst nicht verstanden, was sie meint und irgendwann meinte sie: „Na ja, ich hab das Gefühl, du bist witzig, damit andere dich mögen und du bloß nicht auffällst.“ Und irgendwie man das dann so als Coping-Strategie benutzt. Und irgendwann schlägt es aber um. Bei mir hab ich dann gemerkt, dass wenn ich Witze über meine eigene Behinderung gemacht habe, um die Angst der anderen zu nehmen, fingen die auch irgendwann an, Witze über mich zu machen. Die waren: „Haha, hast halt kurze Arme. Haha.“ Und dann tat das plötzlich weh. Deswegen kann ich da also ein bisschen relaten.
[Wilhelmine]
Ist dann halt eine Linie, ne? Und dann auch eine Tür, die man selbst öffnen darf. Die dann aber irgendwie dir gehört, ne? Ja, voll. Kann ich absolut verstehen.
[Raul Krauthausen]
Was ich an deiner Musik und an deiner Kunst so mag, ist, dass du… erzähl mir mehr. [lacht] Nee, was ich so mag, ist, weißt du, viele Musikerinnen oder Künstlerinnen, die verallgemeinern ihre Aussagen. Die sagen dann so: „Man sollte, man fühlt dann so und so.“ Und ich hab dich schon so oft dabei beobachtet, wie du sagst, du willst gerade man sagen, dann sagst du ich. Und das spricht ja auch von ganz viel Reflexionsarbeit und ganz viel darüber nachdenken und nur weil’s deine Realität ist, kann man’s nicht verallgemeinern.
[Wilhelmine]
Absolut. Außerdem mag ich das Wort auch nicht so gerne nutzen generell. Ich versuch das sowohl in meinen Texten als auch im Sprachgebrauch. Wenn ich über Gefühle spreche, dann möchte ich meine schildern. Und wenn ich sage, man, dann mach ich das eigentlich immer nur, um mich vielleicht ein bisschen zu schützen. Ich hab eine Freundin, die redet ganz oft in der dritten Form und da witzeln wir auch immer so ein bisschen. [lacht] „Was, wenn man jetzt fühlte? Was sollten wir jetzt denken, wenn man das so sagt?“ Und versuchen, das so ein bisschen überspitzt darzustellen, damit es ihr dann leichter fällt zu sagen: „Ja, stimme ich zu.“
[Raul Krauthausen]
Genau. Ja. Als ich mit Marco Weckling hier zu Gast war, haben wir irgendwann im Laufe des Gesprächs gemerkt, es gibt so eine Einsamkeit des Künstlers, der auf Tournee ist. Und zwar dann, wenn du im Hotelzimmer sitzt, alles schon zu hat, die Tür zugeht und du dann alleine bist. Und man war aber gerade auf einer Bühne vor tausenden von Leuten, bist total hyped, voller Adrenalin. Was tust du, um wieder runterzukommen?
[Wilhelmine]
Also ich hatte das das extremste Mal, als ich Coldplay eröffnen durfte. Letztes Jahr, dreimal im Olympiastadion in München. Und dazwischen habe ich an einem Tag irgendwie noch ein Festival gespielt in Hamburg. Also es war wirklich das verrückteste Wochenende meines Lebens. Und das war so aufgeladen mit so viel Emotionen. Und das sind ja achtzigtausend Menschen abends. Ähm, und da nach diesem Wochenende oder beziehungsweise zoomen wir mal näher ran, nach einem Konzert… Ich versuch eigentlich, also wenn ich dann da alleine bin und ich liege alleine in einem Nightliner, oder wenn ich das Glück habe, kommt meine Partnerin mit, aber wenn ich alleine bin, dann ist mein absolutes Highlight auf jeder Tour meine geliebte Shakti-Matte. Eine Matte mit diesen Nadeln. Die ist das Einzige, das mich körperlich schafft, einfach zu beruhigen. Und dann versuche ich meistens, irgendwie eine Lichterkette aufzuhängen und meine ganze Kajüte mit Lavendel vollzusprühen. Manchmal reist sogar mein Diffuser mit.
[Raul Krauthausen]
Wow, okay, richtig vorbereitet.
[Wilhelmine]
Ja, und das sind so meine… ich versuch’s mir schön zu machen, gemütlich zu machen und das entspannt mich. Das ist die einzige Methode, um nach so einem verrückten Moment mich wieder zu regulieren.
[Raul Krauthausen]
Also vor allem, ich hab das natürlich nicht in dem Ausmaß. Wenn ich eine Lesung hab, dann sind da vielleicht zweihundert Leute, aber es ist natürlich ähnlich. Und dann sitzt du da in einem Hotelzimmer und isst dann deine Pizza und du erzählst ja auch deiner Partnerin nicht jedes Mal: „Ja, war geil“, weil was kann man denn jetzt von dem Mal davor Unterschiedliches erzählen? Ja, waren wieder Leute da. Ich hab wieder Musik gemacht. Man kann sagen: „Ja, okay, die Bühne war besonders groß und hell“, aber irgendwann hat man halt alles erzählt. Und dann ist es halt auch für die Partner:innen nicht mehr so interessant.
[Wilhelmine]
Ich glaube, es geht schon um den emotionalen Austausch. Ich versuche mich da trotzdem irgendwie auszutauschen.
[Raul Krauthausen]
Also meine sagt dann immer: „Ja, ich weiß ja, was du machst. Ich komme nicht mit.“
[Wilhelmine]
Ja? Wirklich?
[Raul Krauthausen]
Ja, ab und zu mal, aber nicht jedes Mal.
[Wilhelmine]
Ah ja, okay. Ja, ich glaube, der Austausch mit dem Team ist es auch. Die Reflexion danach zu gucken: „Oh, lustig, hier in Bremen gab’s einen Moshpit. Funny. Hätte ich nicht gedacht.“
[Raul Krauthausen]
Weil man das gemeinsam erlebt hat.
[Wilhelmine]
Ja, genau. Also und wir gehen ja die ganze Reise dann miteinander. Und da dann irgendwie trotzdem noch mal zu reflektieren und den Abend Revue passieren zu lassen, das ist trotzdem wichtig.
[Raul Krauthausen]
Hast du noch einen anderen rosanen Elefanten?
[Wilhelmine]
Ist voll spannend.
[Raul Krauthausen]
Ja, ich glaube, da wird mir auch… aber ich würde ihn ansprechen wahrscheinlich, weil ich mich jetzt vertraut genug fühle. Ich hoffe, du fühlst dich auch wohl genug.
[Wilhelmine]
Ich fühle mich auch sehr wohl hier.
[Raul Krauthausen]
Also schon, ne? Also wir könnten über das Thema Queerness reden, Musik, Frauen in der Branche. Ich hab gestern von dir das Wort gelernt, Play Gap. Fand ich super interessant. Also dass Frauen einfach seltener gespielt werden im Radio, auch Journalisten. Ich kenne nur Pay Gap. Es gibt eigentlich auch ein Play Gap. Das Wort fand ich ganz interessant. Und eben auch, als Blond hier zu Gast war, da wurde Johann immer gefragt: „Wie ist es mit zwei Frauen in der Band?“ Aber die zwei Frauen wurden nie gefragt: „Wie ist es mit einem Blinden in der Band?“ Ne? Also es gibt ja auch so ein Tabu… Warum tun wir uns alle so schwer?
[Wilhelmine]
Ja, ich glaube, dieses Gefühl von Scham, da will halt niemand hin. Ne? Das versuchen wir alle zu umgehen. Und wann ist was unangenehm? Na ja, wenn man was nicht zu hundert Prozent deuten kann oder nicht zu hundert Prozent weiß. Ich hab auf der Rückseite von der Siegessäule eine Annonce gelesen und hab mich da beworben. Es ging um einen Job als Köchin. Und das habe ich noch bis vor drei Jahren oder so nebenbei gemacht, obwohl ich da schon sehr viele Konzerte auch gespielt habe. Und zwar habe ich gekocht für eine Person, auch aus der Community, die Contergan-geschädigt ist. Und ich hab bei mir gemerkt, dass ich irgendwie, obwohl ich mich so woke und aufgeklärt manchmal fühle, einfach trotzdem die Berührungspunkte fehlen. Auch mit Beeinträchtigungen. Und da habe ich dann echt einfach gemerkt… ich bin dann mit ihr Auto gefahren und ihr Auto wurde so umgerüstet, dass sie halt mit den Füßen lenken kann und wie die Menschen drumherum gestaunt haben, als sich das Lenkrad optisch von außen ins Auto schauend einfach so bewegt hat.
[Raul Krauthausen]
Ich glaube, es sind einfach nur die Berührungspunkte.
[Wilhelmine]
Und das Sehen und Hinschauen.
[Raul Krauthausen]
Seid ihr noch befreundet?
[Wilhelmine]
Ja, sie war jetzt letztens bei meiner Show. Im Tipi am Kanzleramt. Letzte Woche war das. Wir sehen uns noch regelmäßig. Leider habe ich keine Zeit mehr, für sie zu kochen.
[Raul Krauthausen]
Okay.
[Wilhelmine]
Aber ich hab das sehr genossen. Ich hab irgendwie einmal die Woche für die ganze Woche vorgekocht. Und das ist halt auch so was, ne? Darüber denken wir nicht nach. Das ist, ja, was Barrierefreiheit einfach auch bedeutet, was Einschränkung bedeutet. Und ich fand das einfach sehr spannend und inspirierend, da in ihr Leben mit reinkommen zu dürfen.
[Raul Krauthausen]
Das sind genau diese magischen Momente in diesem Podcast, finde ich, jedes Mal. Wir haben lange überlegt, wie bauen wir diesen Podcast eigentlich auf? Und ich hab halt gesagt, ich hätte gerne irgendwie eine Struktur, wo wir über alles reden können, wo aber auch gleichzeitig die Behinderung anwesend ist. Allein dadurch, dass ich halt da bin. Und was könnte ein Ort sein? Dann meinten die: „Ja, ein Aufzug wäre doch eigentlich interessant.“ Jeder kennt Aufzüge, jeder ist mal Aufzug gefahren, jeder hat ein Gefühl zu dem Aufzug. Deswegen vielleicht erst mal: Hattest du schon mal einen Awkward Moment in einem Aufzug?
[Wilhelmine]
Ähm, ich bin vor gar nicht allzu langer Zeit umgezogen. Und ich glaube, mein letzter Awkward Moment war, dass meine Partnerin und ich die Idee hatten, eine Person auf der Straße einfach random zu fragen, ob sie uns helfen kann, ein Regal, das sehr schwer war, hochzutragen. Und dann haben wir jemanden gefunden und wir kannten noch nicht mal seinen Namen. Er hat uns geholfen, dieses sehr schwere Regal in diesen Aufzug zu hieven. Und diese Stille vom Erdgeschoss bis in den fünften Stock, wo wir nicht wussten, beginnen wir eine Kommunikation? Wo gehen wir hin? Lassen wir es komplett? Also verraten wir uns gegenseitig die Namen, oder? [lacht] Aber es war, ja, das war mein letzter…
[Raul Krauthausen]
Ja, fühle ich voll.
[Wilhelmine]
Also weil wir auch so zusammengequetscht waren. Das Regal war komplett diagonal. Wir waren komplett eingequetscht in diesem Aufzug. Das war mein letzter Moment.
[Raul Krauthausen]
Und der andere magische Moment an diesem Format, find ich, ist, dass irgendwann dieses Thema Behinderung ganz von selber kommt. Ja, du hast es grad selber gesagt, ne. Du hast an der Siegessäule auf der Rückseite gelesen, dass eine Person jemanden sucht zum Kochen. Und die hatte Kontraindikationen. War da über Kontraindikationen gestolpert. Und ich find das total interessant, weil ich glaube, wir in dieser woken, progressiven Blase, in der ich vielleicht mich auch dazuzählen würde, wir manchmal glauben, wir müssen alle erziehen. Dann so Aufklärungsarbeit machen und sauer sind, wenn jemand das nicht von selber checkt. Eigentlich fast schon wütend sind. Aber jeder von uns hat irgendeinen Bezug zum Thema Behinderung in seinem Leben mal gehabt. Wir haben nur einfach nicht oft darüber nachgedacht und wir brauchen vielleicht einfach nur diesen Raum, um den rosa Elefanten mal kurz zu zeigen.
