Im Aufzug mit Philine Edbauer

Wem schadet unsere Drogenpolitik wirklich?

Philine Edbauer ist Aktivistin und Mitgründerin von „My Brain My Choice“, einer Initiative, die sich für eine neue, gerechtere Drogenpolitik einsetzt. Statt Verbote und Strafen fordert sie Aufklärung, Selbstbestimmung und einen Umgang, der die Realität von Konsum ernst nimmt. Wir sprechen darüber, wie sie in diese Debatte reingewachsen ist – und warum sie heute sehr klar sagt, dass Repression mehr schadet als hilft.

Philine erklärt mir, warum sie Drogenpolitik immer aus der Perspektive von Ungleichheit denkt. Wer wird kriminalisiert – und wer nicht? Warum trifft das aktuelle System besonders Menschen, die ohnehin schon stigmatisiert sind? Es geht um Konsum, um gesellschaftliche Doppelmoral und um die Frage, wie eine Politik aussehen müsste, die wirklich schützt, statt auszugrenzen.

Und wir reden auch darüber, wie schwer es ist, solche Positionen zu vertreten, ohne sofort in Schubladen zu landen. Wie schafft man es, gehört zu werden, wenn man grundlegende Dinge infrage stellt? Aufzugtür auf für Philine Edbauer!

Empfehlungen der Folge: Drug Assemblages – Policies, Counternarratives, and Local Experiences, Die Nazis nannten sie »Asoziale« und »Berufsverbrecher«, Stigma, The Machinery of Inequality, The War on Drugs and the Global Color Line

[Schindler]
[Aufzugping] Aufzüge spielen in vielen Filmen eine große Rolle. Als Schauplatz für Action, Thriller oder sogar Horror. Aber welcher Film spielt fast komplett in einer Aufzugskabine? Die Antwort gibt’s am Ende dieser Folge. Jetzt viel Spaß mit Raul im Aufzug, wünscht Schindler.

[Raul Krauthausen]
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[Hintergrundmusik] Philine Edbauer ist Aktivistin und Mitgründerin von My Brain My Choice, eine Initiative, die sich für eine neue, gerechtere Drogenpolitik einsetzt. Statt Verbote und Strafen fordert sie Aufklärung, Selbstbestimmung und einen Umgang, der die Realität von Konsum ernst nimmt. Wir sprechen darüber, wie sie in diese Debatte reingewachsen ist und warum sie heute sehr klar sagt, dass Repression mehr schadet als hilft. Philine erklärt mir, warum sie Drogenpolitik immer aus der Perspektive von Ungleichheit denkt. Wer wird kriminalisiert und wer nicht? Warum trifft das aktuelle System besonders Menschen, die ohnehin schon stigmatisiert sind? Es geht um Konsum und gesellschaftliche Doppelmoral und um die Frage, wie eine Politik aussehen müsste, die wirklich schützt, statt auszugrenzen. Wie schafft man es, gehört zu werden, wenn man grundlegende Dinge infrage stellt? Also Aufzugtür auf für Philine Edbauer.

Die Tür geht auf und wer kommt rein? Ich freue mich wirklich sehr, auch wenn ich zugeben muss, dass dieses Thema, über das wir heute sprechen werden, gar nicht so mein Metier ist. Aber umso spannender finde ich es, weil ich nämlich deinen Newsletter zum Thema Drogenpolitik entdeckt habe und der mit vielen Mythen aufräumt, die wir aktuell in der medialen Debatte erleben. Herzlich willkommen. Schön, dass du da bist, Philine Edbauer.

[Philine Edbauer]
Hallo und vielen, vielen Dank für die Einladung. Ich freue mich wirklich sehr, hier zu sein.

[Raul Krauthausen]
Ich bin tatsächlich ziemlich aufgeregt, weil ich sehr viel über dich gelesen habe und mich an sehr vielen Stellen auch ertappt gefühlt habe über mein Denken in Bezug auf Drogen, Drogenpolitik und Menschen, die Drogen konsumieren. Du hast mich in vielerlei Hinsicht wachgerüttelt beziehungsweise hinterfragen lassen. Ich habe extrem viele Parallelen entdeckt zu unserer und meiner Arbeit, wenn es darum geht, die Rechte von benachteiligten Menschen voranzutreiben. Wenn du möchtest, würde ich gerne mit dir heute darüber reden.