[Wilhelmine]
Ja, voll. Ich war, also dadurch, dass ich auch in so vielen Familien gelebt hab, hab ich auch in einer Familie gelebt, wo wir ein Mädchen auch in der Familie hatten, die Downsyndrom hatte. Und das war in meiner Jugend sehr präsent zu sehen, wie Ausgrenzung aufgrund der Behinderung von ihr funktioniert hat und was das mit ihr gemacht hat. Und da war ich schon immer stark im Team, mich vor sie zu stellen und dann lieber nur mit ihr zu sein, als irgendwie diese Dorf- oder Kleinstadtgefüge zu berücksichtigen.
[Raul Krauthausen]
In wie vielen Familien warst du?
[Wilhelmine]
In drei.
[Raul Krauthausen]
Schon viel.
[Wilhelmine]
Ja. Vor allen Dingen, ohne da genau ins Detail gehen zu wollen, aber aus einer Familie musste ich gehen, eben wegen meiner Queerness. Da hab ich mich das erste Mal in eine Frau verliebt. Meine damalige erste Freundin. Und das war wirklich der härteste Bruch in meinem Herzen, weil ich mich einfach auf das Familienkonzept eingelassen hatte. Du musst dir das auch ein bisschen so vorstellen, wenn man als Pflegekind in so eine Familie kommt, dann crossplayt man auch, dass man dazugehört. Man tut einfach so ein bisschen. Man ist ein bisschen wie ein Chamäleon.
[Raul Krauthausen]
Du hast dann ein zweites Mal quasi Familie verloren.
[Wilhelmine]
Genau. Und dann gibt es so ganz viele Dinge, die so einer Pflegefamilie vielleicht auch wichtig sind, wie Weihnachten. Da gibt es so verschiedene Rituale und ich hab mich als Chamäleon da ziemlich gut eingebracht. Und dann aber zu wissen, oder auch, ich hab mich wirklich auch drauf eingelassen. Ich hab auch mein Herz geöffnet und dann wurde das wieder zurückgenommen, Familie wurde zurückgenommen, und das war echt nicht okay.
[Raul Krauthausen]
Nee, überhaupt nicht.
[Wilhelmine]
Das war nicht okay. Das war schmerzhaft.
[Raul Krauthausen]
Und wie hast du deine Weichheit beibehalten?
[Wilhelmine]
Ich glaube, ich hab dieses Familienthema für mich… also erst mal Therapie, Therapie, Therapie. Und ich hab versucht, das Thema Familie, was ja gesellschaftlich so aufgeplustert ist, irgendwie neu zu definieren. Ich dachte mir: „Okay, ich kann jetzt entscheiden. Ich bin erwachsen. Ich kann jetzt entscheiden, was für mich Familie bedeutet. Wie möchte ich das definieren und was sind meine verdammten Rituale?“ Weißt du? Was möcht ich machen? Wo möcht ich sein und wann möcht ich eine Kerze anmachen, wann nicht, wann singen, wann nicht? Wen möcht ich dabei haben? Und das ist einfach eine riesige Kraft. Fänd ich die Realisierung des wirklich aktiven Erwachsenwerdens: „Okay, ab jetzt kann ich selbst gestalten, was das bedeutet für mich.“
[Raul Krauthausen]
Wie alt warst du da? Warst du 18 oder jünger?
[Wilhelmine]
Ja, so 18. 17, 18. Und dann bin ich erst mal abgehauen. Bin ich erst mal nach Spanien gegangen.
[Raul Krauthausen]
Kannst du Spanisch?
[Wilhelmine]
Sí. Ich hab ein Au-Pair-Jahr gemacht.
[Raul Krauthausen]
Ach, cool. Dann in einer Familie?
[Wilhelmine]
Ja, genau. Wieder eine Familie. [lacht] Ja.
[Raul Krauthausen]
Und wie war das für dich?
[Wilhelmine]
Cool, aber auch so ein Reality Check, wie viele Erwachsene es eigentlich braucht, um ein Kind großzuziehen. Um, also wenn alle ausgeglichen sein wollen gleichzeitig, braucht es ja eigentlich schon vier Erwachsene.
[Raul Krauthausen]
Und nicht jeder hat ein Au-Pair.
[Wilhelmine]
Ja. Das war eine sehr spannende Erfahrung, aber es hat mir auf jeden Fall das Spanisch gelehrt.
[Raul Krauthausen]
Was ich mich am Anfang gefragt hab bei deinen Songs… also ich beschäftige mich tatsächlich schon so ein bisschen länger mit dir, auch weil ich wusste, wir treffen uns heute. Und was ich mich am Anfang gefragt hab, ob irgendwann auch alles erzählt ist, von der Weichheit, die du ja auch hast, die Verletzungen, die du erlebt hast und so. Mit denen gehst du ja sehr offen und sehr transparent um. Und dann sagtest du aber in einem Interview mit Markus Kavka, dass du auch ganz viel Kraft ziehst aus der Beobachtung.
[Wilhelmine]
Absolut.
[Raul Krauthausen]
Und da hab ich zum ersten Mal gedacht, ich dachte, ich bin der Creep, weil ich die ganze Zeit auch super gerne Leute beobachte. Ich kann mich irgendwo hinsetzen im Café und einfach Leuten zugucken. Am liebsten lausche ich sogar, aber das ist halt richtig unhöflich.
[Wilhelmine]
[lacht] Und Tendenz creepy, wenn du andere Menschen belauscht.
[Raul Krauthausen]
Genau. Ich hab auch so die gruselige Vorstellung, das habe ich auch Mine, glaube ich, erzählt, dass ich unglaublich gerne mal… ich hab’s noch nie gemacht, aber ich würde echt gerne mal Leuten einfach folgen. Ohne Interesse jetzt irgendwas mit der Person. Was macht die den ganzen Tag? Von wo kommt die? Wohin geht die? Wie viele Leute trifft sie?
[Wilhelmine]
Ja, versteh ich. Aber ich glaube, das hat dich auch dazu geführt, was du jetzt machst.
[Raul Krauthausen]
Genau, mit Einladung, ja. [lacht] Aber da gibt es so viele kleine schöne Momente. Vor zwei Tagen hab ich, ich wohne in Kreuzberg, auf den M41er gewartet und der kommt ja im Rudel oder gar nicht. Und der kam gar nicht. Und dann stand ich da und wartete und es regnete und ich hab mich echt geärgert. Und plötzlich kam so ein Auto von den Berliner Wasserwerken. Und die haben diese Brunnen repariert, also diese Pumpbrunnen, diese hundert Jahre alten Dinger.
[Wilhelmine]
Ja, ich liebe die. Die habe ich als Kind schon geliebt. Ich bin immer rangesprungen. Und wenn dann auch noch einer funktioniert hat. Das war mein Highlight. Ich hab den Bürgersteig geflutet.
[Raul Krauthausen]
[lacht] Und es ist so heilsam zu sehen, dass einfach drei starke Jungs das Ding reparieren. Wo ich dachte so, wow.
[Wilhelmine]
Wow, es ist wirklich alles gut grad.
[Raul Krauthausen]
Ja genau, es funktioniert ja plötzlich hier alles. Und die hatten auch richtig Spaß. Die haben das Ding bewundert, wie alt es ist und so. Und solche Beobachtungen, ich glaub, da wären andere einfach dran vorbeigegangen.
[Wilhelmine]
Ja, ich liebe das auch sehr. Wunder im Kleinen.
[Raul Krauthausen]
Was war zuletzt dein Wunder im Kleinen?
[Wilhelmine]
Also immer wenn ich Leute zusammenbringe, merke ich, dass mein Herz so übersprudelt. Das ist für mich immer ein Wunder im Kleinen. Wenn ich sehe, dass mein Tun Menschen irgendwie bereichert. Gestern zum Beispiel war ich bei einer meiner engsten Freundinnen, die hat ein Renovierungsprojekt. Und sie hat total den Kopf verloren, weil wenn man so was fertigstellt, dann will man alles gleichzeitig. Alles soll gleichzeitig fertig werden. Und einfach nur, dass ich da war und so ein bisschen die Handwerker angeleitet hab und gesagt hab, was jetzt wichtig ist und die Prioritäten sortiert hab für sie. Das hat ihr so wahnsinnig geholfen. Und das war mein, also explizit mein Wunder im Kleinen ist dann das Leuchten in ihr gewesen, dass sie dann einfach erleichtert war, dass ich das gespürt habe.
[Raul Krauthausen]
Und einfach das Leid mittragen.
[Wilhelmine]
Ja, total. Die Schultern versuchen ein bisschen das abzunehmen.
[Raul Krauthausen]
Manchmal vielleicht so ein Blick von außen, der einem dann hilft, das irgendwie noch mal neu einzuordnen.
[Wilhelmine]
Und ich war gestern spazieren im Wald mit Laura Malina Seiler. Eine Mentorin, die ich jahrelang an meiner Seite hatte, um ihre Coaching-Inputs aufzunehmen und es hat sich so eine tolle Freundschaft ergeben, dass ich einfach gestern mit ihr im Wald war. Wir waren einfach spazieren, haben uns ausgetauscht, Visionen geschmiedet, Pläne geschmiedet und das war auch ein… also das ist ein Wunder im Großen. [lacht] Ja, nee, also das ist so ein Reality Check.
[Raul Krauthausen]
Hast du das Gefühl, jetzt mit zunehmender Prominenz, Dinge werden leichter? Zugänge zum Beispiel, Einladungen, Geld.
[Wilhelmine]
Also ich bin mir meiner Privilegien absolut bewusst, ne, dass ich schon auch als weiße Musikerin ohne Behinderung, in dieser Stadt lebend und groß geworden seiend, einfach die privilegierteste Person bin, die einfach so viele Flächen bekommt. Das weiß ich. Ich hab mir das alles auch, ich hab ja Straßenmusik gemacht. Ich hab mir mein Netzwerk aufgebaut. Ich würde sagen, die Hälfte ist wirklich harte Arbeit und die andere Hälfte wird auch einfach für mich als Mensch immer leichter sein. Das weiß ich auch.
[Raul Krauthausen]
Was ich so schockierend finde an meiner Arbeit – und ich könnte jetzt sagen, ich bin weiß, ich bin männlich, ich hab nur in Anführungsstrichen eine Behinderung – was mich wirklich so schockiert, ist, dass auf den Veranstaltungen, auf die wir gehen, oft das Essen umsonst ist zum Beispiel, obwohl wir uns das ja leisten könnten. Ne? Und also meine Ex-Freundin hat mal gesagt: „Wer hat, dem wird gegeben.“ Und ich würde jetzt nicht sagen, dass wir Millionär:innen sind wahrscheinlich, aber ich merke einfach, dass Dinge leichter werden. Wir werden nicht mehr schief angeguckt, wenn wir mal mit dem Taxi fahren, zum Beispiel. Früher wurde ich schief angeguckt. Oh, du fährst Taxi. Verstehst du, was ich meine?
[Wilhelmine]
Ja, absolut. Ich weiß noch, ich hab beim Film ein Praktikum gemacht. Ich war Setaufnahmeleitungsassistenz. Das sind die, die eigentlich immer am meisten rumlaufen und alles aufbauen und dann auch am Ende diesen Set-Tisch, dass alle Darstellerinnen Kaffee bekommen und so wieder abbauen. Und ich weiß noch, an einem Drehtag sind sehr, sehr viele Pizzen übrig geblieben, weil für das ganze Team Pizzen bestellt wurden. Und ich habe den Vorschlag gemacht, dass ich nach der Arbeit – also wir haben wirklich lange gearbeitet – dass ich trotzdem noch zum Kotti fahre und die da verteile. Und ich weiß noch, das fanden viele auch ein bisschen aufwendig. Für mich war es einfach sehr logisch. Warum sollten wir das wegschmeißen? Ist mir nur gerade in den Kopf gekommen, dieses Bild mit den Pizzen.
[Raul Krauthausen]
Nee, also ich finde das total nachvollziehbar. Bei Markus Kavka, glaube ich, hast du erzählt, oder er hat dich gefragt, ob du einen Rider hast. Also so: „Was braucht Wilhelmine, wenn sie irgendwo unterwegs ist?“ Und da habe ich mich selber ertappt gefühlt, weil ich auch einen Rider habe. Und ich wollte fragen: Was steht bei dir drin, was man als Guilty Pleasure abtun kann oder als typisch Wilhelmine?
[Wilhelmine]
Also typisch Wilhelmine ist ganz groß und fett und rot steht da drauf: „Vorsicht, keine Paprika“.
[Raul Krauthausen]
[Fahrstuhlpiepen] Gleich geht’s weiter. Wenn du diesen Podcast unterstützen möchtest, dann kannst du das mit einem kleinen monatlichen Beitrag tun. Im Gegenzug kannst du alle Folgen vorab hören und wirst, wenn du das möchtest, hier im Podcast namentlich genannt. Alle Infos findest du auf im-aufzug.de. Ende der Servicedurchsage. Viel Spaß beim zweiten Teil der Folge. [Fahrstuhlpiepen] Ah.
[Wilhelmine]
Weil wenn ich Paprika esse, dann haben wir alle keine gute Zeit. Das ist eigentlich das Einzige, was ich… was stand denn immer da so drauf?
[Raul Krauthausen]
Hast du den selber geschrieben oder wurde der für dich geschrieben?
[Wilhelmine]
Ich glaube, wir haben ihn als Team verfasst. Meine Tourmanagerin hat es dann zu Papier gebracht.
[Raul Krauthausen]
Und der gilt dann auch für den Gitarristen und…
[Wilhelmine]
Genau, ich habe in die Runde gefragt. Dann haben mir ein paar Leute was zugerufen und gesagt: „Ich will ein alkoholfreies Bier immer haben.“ Ich so: „Ja, okay.“ Also von mir steht eigentlich an Extrawünschen wirklich drauf… Was ich wirklich gerne mache vor jeder Show, ist mir die Zähne putzen. Und wenn ich keine Zahnbürste da hab, dann werde ich schon ein bisschen unruhig. Dann gehe ich aber sonst auch noch mal selbst zum Drogeriemarkt und hole mir eine. Aber so richtig abgehoben ist da eigentlich nichts drauf. Ich glaube, ich habe auch für meine Crew ein bisschen Alkohol draufstehen, aber ich trinke ja selbst nichts. Also ich glaube, ah doch, Völkelsäfte. Ich liebe es… daran erkenne ich auch, ob Menschen den Rider lesen. Weißt du? Wenn ich in den Kühlschrank gucke, sehe, wow, da steht ein Völkelsaft aus dem Wendland, ne. Die kommen ja auch aus dem Wendland.
[Raul Krauthausen]
Hast du einen Lieblingsvölkelsaft?
[Wilhelmine]
Ich mag den Orange C, diesen hundertprozentigen Orangensaft, den finde ich genial und ich habe auf dem Balkon gerade eine Kiste, trinke ich auch sehr gerne, ist der Möhrensaft.
[Raul Krauthausen]
Ich mag den Sieben-Zwerge-Saft. Oder?
[Wilhelmine]
Köstlich.
[Raul Krauthausen]
Ich werde immer ausgelacht, wenn ich als kleiner Mann einen Sieben-Zwerge-Saft trinke, aber der ist tatsächlich sehr, sehr lecker.
[Wilhelmine]
Der ist doch köstlich. Das kann ich nachvollziehen. Nee, aber genau. So ein Völkelsaft zeigt mir, dass Menschen den Rider lesen. Was steht bei dir drauf?
[Raul Krauthausen]
Haribo Quaxi.
[Wilhelmine]
Was ist denn das?
[Raul Krauthausen]
Genau. Jeder soll diesen Moment haben. Ja, das sind die Gummifrösche.
[Wilhelmine]
Ah ja. Und dann kommen die Leute zu dir und informieren dich auch darüber und sagen: „Sorry, wir haben leider keine Haribo Quaxis gefunden.“
[Raul Krauthausen]
Ja. Oder aber es gibt Haribo Quaxi in Mengen. Ich habe so viele zu Hause, ich könnte mal das wechseln. Aber der Witz war, dass ich wollte, dass jemand mal kurz guckt, was ist das? Und das gibt es überall. In jedem Supermarkt gibt es wirklich Haribo Quaxi, aber niemand weiß, dass es Quaxis ist. Eben Gummifrösche. Und ich hatte diesen Rider aber ursprünglich, weil ich will, dass meine Veranstaltungen barrierefrei sind. Also nicht nur für mich, sondern auch für die Zuschauerinnen. Und ich wirklich genervt war, dass ich jedes Mal gefragt wurde, wie schwer ich bin, wie schwer mein Rollstuhl ist, wie breit mein Rollstuhl ist. Und das hat sich so beschämend angefühlt. Ich frage ja auch nicht, was du wiegst und wie schwer du bist. Out of the blue. Dass ich dann gesagt habe, ich mache jetzt einmal ein Foto mit den Maßen und dann will ich das nie wieder gefragt werden. Und das war die Geburtsstunde des Riders. Ja, und jetzt stehen da noch ein paar andere Sachen drin und unter anderem Haribo Quaxi. Aber es erleichtert tatsächlich die Arbeit, ne?
[Wilhelmine]
Ja, also ich habe manchmal ein schlechtes Gewissen, wenn Menschen den wirklich so ernst nehmen, weil da steht irgendwie auch drauf, dass wir eine Suppe haben wollen, wenn wir ankommen. Weil wir meistens ja mittags dann ankommen und manchmal habe ich dann gar keinen Hunger. Und dann tut mir das total leid, dass da eine Suppe draufsteht, aber nach einer Show gibt es sonst die Suppe. Oder was ich auch oft mache, das letzte Mal haben wir im Winter eine Tour gespielt und wenn ich sehe, dass meine süßen Ultras schon da sind und draußen vor der Venue sitzen, dann bringe ich die Suppe auch raus. Dann verteile ich die Suppe draußen in die sich füllende Schlange.
[Raul Krauthausen]
Ich verteile Süßigkeiten an die armen Kinder, die von ihren Eltern zu meinen Veranstaltungen mitgenommen wurden. [lacht] Weil dann denke ich eigentlich, war das jetzt eine Veranstaltung für Erwachsene und das Kind muss jetzt da irgendwie anderthalb Stunden zuhören.
[Wilhelmine]
Kannst du einen Activity-Raum noch auf den Rider schreiben. Ein kleines Bällebad im Foyer.
[Raul Krauthausen]
Aber die Wilhelmine Ultras, die hast du dir mit Patreon, habe ich jetzt gesehen. In der Corona-Zeit. Ich habe jetzt auch abonniert. In der Corona-Zeit bist du auf die Idee gekommen, dass du ja auch Privatkonzerte virtuell geben könntest.
[Wilhelmine]
Ja, nicht nur virtuell, sondern auch in Person. Mache ich das einmal im Jahr, dass wir zusammenkommen.
[Raul Krauthausen]
Und wer sind die Ultras?
[Wilhelmine]
Das sind die Willys. Und wir treffen uns. Wir waren jetzt zweiunddreißig Leute und dann habe ich mir ein bisschen was überlegt, den ganzen Tag ein bisschen strukturiert und meistens machen wir irgendeine Aktivität. Diesmal war es so eine Quizshow. Das war ganz cool. Das hat Spaß gemacht und danach waren wir noch essen und ich habe ein Konzert gespielt. Klar. Genau, das mache ich auch immer. Die aktuellen Lieder oder die Lieder, die gewünscht werden. Oder diesmal war es auch super spannend. Es kamen Fragen zu meinen Songs und du musst wissen, die meisten davon sind wirklich bei jedem Konzert und ich dachte, es ist alles klar, wir haben alles gesagt. Und dann kamen aber wirklich noch Nachfragen zu den Deutungen meiner Lieder und das fand ich super spannend. Zum Beispiel in einem Lied, das heißt „Nie wieder wegrennen“. Da sage ich quasi, Blatt in Blatt wäre auch okay. Weil ich in der ersten Strophe quasi die Metapher aufmache, wie die Bäume hier. In diesem Wald möchte ich etwas, das wirklich bleibt mit festem Stand und einer Familie, frischer Luft und immer Liebe hier. Ich stelle mir quasi vor, wie es wäre, wenn ich ein Baum wäre, also wenn ich so ein festes Umfeld hätte wie einen Baum. Und in der zweiten Strophe sage ich quasi, ich komme durch Gezeiten immer Hand in Hand. Ja, ich weiß, quasi Blatt in Blatt wäre auch okay. Weißt du, was ich damit meine? Also ich sage [lacht] quasi in der zweiten Strophe, es ist, als würden wir Hand in Hand gehen durch alle Gezeiten. Und dann versuche ich das aber wieder zu korrigieren und zu sagen: „Na ja, Blatt in Blatt“, weil wir beide ja dann Bäume wären.
[Raul Krauthausen]
Blatt in Blatt dachte ich jetzt an Laub.
[Wilhelmine]
Ah ja. Guck mal. Und ich habe mir eigentlich nämlich das Bild gehabt, dass ich mir vorstelle, ich bin ein Baum. Ich habe meine Family um mich. Und dann halten wir nicht Hände, sondern Blätter. Blatt in Blatt. Na ja, okay.
[Raul Krauthausen]
Aber interessant. Bist du jetzt gerne jemand, die deine Texte erklärt? Oder bist du eher so wie Grönemeyer, der dann sagt so: „Na ja, also soll doch jeder für sich selbst sein.“
[Wilhelmine]
Ich mach das schon ziemlich viel. Manchmal glaube ich sogar zu viel, weil ich eigentlich echt gerne möchte, dass die Leute auf jeden Fall den Impuls verstehen, woher das Lied kommt und was ich mir dabei gedacht habe. Manchmal habe ich schon gehört, dass Menschen das gerne ein bisschen freier interpretieren würden für sich. Warst du schon mal auf einem Konzert von mir?
[Raul Krauthausen]
Leider noch nicht.
[Wilhelmine]
Ich lade dich hiermit herzlich ein, beizuwohnen. Komm gerne bitte vorbei.
[Raul Krauthausen]
Sehr gerne. Da komme ich tatsächlich.
[Wilhelmine]
Genau, und ich versuche immer so eine gute Mitte zu finden, dass ich erzählt habe, was der Kern für mich bedeutet und aber trotzdem noch Interpretationsfläche lasse.
[Raul Krauthausen]
Was ich problematisch finde, dass jetzt so aktuell diskutiert wird, ob wir die Doku von Haftbefehl in der Schule zeigen sollten oder nicht, weil das ja gesellschaftsrelevante Themen sind. Und dann denke ich so: Ja, mag sein, aber Wilhelmine Texte sind mindestens genauso gesellschaftlich relevant. Also warum… Es ist wieder der Dude, dessen Geschichten erzählt werden. Und ich glaube, dass deine Geschichten, queer sein, in Pflegefamilien aufgewachsen, zerrissenes Umfeld, doch viel mehr Menschen betrifft.
[Wilhelmine]
Ich habe die angefangen zu schauen. Hast du die geschaut?
[Raul Krauthausen]
Ich weigere mich noch. Ich habe da echt so einen inneren Widerstand.
[Wilhelmine]
Ja, ich habe sie angefangen zu schauen und dachte so: [ausatmen] „Okay, diese Verherrlichung von Konsum, da gehe ich einfach nicht mit.“ Es ist auch einfach… Das hat natürlich auch mit meiner ganz persönlichen Geschichte zu tun. Aber vielleicht ist es auch ein bisschen zu heroisch formuliert von mir, aber ich bilde mir ein, ich habe genau die gleichen Voraussetzungen gehabt für alles, was mir bisher passiert ist, auf der schiefen Bahn zu landen. Es hätte sein können, dass ich jetzt einfach nicht das tue, was ich tue, sondern alkoholabhängig bin, mein Leben nicht unter Kontrolle habe, vielleicht noch andere Drogen konsumiere und vielleicht sogar auch das weitertrage und Gewalt an meiner Familie ausübe. Das hätte passieren können. All das ist ganz logisch. Aber hat es nicht die größte Kraft und ist das nicht mal unser aller Verantwortung, einen Schritt rauszugehen aus dem, was einem passiert ist, und zu sagen: „Nee, ich kann das neu definieren. Ich möchte das nicht weitergeben.“ Punkt. Und ich seh da ganz viel in dieser Doku. Das seh ich auch kritisch. Vielleicht bin ich damit auch alleine. Vielleicht können wir uns dazu austauschen. Ich freue mich, wenn sich Menschen darüber mit mir unterhalten, aber mir tut es so weh, wenn das an die Kinder weitergegeben wird und die sehen ihren konsumierenden Vater. Ich kann das nicht. Ich pack das nicht. Und das erfordert vielleicht auch einfach eine stärkere Willenskraft, sich da komplett rauszuziehen. Man braucht vielleicht oder er braucht in dem Fall einfach schon frühzeitig Therapie und auch eine Gesellschaft, die das frühzeitiger anerkennt oder sieht.