[Philine Edbauer]
Sehr gerne. Ich kenne deine Arbeit seit Jahren. Auch als Aktivist, der in Netzwerken denkt, hab ich immer Faszination für deine Arbeitsweise gehabt. Ich hab immer gehofft, auch weil ich vom Thema her weiß, dass wir viele Überschneidungen haben, dass der Tag kommt, wo wir uns unterhalten können. Ich freue mich riesig, dass es heute so weit ist und dass wir auch gemeinsam rausfinden können, wo diese Überschneidungen liegen. Ich glaub, es wird sehr interessant.

[Raul Krauthausen]
Bevor wir aber loslegen: Hattest du schon mal einen Awkward Moment in einem Aufzug?

[Philine Edbauer]
Nein, keinen großen zum Glück. Ich find’s eigentlich immer komisch, Aufzug zu fahren, weil man anderen Leuten so nahe ist. Wenn Nachbar:innen drum herum stehen, hab ich eigentlich immer den Impuls, mich mit ihnen unterhalten zu wollen. Ich glaub eher, ich kann die Komische dann sein im Aufzug. Ich halt mich natürlich zurück, weil ich weiß, dass es für andere unangenehm sein kann, wenn ich ein Gespräch anfangen will. Ich hab einen Nachbarn, der auch so ist wie ich. Mit dem kann man sich sehr lebendig unterhalten, auch wenn man sich eigentlich gar nichts zu sagen hat. Aber ja, das find ich eigentlich immer am unangenehmsten, gemeinsam drin zu stehen, sich so nah zu sein und eben nichts zu sagen.

[Raul Krauthausen]
Das heißt, dein Haus hat einen Aufzug?

[Philine Edbauer]
Ja, aber er macht uns Alpträume. Ich versuche gerade, die Hausverwaltung dazu zu kriegen, zu handeln, weil ich gern einen neuen Aufzug hätte, der nicht so viel Krach macht.

[Raul Krauthausen]
Gibt es für dich so eine Etage, ab der du anfängst, Aufzug zu fahren?

[Philine Edbauer]
Ab unserer, der zweiten. [lacht] Man gewöhnt sich irgendwie dran, dass der Aufzug da ist.

[Raul Krauthausen]
Ich find das sehr interessant, weil viele Leute sagen, so ab der vierten Etage. Aber vielleicht ist es auch abhängig davon, in welcher Stadt man lebt, weil nicht jede Stadt Häuser mit vier Etagen hat. Je kleiner die Stadt, desto kleiner die Häuser, umso weniger Aufzüge gibt’s vielleicht auch. Spannende Fragen. Ich hab ja schon eingangs gesagt, dass dein Thema Drogenpolitik ist, und ich hab mich gefragt: Wie bist du zu diesem Thema gekommen?

[Philine Edbauer]
Ich bin da so hingewachsen zu diesem Thema und seitdem dabei geblieben. Ich bin, glaub ich, wie fast alle damit aufgewachsen. In der Schule haben wir beigebracht bekommen: Drogen sind böse, haltet die Finger davon und wenn ihr was mit Drogen zu tun habt, dann landet ihr in der Gosse. Ich hab das sehr stark geglaubt. Als ich mitbekommen hab, dass andere in meinem Alter in der Jugend Illegales konsumiert hatten, hab ich richtig viel Angst um sie bekommen oder dass ich im selben Raum erwischt werde und mir dann alles verloren geht, an dem ich festhalte, wie meine Schulbildung. Also wirklich große Sorgen gemacht. Als ich das Abi hatte, bin ich nach München gezogen. Dort bin ich auf meine erste Techno-Party gegangen und hab’s einfach geliebt. Ich hab die Menschen dort geliebt, das hat sich einfach nach zu Hause angefühlt. Ich war fast jedes Wochenende feiern, hab den Techno geliebt und dort ein realistisches Bild davon mitbekommen, dass jene Drogen sehr vielen Leuten auch einfach sehr viel Freude bereiten. Ich hab auch die realen Probleme gesehen, aber ich hab auch gesehen, dass die Polizei da überhaupt keine Hilfe ist und Dinge schlimmer macht.