[Raul Krauthausen]
Hast du zufällig die Serie Adolescent auf Netflix gesehen? Diese vierteilige Serie über einen Jungen, der eine Mitschülerin umbringt. Ist eine Serie aus Großbritannien und die ist in einem Schuss gedreht worden. One Take. Und vier Folgen lang und wirklich sehr gut gemacht, und es hat Debatten in Großbritannien ausgelöst über Sexting und die ganzen WhatsApp-Nachrichten, die sich Jugendliche so schicken. Und ich fand die Serie auch gut und ich find sie auch immer noch gut, aber dann irgendwann sagte auch meine Frau zu mir: „Das ist halt der Male Gaze. Das ist halt, wir gucken die ganze Zeit aus der Perspektive der Eltern eines Jungen, der eine Mitschülerin umgebracht hat und wir fühlen durch alle Gefühle des Vaters mit und der Schwester. Aber wir erfahren nichts über die Familie des Opfers.“ Super eindimensional. Und ich glaube, da haben Medien tatsächlich auch eine Verantwortung, weil das ist eigentlich was… Wir fühlen alle mit dem Vater mit, der total überrascht ist, dass sein Sohn jemand umbringt, aber wie müssen sich die Eltern der verstorbenen Person fühlen?
[Wilhelmine]
Mhm. Aber Male Gaze ist es halt einfach in sehr vielen Bereichen der Kunst, der Kultur, einfach der Blickwinkel. Sagen wir Artists. Männliche Artists, Solo-Artists und weibliche Artists. Die Solo-Artists, die dem Male Gaze mehr entsprechen – steile These – sind die erfolgreicher? Ich denke schon. Und das meine ich, das ist so eine Beobachtung.
[Raul Krauthausen]
Oder auch dass Blond erzählt, dass sie einfach super selten andere weibliche Acts auf Festivals finden und sie immer der Female Act sind. Voller Dudes.
[Wilhelmine]
Ja, also die richtig großen Solo-Künstlerinnen, weiblichen Acts, sind die nicht alle auch hyperfem? Kerstin Ott fällt mir ein.
[Raul Krauthausen]
Auf deren Konzert war ich neulich. Hier in Berlin. In der Uber Arena. Die war ja auch hier zu Gast, Kerstin Ott. Und ich finde das tatsächlich total wholesome, also ganzheitlich irgendwie. Es war wunderschön mitzukriegen, wie Menschen so geerdet sind, also wirklich bei sich sind. Aufgrund ihrer Erfahrungen, die sie gemacht haben. Sie hatte ja auch keine leichte Zeit. Und dass alles so echt ist, was sie machen. So einen Vibe fühle ich hier auch grad, dass man einfach aus einem Quell von Erfahrungen und Perspektiven spricht, den andere nicht haben. Du hast grad gefragt, ob das alles so Super-Fems sind. In der Corona-Pandemie hab ich viele Dokus über Promis gesehen, Amy Winehouse und Billie Eilish. Keine Ahnung, war grad so im Tunnel. Und total viel Erzählen von Drogenerfahrungen und Depressionen und Selbstmordgedanken. Und ich hab mich gefragt: Wenn jetzt fast jede Band das durchmacht, ist das vielleicht auch so ein Narrativ, das erwartet wird inzwischen? Und dann hab ich die Doku von Pink gesehen. Kennst du die?
[Wilhelmine]
Ja klar. Ich war in der Columbia-Halle bei Pink. Die Doku kenne ich leider nicht.
[Raul Krauthausen]
Yes, All I Know So Far. Und die ist halt komplett anders. Da geht’s eben nicht um Drogen, da geht’s darum, wie sie mit ihrer Familie auf Tour ist und so gegroundet. Da sagt sie, weil du vorhin gesagt hast, man braucht ein ganzes Dorf, um Kinder großzuziehen: „Und ich hab immer ein Dorf dabei.“ Halt eine andere Nummer. Und wenn sie dann mit mehreren Headlinern unterwegs sind, dann buchen die halt ein Hotel und nicht nur ein Zimmer. Und das fand ich tatsächlich auch noch mal eine spannende Perspektive und ich glaube, die ist keine Super-Fem. Also sie macht schon viel sexualisierten Tanz und so weiter, aber ich glaube tief in sich drin ist die nicht so.
[Wilhelmine]
Ja, das stimmt. Absolut richtig. Ich hab vielleicht auch eher den deutschsprachigen Markt gemeint. Aber Kerstin Ott fällt natürlich auch total raus. Aber ja, ist eine spannende Beobachtung.
[Raul Krauthausen]
Bist du’s manchmal leid, die Botschafterin von queeren Themen zu sein?
[Wilhelmine]
Mhm, nee. Ich war auf einem Konzert letzte Woche von Suzi Quatro. Suzi Quatro ist 75 und hat um die 30 Alben rausgebracht. Ja, und dann spielt sie diese ausverkauften Friedrichstadtpalast Konzerte und ich hab einfach, als ich da im Publikum saß, richtig gemerkt in mir: Ja, der einzige Weg ist, ich muss einfach weitermachen. Ich darf an keinen Punkt kommen, wo irgendwas anderes vielleicht stärker wird. Also stärker irgendwie Zweifel größer werden oder so. Ich möchte einfach immer die Kraft und den Mut haben, weiterzumachen. Und dann kann mir nichts passieren, glaub ich. Ich bin an so einem, was du auch in dem Gespräch gesagt hast mit Blond, dass man auf so ein Plateau kommt seiner Karriere. Und ich glaube, ich bin an dem Punkt und da bin ich sehr, sehr dankbar für. Ich bin an einem Punkt, wenn es jetzt so weitergehen würde und ich die Erfahrungen sammeln darf, die ich mache, dann bin ich einfach versorgt. Es ist okay. Ich brauch nicht viel und ich bin richtig happy mit dem, was ich habe. Mehr als happy.
[Raul Krauthausen]
Du hast mal in einem Interview gesagt, und mit 80 kommst du dann auf die Bühne, die dann barrierefrei ist. [lacht] Das ist wirklich interessant, wie, ohne groß zu suchen, du genau diese Perspektive Barrierefreiheit, andere Minderheiten und so weiter auch mitnennst und mit erwähnst. Das machen nicht viele.
[Wilhelmine]
Wie hat das denn Kerstin Ott gemacht bei dem Konzert?
[Raul Krauthausen]
Also bei dem Konzert jetzt nicht, aber im Podcast hat sie tatsächlich zum Beispiel erzählt, dass sie eine Brieffreundschaft hat mit jemandem, der das Downsyndrom hat. Und dass die einfach sehr viel austauschen und für sie hat sie auch einen Song geschrieben und so. Und ich hatte das Gefühl, das kommt wirklich von Herzen. Das ist jetzt nicht so ein PR-Talk.
[Wilhelmine]
Ich hab zum Beispiel angefangen, auf meinen Sommershows, bei meinen Festivals, Konzerte oder Lieder auf der Rolli-Rampe, auf der Tribüne zu singen. Weil ich das einfach, ich denk mir, okay, diese Rolli-Rampe ist da hinten achthundertvierzig Kilometer von der Bühne entfernt. Und dann steht sie auch noch so quer von der Bühne, so dass alle Rollis irgendwie komisch seitlich da… Also das find ich einfach so blöd. Ich bin sehr dankbar, dass ich mittlerweile Rolli-Rampen hab. Aber dann guck ich schon eigentlich immer, dass ich mich dort auch aufhalte im Set.
[Raul Krauthausen]
Hast du da als Artist Einfluss drauf, ob es Rolli-Rampen gibt oder nicht?
[Wilhelmine]
Ja klar, wenn man da mittags in die Venue kommt, dann kann man immer noch sagen… Also zurückgespult. Ob eine Venue eine Rolli-Rampe hat, kann ich nicht beeinflussen. Ich kann mich nur informieren. Und Druck machen, dass das so ist. Und vorher noch mal extra mein Team nachfragen lassen, dass das wichtig ist. Das kann ich schon machen. Das kann ich schon beeinflussen. Also hätte mich interessiert, wie Kerstin Ott das zum Beispiel in einer Größe der Uber Eats Arena handhabt.
[Raul Krauthausen]
Also die Mehrzweckhalle am Ostbahnhof, wie ich sie ganz gerne nenne. [lacht] Die Markenhalle. Und die hat ja fest verbaute Rolli-Plätze. Aber auch maximal entfernt. Max-Schmeling-Halle fand ich bisher noch am besten, weil da hat man noch ein bisschen Auswahl, wo man als Rollifahrer dann sitzt. Aber der Pain-Punkt ist wirklich die Tickets bestellen. Niemand fühlt sich zuständig. Also ich kann nicht bei Eventim oder Ticketmaster Tickets kaufen. Die verweisen einen immer an irgendeine komische Telefonnummer, die auch nur zehn Minuten die Woche besetzt ist. Und niemand fühlt sich zuständig. Und am Ende sagen die immer: „Ja, könnte vielleicht klappen.“ Und bis zum Tag des Events weißt du nicht, ob du reinkommst oder nicht.
[Wilhelmine]
Das ist richtig nervig. Also wäre eigentlich ja einfach nur von Eventim die Aufgabe, einen weiteren Reiter zu machen. Dass man Rolli-Tickets auch findet.
[Raul Krauthausen]
Gerade bei so Orten wie Uber Arena, die ja sowieso nicht verändert werden. Aber ja, das ist tatsächlich ein Dauerthema. Schon richtig krass.
[Wilhelmine]
Was kann ich in meiner Größenordnung für meine Konzerte, die so… ich darf nächstes Jahr im Huxleys spielen. Was kann ich tun?
[Raul Krauthausen]
Auf deiner Website, wenn du eine hast, einfach schreiben, wie Menschen mit Behinderung an die Tickets kommen. Also dann genau diese Telefonnummer bereitstellen, die man sonst selber googeln muss. Und bei Huxleys bin ich tatsächlich nicht reingekommen, weil der Aufzug kaputt war. Aber da kannst du ja natürlich als Veranstalter oder als Künstlerin nichts für, aber das war dann bisschen ätzend.
[Wilhelmine]
Und dann konntest du einfach gar nicht beiwohnen bei dem Konzert? Es wurde auch keine Alternative angeboten?
[Raul Krauthausen]
Nee, es gab halt keine. Hochtragen will ich nicht und Aufzug geht halt nicht. Ich hab mein Geld zurückbekommen immerhin. [lacht]
[Wilhelmine]
Oi. Also eine zentrale Rufnummer, wo man für alle Konzerte in jeder Stadt die Rolli-Tickets kaufen könnte.
[Raul Krauthausen]
Ja, oder wenn du jetzt weißt, du bist im Huxleys, dann bitte die Telefonnummer vom Huxleys. Die dafür zuständig sind. Das kann man eigentlich recherchieren. Oder den Venue-Verein fragen tatsächlich. Ich frage deswegen, ob du manchmal genervt bist von diesen Themen, weil ich selber irgendwann festgestellt habe, ich bin eigentlich so dieser Berufsbehinderte geworden. Ne, also ich verdiene mein Geld mit der Tatsache, über diese Themen zu sprechen. Ich wollte es nie werden. Es war nie mein Plan, aber es ist jetzt auch okay, dass es so ist. Und ich kann mir vorstellen, dass es bei dir vielleicht so ähnlich ist. War nie dein Plan.
[Wilhelmine]
Ja, es war… Also ich möchte schon, dass mein Kunstwerk an sich oder meine Songs an sich stehen können, auch Liebeslieder ohne eine queere Perspektive funktionieren. Weißt du, was ich meine? Dass es auch einfach als Liebeslied gesehen werden kann. Aber ich bin schon auch wahnsinnig stolz drauf, dass ich auch eine Stimme da sein darf für eine ganze Community. Das ist auch was Großes. Das weiß ich auch.
[Raul Krauthausen]
Du hast auch mal gesagt, dass auch Nichtbetroffene, also nicht queere Menschen, Haltung zeigen sollten zu diesen Themen. Pink beispielsweise positioniert sich aber und findet es auch cool, dass sie viele queere Fans hat. Und dann habe ich mich gefragt: „Okay, würde ich das als Mensch mit Behinderung jetzt cringe finden, wenn Alligatoah oder Wilhelmine zum Thema Behinderung singen?“ Weil das würde gehen. Ich glaube, auf jeden Fall ist das möglich. Aber es könnte halt schnell in so eine Richtung gehen wie Luke Mockridge, der Witze über Behinderung macht. Wenn du verstehst, was ich meine. Wie holt man sich diese Sicherheit als nicht betroffene Person, um darüber safe zu sprechen, über Queerness oder Behinderung?
[Wilhelmine]
Ich glaube schon, dass eine Glaubwürdigkeit eben nur da in einem Bereich ist, wenn man wirklich davon betroffen ist, finde ich. Und dann ist die Frage: Inwiefern möchte die Person jetzt darüber sprechen? Möchte sie das wirklich? Also sich für die Communities einzusetzen, kann man ja auch, ohne sich an den Sachen zu…
[Raul Krauthausen]
Ohne kulturelle Aneignung zu betreiben.
[Wilhelmine]
Ja, genau. Also es kann sich ja jemand einfach für die Communities einsetzen und Haltung zeigen. Feministisch sein, für Minderheiten einstehen, ohne laut zu rufen: „Ich weiß, wie’s ist.“ Weil’s die Person halt eben nicht weiß.
[Raul Krauthausen]
Ich glaube, dass ein unglaubliches Potenzial darin steckt, vielleicht sogar zu sagen: „Ich weiß nicht, wie es ist.“ Aber man kann sich das vielleicht vorstellen oder? So wie du erzählt hast, ja, dann hast du halt für sie gekocht und du warst am Anfang auch unsicher. Darüber kann man ja singen. Und dass dann das Thema aber vielleicht eher ist, dass alle Theorie, die du vorher wusstest, zum Beispiel nicht stimmt, und die Begegnung einfach den Unterschied macht.
[Wilhelmine]
Ja, also ich hab einfach nicht gewusst, dass Menschen, die Contergan-geschädigt sind, sich vernetzt haben mittlerweile in ganz Deutschland, in angrenzenden Ländern. Ich wusste nicht, dass es das größte pharmazeutische Verbrechen war insofern. Damit habe ich mich einfach nicht auseinandergesetzt. Das habe ich erst im Nachhinein nachgeholt und ich wusste nicht, was für eine Power in Füßen stecken kann. Und wie sehr man damit auch Kunst machen kann. Sie malt ganz viele tolle Bilder, eben mit den Füßen. Und ich hab dann auch mal probiert, überhaupt einen Pinsel zu halten mit meinen Zehen und ich bin halt kläglich gescheitert. Aber einfach das mal auszuprobieren und mich in die Rolle zu versetzen und zu gucken: Was wäre, wenn ich ab morgen meine Füße hauptsächlich nutzen müsste?
[Raul Krauthausen]
Da kann ich immer nur sagen: Übung macht den Meister drin. Wenn man nicht anders kann, dann lernt man das halt. Mir hat mal eine blinde Person erzählt, das fand ich auch ganz interessant: „Wir können gar nicht besser hören oder besser riechen oder besser tasten, weil wenn wir jetzt das Augenlicht verlieren würden, dann würden wir halt auch eine Weile brauchen, aber dann würden wir genauso gut hören, tasten. Es wäre halt einfach ein anderer Zugang einfach.“
[Wilhelmine]
Ja, ich hab eine tolle ältere Dame auf dem Ku’damm kennengelernt, vor mittlerweile knapp zehn Jahren. Sie hat am Zoologischen Garten um Hilfe gerufen und hat gesagt: „Kann mir mal bitte jemand helfen?“ Und das ist eine blinde ältere Dame. Und ich hab gesagt: „Na ja, hallo, guten Tag, was gibt’s denn?“ Und dann wollte sie gerne zum Apple Store gebracht werden.
[Raul Krauthausen]
Wo man halt so hingeht.
[Wilhelmine]
Nee, weil sie da eine Schulung mitgemacht hat. Wie man nämlich eben dieses Handy auch für blinde Personen so einstellen kann. Und dann habe ich sie dahin gebracht und daraus ist eine ganz tolle Freundschaft entstanden und wir waren jetzt letztens erst wieder auf einem Konzert. Und ich liebe das. Dann setz ich mich neben sie. Die ist mittlerweile 85 Jahre alt. Sie sagt auch immer wieder zu mir, sie hat einen wahnsinnigen Nachteil zu Geburtsblinden. Weil sie einfach erst mit knapp 55 erblindet ist und sich alles beigebracht hat.
[Raul Krauthausen]
Das ist eine kognitive Leistung.
[Wilhelmine]
Wahnsinn. Wahnsinn. Und auch da liebe ich das, dass ich mich in ihre Perspektive so ein bisschen hineinversetzen kann und dann verbringe ich auch oft das Konzert an ihrer Seite, oft mit geschlossenen Augen und versuch, mitzufühlen.
[Raul Krauthausen]
Lernst du gerne neue Leute kennen?
[Wilhelmine]
Mhm, in diesem Jahr glaube ich nicht. Aber sonst eigentlich schon. Ich bin eigentlich schon ziemlich extrovertiert. Ich liebe es, wenn eine Person gar keine Berührungspunkte in irgendeiner Form mit meiner Bubble hat. Also eine Person, die sich komplett selbst versorgt auf einem Hof, liebe ich. Ich liebe es dann, da einfach komplett in andere Realitäten eintauchen zu dürfen. Aber dieses Jahr war ich so ein bisschen zurückgezogen, weil ich einfach sehr viel getrauert hab und für mich war.
[Raul Krauthausen]
Ja klar. Du hast erzählt, dass du auch mit dem Wohnwagen einfach mal durch Europa gereist bist. Dann einfach auch so dieses klassische Van Life wahrscheinlich mal ausprobiert hast. Und was ich in dem Gespräch so angenehm fand, dass du erzählt hast, ja, es war wirklich dieses Klischee Van Life, das du mal machen wolltest. Weil viele Leute, die das gefragt werden, die sagen so: „Ja, nee, das war schon was anderes.“ Dann sagst du: „Ja, nee, das war schon.“ Und ist auch okay.
[Wilhelmine]
Genau, also ich hatte einen T4, einen VW-Bus. Den habe ich mir selbst ausgebaut hinten, hab mir so eine schöne Küche reingebaut.
[Raul Krauthausen]
Hast du den noch?
[Wilhelmine]
Nein, das war meine erste Corona-Maßnahme. Leider. Aber es ist auch okay. Ich glaube, der ist jetzt bei einer Familie gelandet, die einfach den auch behutsam in den Urlaub chauffiert.
[Raul Krauthausen]
Du bist gealpt.
[Wilhelmine]
Ich habe einfach… Also um’s kurz zu machen, VW-Busse müssen jetzt nicht gejagt werden über eine Autobahn, um schnell ein Konzert zu spielen. Ja. Und deshalb ist es auch okay, dass er gegangen ist. Aber ich hab sehr viel Zeit verbracht in Griechenland mit dem VW-Bus. Und…
[Raul Krauthausen]
Und gerne gekocht da drin.
[Wilhelmine]
Ja, hinten, genau. Unter der Heckklappe dann.
[Raul Krauthausen]
Warst du dann immer allein unterwegs?
[Wilhelmine]
Nee, mit meiner damaligen Partnerin war ich viel unterwegs, war aber auch viel alleine unterwegs.
[Raul Krauthausen]
Hattest du da irgendwie neue Kontakte kennengelernt oder auch teilweise Angst?
[Wilhelmine]
Ich hab mich eigentlich immer daran orientiert, wenn ich jetzt zum Beispiel in Buchten stand, habe ich immer geguckt, wo ich parke, dass ich in der Nähe vielleicht sogar von einem deutschen Kennzeichen stehe. Dass ich weiß, okay, wenn irgendwas passiert, dann könnte ich sonst mich aus meiner Muttersprache… Also da war ich auch so 18. Ab 18.
[Raul Krauthausen]
Jetzt kann ich dir meinen Guilty Pleasure verraten. Mein YouTube-Algorithmus schlug mir vor ein paar Jahren Wohnwagen-Videos vor. Und seitdem bin ich drauf hängengeblieben. Das hat so was Heilsames. Andere Leute gucken ASMR-Videos.
[Wilhelmine]
Ich guck gerne Schach- oder Scrabble-Partien.
[Raul Krauthausen]
Genau, und da gibt’s halt Leute, die halt ihren Follow-me-around ihrer Wohnwagen machen. Und das ist, also ich weiß zu viel über Wohnwägen. Dafür, dass ich keinen Führerschein hab und auch gar keinen besitzen will, weiß ich relativ viel. Und ich find das so interessant, weil es gibt ja so Stealth Camping. Also Leute, die versuchen so zu campen, dass es nicht auffällt, dass es ein Campingwagen ist, sondern eigentlich ein umgebauter, also sieht aus wie ein Handwerkerauto, ist aber umgebaut. Weil das in einigen Ländern verboten ist, in der Stadt zu campen. Und die überlegen sich dann so Strategien, wie sie parken müssen, damit sie schnell wegfahren können. Aber in dem Pro Level warst du nicht unterwegs.
[Wilhelmine]
Also ich war schon in dem Pro Level, dass ich halt gecheckt habe, also ich war in Ländern, stand ich in Buchten auch relativ lange, wo ich wusste, da darf ich stehen und das ist dann gut, wenn ich in das Restaurant gehe, das da auch in der Bucht ist und immer mal wieder mich zeige. Das ist so der Deal. Ansonsten war oft meine Alarmanlage, ich hatte eine Alarmanlage dabei, das war mein Hund. Weil natürlich macht der Rambazamba, wenn irgendjemand sich nähern sollte. Was natürlich der Nachteil ist, wenn so ein Hund die ganze Zeit bellt, dann kann man sich tatsächlich auch nicht so gut darauf konzentrieren, was draußen wirklich passiert. Aber da hab ich mich schon oft dann sehr beschützt gefühlt.
[Raul Krauthausen]
Und du sitzt im Nightliner, das ist so ein Glamping, würde ich jetzt eher sagen. Ist das so ähnlich wie Campen? Oder ist das so eine dringende Notwendigkeit?
[Wilhelmine]
Nee, ist ganz anders, weil du ja nachts, wenn es ruckelt, es fährt ja jemand anderes und du schläfst beim, oder versuchst es, beim Fahren.
[Raul Krauthausen]
Kann man da schlafen?
[Wilhelmine]
Ja, es gibt verschiedene Kajüten. Eben halt nur, wenn ich auf der Shakti liege. Und ehrlich gesagt ist auch oft die Route so zwischen den Städten, dass ich nicht ganz so lange fahre nachts oder dass wir nicht so lange…
[Raul Krauthausen]
Dass du vier Uhr ankommst.
[Wilhelmine]
Genau. Und wenn der Nightliner dann aber steht, dann schlafe ich meistens erst richtig ein. Je nach der Strecke eben meistens so früh, sehr früh morgens.
[Raul Krauthausen]
Axel Bosse war ja auch zu Gast. Und der erzählte, dass er im Nightliner inzwischen nicht mehr fährt. Sondern in seinem eigenen Auto gefahren wird, weil er einfach Angst hat, krank zu werden. Und dann einfach, wenn ein Bandkollege krank ist, ist die Gefahr, dass er auch krank wird, einfach zu groß und dann muss das Konzert ausfallen. Was ein Problem ist. Ist das, glaube ich, so eine gläserne Decke, die man irgendwann erreicht, wo man dann quasi so auf seinen Körper und Gesundheit achten muss, dass man dieses Level auch halten kann?
[Wilhelmine]
Ja, voll. Also ich versuche schon, dass mein ganzes Leben so ist, dass ich eigentlich immer fit bin und darauf achte, dass ich mich gesund ernähre und ausgeglichen bin. Das mache ich auf der Tour genauso und ich achte da einfach sehr auf die Signale. Und wenn jemand anderes im Nightliner krank ist oder erkältet ist, dann achten wir halt einfach eher darauf, dass wir immer alle Klinken desinfizieren, aber toi, toi, toi. Erst einmal musste ich ein paar Termine verschieben, weil ich richtig krank geworden bin, aber sonst noch gar nicht. Ich habe schon echt viele Konzerte gespielt, aber vielleicht liegt es auch daran… also dieses Feiern nach einer Show. Oder auch irgendwie Party machen danach. Es geht ja auch einher manchmal mit Alkohol. Da ist mein Team, wir sind eher die Yoga-Front, die morgens früh aufstehen und dann in der großen Halle einmal gemeinsam Yoga machen und so. Wir sind, glaube ich, einfach schon eher ein sehr ruhiges Team.
[Raul Krauthausen]
Gehört dann die Halle eigentlich einem den ganzen Tag oder erst ab siebzehn Uhr?
[Wilhelmine]
Ja, wir müssen ja aufbauen. Also das Konzept von so einer Tour: Wir kommen an morgens, wachen auf. Wir gehen schon rein, weil’s dann morgens drinnen schon Frühstück gibt.
[Raul Krauthausen]
Oh, und wer macht das?
[Wilhelmine]
Der örtliche Veranstalter. Das Team baut da schon auf und dann laden wir langsam alles rein. Dann wird der ganze Anhänger ausgeladen.
[Raul Krauthausen]
Gibt’s dann schon Fans an der Tür und so?
[Wilhelmine]
Nee, die kommen meistens erst so ab vierzehn, fünfzehn Uhr.
[Raul Krauthausen]
Kommen die Ultras?
[Wilhelmine]
Ja, meine Willies. Und dann läuft es so ab, dass wir aufbauen den ganzen Tag und die Halle ist ja eben halt noch leer. Wenn wir da nur ein paar Sachen durchgeschoben haben, haben wir da ja Platz.
[Raul Krauthausen]
Das heißt, du legst auch Kabel?
[Wilhelmine]
Also wir laden alle mit aus. Das finde ich schon wichtig, den Abbau und das wegtransportieren und wieder einladen. Und beim Einladen bin ich eigentlich auch schon immer noch dabei.
[Raul Krauthausen]
Aber es hat auch System, ne? Da muss man wissen, in welche Kiste welches Kabel kommt und so.
[Wilhelmine]
Das weiß ich mittlerweile. Da werden wir alle angeleitet von David, meinem Tonmann. Der sagt mir dann auch, welches Mikrofon vom Schlagzeug dann in welche Tasche kommt und so. Es ist alles relativ logisch beschriftet. Aber ich habe meistens nach dem Konzert gehe ich gerne noch lange zum Merch-Stand. Und bin da auch noch relativ lange dann. Ich habe das bisher eigentlich immer bis zum Schluss gemacht.
[Raul Krauthausen]
Was für Merch hast du? T-Shirts, Basecaps, Jutebeutel?
[Wilhelmine]
Ich hab T-Shirt, Hoodies. Ich hab momentan Beutel, ja. Ich hab Tassen gemacht. Ich hab einen Schal gemacht. Beanies habe ich viele. Der für mich besonderste Merch, den ich je gemacht habe: Ich hab das Bild meiner Mutter, das sie gemalt hat, verwendet. Ich hab dir ja erzählt, dass sie auch Künstlerin war. Sie hat auch ganz viel gemalt und einer ihrer letzten Wünsche war es eigentlich, dass sie eine Ausstellung machen wollte. Sie hat sich beworben und sie wurde abgelehnt und das war so vor zwei Jahren. Und ich bilde mir so ein bisschen ein und es tut mir auch sehr weh, wenn ich darüber nachdenke, dass diese Ausstellung vielleicht vieles noch verändert hätte. Nicht die Krankheit, sondern der Lebenswille. Und das ist etwas, das mir einfach tief im Herzen wehtut, zu wissen, dass sie da diese Ausstellung nicht machen konnte. Und was ich jetzt gemacht habe, ich hab eins ihrer Bilder gewählt und das als Poster gedruckt. Und der Sinn dahinter ist, dass ihre Kunst jetzt ausgestellt wird. In ganz Deutschland, Österreich.
[Raul Krauthausen]
In den Wohnungen der Leute.
[Wilhelmine]
Ja. Und da schicken mir Menschen Bilder von. Und das geht mir sehr nahe. Das ist für mich so ein bisschen ihr letzter Gefallen oder irgendwas Schönes, das ich ihr mitgeben kann.
[Raul Krauthausen]
Das finde ich voll schön. Ich hab den Eindruck und ich glaube, es gibt nur eine Person in diesem Podcast, bei der ich das Gefühl auch hatte, dass du mit dir und deinem Körper und deinen Gefühlen sehr verbunden bist. Und die einzige Person, wo ich das so intensiv erlebt hab, war die Zirkusartistin Lea Toran Jenner. Ich weiß nicht, ob du die kennst.
[Wilhelmine]
Ich hab sie gesehen in deinem Podcast, ja.
[Raul Krauthausen]
Und die hat auch so was ausgestrahlt. Die hat erzählt, so ähnlich wie du, dass sie sich noch nie ernsthaft verletzt hat, weil sie einfach weiß, was ihr Körper braucht und wie der funktioniert. Und dass sie aber rechtzeitig aufgehört hat. Das ist tatsächlich etwas, was wir, glaube ich, viel zu wenig auch wertschätzen oder auch unterrichten. Wo hast du das gelernt?
[Wilhelmine]
Aber das ist auch wieder was sehr Privilegiertes, das überhaupt machen zu können. Weil ich habe die Arbeit jetzt so gewählt, dass ich eben meinen Tag auch so strukturieren kann, wie er mir guttut. Und wenn ich einfach nachmittags das Gefühl habe, ich möchte jetzt weiter in meinem Buch lesen kurz, um einfach mich wieder ein bisschen auszugleichen, dann mache ich das. Das ist ja auch einfach eine Zeitthematik. Aber ich glaube schon, dass die äußere Beschallung, der wir alle ausgesetzt sind, dazu führt, dass wir das Innere nicht so wahrnehmen, oder? Also ich stell mir immer einen Timer abends. Ab dem Zeitpunkt mache ich alle Bildschirme aus. Und ich find es immer wieder faszinierend, diese Zeit, vor allen Dingen, wenn sie intensiv, wenn alles grad eh sich intensiver anfühlt und dann falle ich in diese keine Bildschirmzeit. Wie viel Zeit das ist und wie viel Ruhe und wie viel Platz.
[Raul Krauthausen]
Wann geht der Timer?
[Wilhelmine]
Ab zweiundzwanzig Uhr klingelt der. Manchmal früher, aber eigentlich ist das immer so meine Zeit, wo ich alles ausmache. Und da ist dann so viel Platz.
[Raul Krauthausen]
Das heißt, du gehst nicht mit Handy oder Screen ins Bett?
[Wilhelmine]
Genau, das ist eh immer draußen.
[Raul Krauthausen]
Und wenn du aufstehst, was ist das Erste, was du tust? Kaffee oder Handy?
[Wilhelmine]
Kein Handy. Heute war’s eine Seite lesen in meinem Buch. Ich lese grad nämlich, bin erst drauf gekommen, von Walter Moers „Die Stadt der träumenden Bücher“. Warum hat mir das niemand gesagt, dass es dieses Buch gibt? Das verändert ja alles. Da steckt so viel Kreativität auf einer Seite wie in manchen Büchern im ganzen Plot. Ich bin fasziniert und das ist auch irgendwie eine schöne Welt, in die ich mich gerne begebe. So eine ganz andere Welt als meine Trauergefühle manchmal.
[Raul Krauthausen]
Die ja auch dazu gehören. Hast du Kontakt zu deinen Fans über diese Patreon Billies hinaus?
[Wilhelmine]
Ja, jeden Tag. Wir haben eine kleine Nachrichtengruppe. Bei Instagram. Es nennt sich Billygram. Und da tauschen wir uns jeden Tag aus. Da hab ich heute schon reingeschrieben, dass ich mich auf den Weg mache hierher.
[Raul Krauthausen]
Wie viele sind da drin?
[Wilhelmine]
Ich glaube, wir sind um die fünfzig.
[Raul Krauthausen]
Es ist der Kunstkreis mit den Patreon Billies?
[Wilhelmine]
Ja, die, die Lust haben, sind auch mit da in der Kommunikation.
[Raul Krauthausen]
Ich glaube, das ist ja sowieso so ein Ding, dass wir uns, egal was wir tun in unseren Berufen, wenn wir mit Aufmerksamkeiten arbeiten, sowieso zunehmend von diesen Algorithmen unabhängiger machen müssen. Also Spotify-Algo, was auch immer, Insta-Algo. Und dass dann eigentlich so Channels oder Newsletter oder Patreons wahrscheinlich der Ausweg sein können. Ich hab das auch und ich hab gemerkt, das ist eine ganz andere Beziehung zu Menschen, die auch viel Arbeit ist, darf man nicht vergessen. Aber es ist was anderes, als ob du Glück hast, dass der Algo dir gnädig war wie so eine Gottheit, die niemand genau versteht, wie sie eigentlich funktioniert.
[Wilhelmine]
Also ich versuch, mein größtes Motto ist: Post and Ghost. [lacht] Also einfach weitermachen. Ich teile Dinge und dann guck ich mir nicht an, was damit passiert. Weil das ist eigentlich das, ich versuche nicht, so viel zu konsumieren, sondern eher zu kreieren.
[Raul Krauthausen]
Aber musst du dich moderieren, wenn irgendein Troll vorbeikommt? Meistens Männer.
[Wilhelmine]
Ja, aber das machen auch meine Gruppe, wir alle zusammen irgendwie. Ich hab nicht das Bedürfnis, das so irgendwie auszusortieren oder so.
[Raul Krauthausen]
Machst du das selber oder hast du da ein Team?
[Wilhelmine]
Das mach ich selber.
[Raul Krauthausen]
Und gibt es eine Fanbegegnung, die dir noch nachgeht, wo du sagst so: „Das war was Besonderes.“
[Wilhelmine]
Also wir sind in dieser Gruppe jetzt mittlerweile einfach sehr, sehr vertraut. Ich kenne die Geschichten, ich kenne die Familien, ich kenne die Partnerinnen der Leute, die da sind. Also jetzt erst beim Weihnachtskonzert wurde ich wieder überrascht von den Billies. Die haben von den beiden Shows versteckt auf den Tischen von den Leuten Karten hinterlegt, wo sie mir Wünsche für das nächste Jahr raufschreiben sollten. Jetzt hab ich eine ganze Kiste zu Hause mit bestimmt fünfhundert, sechshundert Botschaften, die mich gut ins nächste Jahr bringen sollen.
[Raul Krauthausen]
Wow, kannst du zwei am Tag lesen.
[Wilhelmine]
Ja, es ist wirklich sehr bewegend. Ich glaube aber auch, weil ich so transparent damit umgegangen bin, dass ich dieses Jahr echt mich durchgebissen habe und auch eine richtig harte Zeit hatte.
[Raul Krauthausen]
Du machst es auch auf so eine Art, wo es nicht darum geht, dass du jetzt um Mitleid bettelst. Das ist sehr authentisch. Sehr nah. Ich glaube, jeder kann sich in solche Situationen schon reinversetzen oder das vielleicht auch schon mal erlebt.
[Wilhelmine]
Ja. Mir geht es ja einfach darum, dass die Empathie und das generelle Hinschauen einfach wieder mehr stattfindet. Ich finde, wir verlieren so den Blick dafür, wenn alles außen so dramatisch wird und die Welt sich immer düsterer anfühlt und immer härter, finde ich, hat es einfach die größte Kraft, das Herz aufzulassen oder es zumindest zu versuchen.
[Raul Krauthausen]
Wenn ich unterwegs bin auf Lesungen oder Vorträgen, dann fällt mir auf, dass mir das Feedback von Menschen mit Behinderung oft mehr bedeutet als das Feedback von nicht behinderten Menschen. Weil ich das Gefühl habe, die verstehen vielleicht eher, was ich meine oder deren Applaus ist echt. Die müssen mir nicht das Gefühl geben, dass ich gut bin oder so. Also es gibt so einen falschen Applaus, den viele Menschen mit Behinderung, die ich kenne, erleben. „Ah, der ist behindert, den kann ich nicht kritisieren. Dann klatsche ich.“ Das gibt es tatsächlich sehr weit verbreitet, aber bei Menschen mit Behinderung eben nicht. Die klatschen halt, wenn sie es gut finden oder eben klatschen nicht, wenn sie es doof finden. Und deswegen ist mir das Feedback oft sehr viel mehr wert. Und ich habe jetzt aber irgendwann mitbekommen, dass – und das tut wirklich weh – dass die Leute auch sagen: „Ja, Raul, du strahlst aber auch so was aus, dass du so viel geschafft hast. Du hast einen Podcast, eine Organisation gegründet und du hast so und so viele Follower.“ Also selbst wenn das nur die öffentliche Person ist, aber das ist die Verkörperung von, man hat etwas geschafft. Und ich verstehe das voll und ich habe mir vorgenommen, nächstes Jahr viel mehr über, eigentlich so wie du, über die Schmerzen, das Leid, die Scham, die wir auch erleben, auch transparent damit umzugehen. Ich glaube, das ist wichtig, dass wir auch darüber reden.
[Wilhelmine]
Ja, absolut. Es ist nur so ein schmaler Grad, weil Wörter auch einfach Macht sind. Was möchte ich auch in diesen Raum geben? Ich bekomme Drohungen, ich bekomme auch Hass ab, ich bekomme auch Morddrohungen habe ich auch schon bekommen. Aber wenn ich dem Raum gebe, dann hat das irgendwie eine andere Form von so einer Energie, die dann dahin geht. Und das habe ich immer wieder, dass ich hinterfrage: Was möchte ich sagen? Und was ist es auch der Rede wert? Weißt du? Und Hass ist es eben nicht.
[Raul Krauthausen]
Hast du schon mal das Gefühl gehabt, du hast overshared oder jemand ist in einen Bereich vorgedrungen, was du eigentlich gar nicht teilen wolltest?
[Wilhelmine]
Ja, wenn so wirkliche Details rausgeholt werden von Menschen, die mich auch großgezogen haben, dann ziehe ich da eine Grenze. Oder als ich im Hospiz war, meine Mutter verabschiedet habe, hat mich auch jemand vom Personal erkannt und das auch mir geschrieben. Das ist halt einfach ein sehr naher Bereich. Da bin ich ja auch nicht als Bühnenperson. Da bin ich einfach als Mensch, der gerade die schwerste Zeit durchmacht und einen Abschiedsprozess hat. Ich merke, der andere schwere Trauerfall, den ich erlebt habe in meinem Leben, da war ich 13. Und ich habe dann angefangen, als Teenagerin langsam darüber zu sprechen. Aber so eine echte Trauer, wie ich sie jetzt erlebe, das hatte ich einfach auch noch nie. Und dass das alles so verändert, mein Leben, alles, woran ich denke. Und das habe ich auch einfach nicht kommen sehen. Es ist einfach was ganz Neues. Und eigentlich hat sich alles verändert in mir seitdem. Und das ist einfach für mich jetzt die Herausforderung, zu gucken, was jetzt meine Kunst daraus macht.
[Raul Krauthausen]
Wollte ich gerade sagen. Ich habe das Gefühl, da gärt was.
[Wilhelmine]
Ja, aber es ist ganz spannend, weil irgendwie, seitdem sie auch nicht mehr da ist, schreibe ich andere Lieder. Ich schreibe nicht über die Trauer. Ich schreibe auch nicht über den Abschied. Das habe ich irgendwie davor gemacht. Und jetzt schreibe ich wieder leichtere Lieder. Und auch manchmal schaue ich mich um und gucke: Wahnsinn, jetzt hast du so ein Motivationslied geschrieben. Manchmal habe ich das Gefühl, ich schreibe das in dem Moment irgendwie für mich, also so ein bisschen, als würde ich das jetzt gerade brauchen. Ich schreibe immer mir Songs, die ich gerade in dem Moment irgendwie hören muss.
[Raul Krauthausen]
Was ist dein Output? Wie viele Lieder schaffst du pro Woche, pro Monat?
[Wilhelmine]
Also ich versuche eigentlich jeden Monat ein Lied zu schreiben. Einfach nur, damit ich wie so Fotos aus meinem Leben immer up to date bin, was gerade passiert und nicht, weil ich die Lieder dann verwenden will, sondern weil einfach mein Leben so schnell ist und ich immer wieder gucken möchte, festhalten möchte: Was bewegt mich jetzt gerade?
[Raul Krauthausen]
Und schreibst du das dann in dein Handy oder hast du da ein Laptop oder ein Notizbuch?
[Wilhelmine]
Also gestern hab ich ein bisschen was in mein Handy gesungen. Sachen, die mir eingefallen sind. Ich schreibe auch auf ein Notizbuch. Ich halt das eigentlich immer so ein bisschen fest, was mir im Kopf schwirrt. Aber wenn ich dann im Studio bin, dann guck ich trotzdem immer so, was ist mein Mood of the day? Wie fühle ich mich jetzt grad? Was nehme ich mit bis hierher? Und ja, zum Beispiel hier in eurem Innenhof sind diese Äste so unendlich spektakulär an dieser Wand. Und es hat was total Melancholisches und irgendwie auch was von Streichern. Und ich glaube, wenn ich jetzt was anfangen würde, dann wär’s vielleicht sogar irgendwas mit Streichern. Das kommt dann alles zusammen, was ich jetzt grad dann fühle in dem Moment.
[Raul Krauthausen]
Und irgendwann kommt’s raus und ist dann auf deinem Album.
[Wilhelmine]
Ja, ja. Und ich bin auch beeindruckt von dem aktuellen Schaffungsprozess, weil ich, wie gesagt, mein nächstes Gesamtwerk wird wahrscheinlich keine Trauerplatte. Und damit hab ich einfach gerechnet. Ich dachte, so wie’s mir geht und das, was ich erlebt habe, dass ich jetzt trauere in meiner Musik, aber irgendwie hab ich eine andere Leichtigkeit in meinen Liedern wiedergefunden, die ich irgendwie auf dem Weg auch verloren habe, weil’s mir eben auch schlecht ging.
[Raul Krauthausen]
Ja, ich glaube auch nicht, dass es immer dem entsprechen muss, sondern es kann ja auch ein Ausdruck sein von man hat eine neue Perspektive aufs Leben gewonnen. Was ist die ehrlichste und gleichzeitig vielleicht auch liebevollste Kritik, die du mal gehört hast?
[Wilhelmine]
Ich glaube, die ehrlichste und die mir jetzt auch sehr oft durch den Kopf geht, ist das, was meine Mutter zu mir gesagt hat, weil sie eben auch Sängerin war. Sie hatte früher mir die Claire-Waldorf-Lieder vorgesungen und das ehrlichste Feedback oder die Rückmeldung von ihr war, dass ich aufhören soll, so zu pressen, wenn ich singe. Und die ersten Male, als ich wieder gesungen habe, nachdem ich ihr auch im Hospiz viel vorgesungen habe, aber nachdem sie dann gestorben ist und ich dann wieder angefangen habe, irgendwann das erste Mal wieder zu singen, ist mir aufgefallen, dass halt der ganze Druck weg ist und ich halt nicht mehr presse. Und die neuen Lieder, die ich jetzt eingesungen habe, die sind auch so, ich glaube, anders gesungen, weicher. Und ich weiß jetzt, glaub ich, erst, was sie meinte. Und sie hat mir das gesagt, als ich 13 war. Jetzt weiß ich das, glaub ich, erst, weißt du?
[Raul Krauthausen]
Ich hab heute einen Song von dir gehört, „Weihnachten mit dir“. Ist der so aktuell?
[Wilhelmine]
Der ist relativ aktuell, ja.
[Raul Krauthausen]
Ist der gepresst oder nicht gepresst?
[Wilhelmine]
Nicht gepresst. Aber vor allen Dingen bei dem Song „Nächsten Sommer“, den hab ich auch über ihren… Das ist ein Trauerlied, aber ein gutes Trauerlied. Also ein leichtes mein ich damit. Da hab ich absolut keine gepresste Stimme, eine leichte, eine zarte.
[Raul Krauthausen]
Das hör ich mir unter dem Aspekt auf jeden Fall noch mal an. Wir kommen jetzt zum Ende. Der Aufzug ist langsam angekommen.
[Wilhelmine]
Och nö. Ich hab mich grad so warm geredet.
[Raul Krauthausen]
Was würdest du deiner jüngeren Wilhelmine als Sprachnachricht schicken?
[Wilhelmine]
Ich glaub, ich würd so was sagen wie: „Hallo, ich bin’s, du in älter. Ich glaube, es ist wichtig, dass du nicht vergisst, dass wenn du leuchtest, du die meisten Menschen immer irgendwie mit ansteckst. Das heißt, deine wichtigste Aufgabe im Leben ist, dich zu fragen, wie du heller leuchten wirst und was du dafür brauchst, damit du dich traust, irgendwie echt zu sein und weiterzumachen.“
[Raul Krauthausen]
Wow.
[Wilhelmine]
So was. Eigentlich brauchst du noch diese Geräusche, die Nachrichtengeräusche, ne, dieses Pling. Und dann zwei blaue Haken am Ende, dass die Nachricht gelesen wurde. Aber hast du das mal gemacht? Hast du dir mal was geschrieben?
[Raul Krauthausen]
Ja, ich hab.
[Wilhelmine]
Es gibt ja so Portale, wo man sich auch Briefe schreiben kann, die erst in einem Jahr oder so ankommen. Möcht ich gern noch mal machen.
[Raul Krauthausen]
Das ist eine gute Idee. An das Zukunfts-Ich.
[Wilhelmine]
Ja, ich finde das auch so ein schönes Ritual, so um Silvester rum.
[Raul Krauthausen]
Vorletzte Frage: Gibt es eine Organisation oder du hast vorhin Walter Moers genannt, eine Person, eine Kunst, die du den Hörerinnen oder Hörern weiterempfehlen würdest?
[Wilhelmine]
Äh, ja. Ich hab das Glück gehabt, dass eine Person sich auch früh um mich gekümmert hat. Die hat mich immer mit an einen Ort genommen in Berlin-Kreuzberg, sie hat ehrenamtlich in diesem Verein gearbeitet für 20 Jahre oder so. Und da gab’s einen Schutzort für FLINTA, das Nachtcafé im Bergmannkiez. Und das ist ein Anlaufpunkt gewesen für FLINTA, die sexualisierte Gewalt und häusliche Gewalt erlebt haben. Und dieser Ort, dieses kleine Café, also nicht nur, dass ich auch oft da war als Kind, dienstags und donnerstags für sehr viele Jahre, das haben sich Menschen von dem Verein Wildwasser ausgedacht. Und die haben ein riesiges Netzwerk, wo aber trotzdem junge Heranwachsende einfach einen Schutzort finden. Und das ist, glaube ich, das, wo meine Erwähnung hingeht. Da haben wir auch ganz viele Spenden gesammelt bei meinen Weihnachtskonzerten für diesen Verein. Weil vor allem da auch die Gelder gestrichen werden.
[Raul Krauthausen]
Das ist so furchtbar, oder?
[Wilhelmine]
Furchtbar. Und das ist einfach ganz wichtig, dass wir da häufiger darüber sprechen, vor allen Dingen Menschen, denen zugehört wird. Wie uns.
[Raul Krauthausen]
Meine Frau hat mir gesagt, die hat Psychologie studiert, dass wir einfach oft vergessen, dass manchmal eine Person reicht im Leben eines Menschen, die den Unterschied machen kann. Fast egal, was die Person erlebt hat. Jemand, der an einen glaubt, der ihm Schutz gibt und regelmäßig da ist, zuverlässig.
[Wilhelmine]
Absolut, zu hundert Prozent. Eine Person reicht. Eine Person mit Empathie im Umfeld.
[Raul Krauthausen]
Machst du dir Sorgen um einen Rückschlagsweg, dass wir in einer Welt jetzt leben, in der die Konservativen, die Rechten die Oberhand gewinnen?
[Wilhelmine]
Hm, ich glaube, das wird wie so eine Welle sein. Ich hab so ein bisschen das Gefühl, dass das sich schon auch zuspitzen kann und wir jeweils wahrscheinlich auch da irgendwie, wenn sich rechte Parteien stärken, wir da irgendwie aber als Gesellschaft wahrscheinlich einfach mit auf die Nase fallen werden. Also ich hoffe so ein bisschen, dass sich das zuspitzt und wir dann kollektiv erkennen, dass es der falsche Weg ist. Und dann gibt es wieder eine Rückwelle. Das ist meine Hoffnung. Und du, was denkst du?
[Raul Krauthausen]
Ähm, ja, es gibt ja auch Soziologen und Historiker, die sagen, zwei Schritte vor, einen Schritt zurück, aber in Summe nach vorne. Die Hoffnung hab ich auch. Ich hab nur einfach grad schon auch Sorge, dass so passiert, ne. Also allein, dass alles gekürzt wird. Und dass wir so viel über Sicherheit und so reden. Also bei mir… ich wohne in Kreuzberg, wie gesagt, und da gibt’s auch echt viele Menschen, die kein Dach überm Kopf haben. Und die einzige Antwort, die wir scheinbar kennen, ist halt, ja, wir rufen die Polizei. Und ich weiß auch nicht, was ein Polizist denn jetzt mit jemandem machen soll, der keine Obhut hat. Ne, und das ist… also wir verschieben diese Probleme an die falschen Strukturen und diese Leute wären wahrscheinlich bei bezahlbaren Mieten oder dritten Orten, wo Nachbarschaftshilfen funktionieren, wesentlich besser aufgehoben, als von der Polizei von A nach B geschleift zu werden.
[Wilhelmine]
Es gibt immer noch so dunkle Flecken in der Gesellschaft, wo die Gesellschaft nicht hinschaut, wo aber einfach mehr Unterstützung gebraucht wird. Was aber vielleicht nicht so coole Themen sind. Deshalb bekommen sie nicht so viel Spotlight. Aber es liegt wahrscheinlich auch einfach an unserer Verantwortung, das so lange zu erwähnen, bis da auch Spotlights sind. Oder?
[Raul Krauthausen]
Und deswegen ist es so wichtig, Künstlerinnen wie dich auch auf Bühnen, auf immer größeren Bühnen zu sehen. Zuletzt hab ich dich gesehen und komplett durchgesuchtet bei TV Noir. Alle Nummern. Und also das macht ja auch was mit dem Publikum. Man, selbst wenn man das kaum sieht, aber man hört einfach die Stille oder die Begeisterung. Das ist schon das, was du neu leuchten nanntest. Das kommt auf jeden Fall rüber. Erleucht uns alle. [lacht] Wenn die Aufzugtür jetzt aufgeht, wo geht’s für dich weiter?
[Wilhelmine]
Wo geht’s denn jetzt hin? Also sind ja jetzt kurz vor Ende des Jahres. Ich werd jetzt so eine Reflektionsreise noch mal beginnen. Und gucken, dass ich das Jahr gut verpackt bekomme für mich. Ich bin aber jetzt auch grade so in den Endzügen von neuer Musik. Da zeig ich immer mehr. Und ja, das mach ich.
[Raul Krauthausen]
Manage du alle deine Accounts selber, Spotify, YouTube, Insta? Insta hast du gesagt.
[Wilhelmine]
Ich hab ein eigenes Label gegründet in diesem Jahr. Das heißt, ich veröffentliche Musik jetzt allein mit meinem Team. Das ist cool. Das macht richtig Spaß.
[Raul Krauthausen]
Ich hab auch gesehen, du hast ein Logo, das überall auftaucht und richtig professionell gebrandet.
[Wilhelmine]
Ja, das gibt mir eine andere Freiheit irgendwie, ne. Aber ich hab trotzdem einen Digitalvertrieb. Und die übernehmen quasi alle Streamingdienste dann. Ja, also Musik, Musik, Musik, aber trotzdem auch so ein bisschen immer noch recovern, bisschen innehalten. Und jetzt kommt ja auch Weihnachten und das erste ohne meine Mutter ist natürlich auch einfach anders und neu und ja, auch nicht so leicht.
[Raul Krauthausen]
Hast du einen Ort, wohin du gehst?
[Wilhelmine]
Ja, das ist auch das, was ich vorhin gesagt habe. Ich glaube, das ist auch ein Ort, den ich mir selbst erschaffen kann. Und ja, morgen kommt mein ganzes Team zu mir nach Hause. Ich koche für alle. Da freue ich mich drauf.
[Raul Krauthausen]
Das Beste aus allen Welten. Du kochst gerne. Deine Band. Gleich macht ihr Musik.
[Wilhelmine]
Ja genau, richtig. Deshalb wollte ich ja das Klavier abholen. [lacht] Was machst du, wenn der Aufzug aufgeht?
[Raul Krauthausen]
Wenn der Aufzug wieder aufgeht? Schöne Frage. Dann werde ich wahrscheinlich auch die Weihnachtszeit einläuten. Also mehr oder weniger. Aber perspektivisch feiern wir Weihnachten immer als Großfamilie mit dreißig Leuten.
[Wilhelmine]
Boah, was?
[Raul Krauthausen]
Ja, wir mieten dann einen alten Pferdestall in Berlin. Meine Familie ist tatsächlich groß und die kommen aus ganz Deutschland und reisen dann für drei, vier Tage an. Und dann, wir gehen sogar in Zirkus Roncalli.
[Wilhelmine]
Wahnsinn.
[Raul Krauthausen]
Alles super kitschig. Aber ist tatsächlich auch sehr witzig. Also weil wir sind alle nicht mehr in dem Alter, dass wir in den Zirkus müssen. Wir sind halt keine kleinen Kinder mehr, aber es ist trotzdem irgendwie auch magisch. Also wusstest du zum Beispiel, dass diese ganzen Artisten, die da auftreten, die haben dann teilweise QR-Codes auf dem Rücken, damit du dann den followen kannst.
[Wilhelmine]
Nein. Wirklich?
[Raul Krauthausen]
Ja. Das finde ich tatsächlich eigentlich ganz witzig. Also auch diese Branche geht weiter.
[Wilhelmine]
Das ist verrückt. Ich war schon Jahre nicht mehr im Zirkus. Ich habe in dem besetzten Haus, in dem ich groß geworden bin, da gab es sehr viele Berührungspunkte mit dem Zirkus.
[Raul Krauthausen]
Cabuwazi.
[Wilhelmine]
Cabu wie? Cabu was? Cabuwazi. Und da wollte ich auch unbedingt mal wieder hin. Da war ich schon Jahre nicht mehr.
[Raul Krauthausen]
Ich glaube, das ist unfassbar empowernd, wenn Kinder einfach früh merken, was sie können und dass sie auch, was angeblich immer als gefährlich gesehen wird, dann trotzdem ihnen zugetraut wird.
[Wilhelmine]
Ich glaube, dass das auch ein Punkt war, wo ich enorm dankbar bin, dass ich so groß geworden bin, eben in diesem besetzten Haus, wo Menschen auch im Zirkus waren und ich einfach gesehen habe, ich kann alles werden. Ich darf alles werden. Ich muss mich nur konsequent dann auch um das Training kümmern. Und mich bewusst dafür entscheiden. Das glaube ich, ist wie so ein Level, das aktiviert wird in der Vorstellungskraft, was ich mir als Kind dann einfach zugetraut habe.
[Raul Krauthausen]
Ja, voll gut. Du hast die Geschichte von einem Punker erzählt, der, als du im Sandkasten saßt, dir einfach erzählt hat, dass er jonglieren kann.
[Wilhelmine]
Ja. Und er hat so auch gemacht. Warte, ich zeig’s dir. Bereit?
[Raul Krauthausen]
Ah ja, der Kindertrick mit dem Finger. Ja.
[Wilhelmine]
Das hat er gemacht. Das hat mich wahnsinnig beeindruckt. [lacht]
[Raul Krauthausen]
Ja. Wir hätten da ewig weiterreden können. Ich habe immer noch echt viele Fragen offen.
[Wilhelmine]
Ja, lass uns so drei Parts daraus machen. Drei.
[Raul Krauthausen]
Also das kommt jetzt in einem Stück raus, aber ich komme super gerne auf dein Konzert. Welche Nummer ist das denn jetzt hier? Weißt du das schon?
[Wilhelmine]
Nee, wirklich? Die Hundert?
[Raul Krauthausen]
Wahrscheinlich hundert oder so. Wir sind kurz vor der Hundert und ich bin tatsächlich, hätte nie gedacht, dass es sich so weit trägt.
[Wilhelmine]
Wow, dann muss ich dir aber, wenn wir neunundneunzig oder die hundert sind, dann singe ich dir noch ein kleines Ständchen. Dann ist es nämlich ganz besonders.
[Raul Krauthausen]
Dann machen wir daraus die hundert. Versprochen.
[Wilhelmine]
[singt] Ey, dein Lächeln steht dir so gut. Du bist meine Feder. Ich liebe es, wenn du frei bist, keine Angst hast und dich nicht mehr anpasst. Ey, dein Mut macht dich so groß. Du nimmst mir jede Feder. Ich lieb, dass du erkannt hast, dass es schwer ist, doch das immer nur am Anfang.
[Raul Krauthausen]
Wow, vielen, vielen Dank.
[Wilhelmine]
Ein Ständchen für dich.
[Raul Krauthausen]
Danke schön. Wow, das hätte ich echt jetzt nicht erwartet. Berührt auch.
[Wilhelmine]
Ja, ey, ich meine hundert Folgen. Das ist großartig. Wahnsinn.
[Raul Krauthausen]
Danke schön. Vielen Dank. Ich hoffe, du hast dich wohlgefühlt.
[Wilhelmine]
Ja, bin richtig, richtig schön reingekommen.
[Raul Krauthausen]
Ja, schön. Also war wirklich ganz, ganz tolles Gespräch. Ich bin ganz warm. Ganz beseelt.
[Wilhelmine]
Wie schön.
[Raul Krauthausen]
[Outro-Musik] Danke fürs Mitfahren. Wenn ihr mögt und euch diese Folge Spaß gemacht hat, bewertet diese Folge bei Apple Podcast, Spotify oder wo auch immer ihr zuhört. Alle Links zur Folge, sowie die Menschen, die mich bei diesem Podcast unterstützen, findet ihr in den Show Notes. Schaut da gerne mal rein. Wenn ihr meine Arbeit unterstützen möchtet, würde ich mich freuen, euch bei Steady zu begrüßen. Mit einer Steady-Mitgliedschaft bekommt ihr exklusive Updates von mir und die Gelegenheit, mich zweimal im Jahr persönlich zu treffen. Im Aufzug ist eine Produktion von Schönlein Media. Ich freue mich auf das nächste Mal hier im Aufzug.
[Schindler]
[Outro-Musik] [Aufzugsignal] [Hintergrundmusik] Diese Folge wurde dir präsentiert von Schindler. Am Anfang der Folge haben wir uns gefragt, was mehr Strom verbraucht: einen Aufzug oder eine Kaffeemaschine. Die Antwort: Ein Aufzug in einem kleinen Bürogebäude verbraucht pro Tag nur etwa eins Komma drei sechs Kilowattstunden. Das ist weniger als eine Kaffeemaschine. Nur eine Tasse Kaffee von einem Vollautomaten verbraucht sogar das Zehnfache an Strom wie eine einzige Aufzugfahrt. Und dank optimierter Standby-Technik wird der Verbrauch immer weiter gesenkt. Willst du auch mehr über Aufzüge erfahren? Dann steig bei uns ein. Unter schindler.de/karriere findest du viele Möglichkeiten, um mit uns nach ganz oben zu fahren. [Aufzugsignal]
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Dieser Podcast ist eine Produktion von Schønlein Media.
Produktion: Fabian Gieske , Tim Rodenkirchen
Schnitt und Post-Produktion: Tim Rodenkirchen
Coverart: Amadeus Fronk