[Raul Krauthausen]
Ich find das grundsätzlich ziemlich interessant, weil wir in Deutschland sehr viele Fragen versuchen, mit Polizei und Sicherheit zu beantworten. Bei Obdachlosigkeit beispielsweise wird dann einfach die Polizei gerufen, weil jemand im Treppenhaus schläft. Ich hatte neulich eine super interessante, auch berührende Situation erlebt. Da war ich in Berlin am Bahnhof Südkreuz und wollte mit dem Aufzug fahren. In dem Aufzug war jemand, der eine kleine Bibliothek aufgebaut hat, mit bestimmt hundert, zweihundert Büchern. Ich dachte erst, es wäre ein Künstler und wollte dann mit diesem Aufzug fahren, was offensichtlich schwierig war, weil’s voller Bücher war. Der hatte sich ganz toll entschuldigt und Platz gemacht, damit ich fahren kann. Ich fuhr mit diesem Aufzug und diesen Büchern runter, der Mann blieb oben und sah von unten Sicherheitsleute kommen, die sich tierisch darüber aufregten, dass dieser Aufzug mit Büchern vollgestellt sei und haben den Typen mitgenommen. Ich hab das einer Freundin erzählt, die Architektin und Stadtplanerin ist. Die meinte: „Früher gab es für diese Menschen dritte Orte, Kulturräume, Nachbarschaftshäuser, wo’s vielleicht auch Ansprechpartnerinnen und Sozialarbeiterinnen gab. Das wird alles wegrationalisiert und weggekürzt und gleichzeitig die Polizei ausgebaut. Du willst aber auch gar nicht die Polizistin sein. Ich hab begrenztes Mitleid, [lacht] aber man will ja auch nicht die Polizistin sein, die ja auch nicht weiß: Was mache ich jetzt? Man schickt Menschen immer nur von A nach B, aber man löst die Probleme nicht.

[Philine Edbauer]
Ja. Aber die Leute werden mit ihrem Schicksal selbst beschuldigt, sollen ja arbeiten gehen oder sich besser in die Gesellschaft einbringen. Hier kommt Stigma ins Spiel, weil Stigma Rechtfertigungen liefert, warum den Leuten nicht geholfen werden kann oder warum sie ausgeschlossen gehören. Es bietet die Rechtfertigungen: Wenn diese Person Drogen konsumiert, kann man sagen: „Weil die Person Drogen konsumiert, verhält sie sich so komisch.“ Oder weil Menschen crackabhängig sind, sind sie auf der Straße. Oder weil sie crackabhängig sind, kann die Drogenhilfe nicht so viel für sie tun. Das ist natürlich Unsinn, aber es gibt einem Antworten, warum man kein Mitgefühl haben braucht. Anstatt schlicht anzuerkennen: Hey, da wird gekürzt und da wird Geld investiert.

[Raul Krauthausen]
Was ich interessant fand, um das gleich klarzustellen für die Hörerinnen und Hörer: Du bist nicht jemand, die sagt, Drogen sind geil. Du bist nicht einfach nur eine komplette Gegenposition, sondern du betrachtest es viel differenzierter. Wie zum Beispiel: Warum ist in dem ganzen Diskurs eigentlich nie ein Betroffener mit am Tisch, wenn gesprochen wird, also jemand, der konsumiert?

[Philine Edbauer]
Genau. Ist natürlich schwierig, weil man ja eine Straftat zugeben würde. Der Konsum an sich ist nicht die Straftat, aber der Besitz, der Erwerb, der Handel, die Weitergabe. Deswegen ist es schwer, die Leute an den Tisch zu bringen. Wer sagt denn: „Ich konsumiere aktuell“, oder: „Ich kann mitsprechen, weil ich was Illegales tu, das vielleicht legalisiert gehört.“ Es ist an sich wegen der Kriminalisierung schwierig, diese Mitwirkung an offiziellen Fachanhörungen zu schaffen. Was ich nicht mache, ist, viel über Konsum zu sprechen. Auch bei unserer Initiative, My Brain My Choice, unterhalten wir uns nicht über unseren Konsum. Es spielt einfach keine Rolle. Es können auch Leute mitmachen, die keine Konsumerfahrungen haben, weil es einfach aus einer Beobachtung herauskommt, wie viel Schaden diese Drogenpolitik anrichtet oder wie unlogisch sie ist oder mit wie vielen Mythen man zu tun hat. Es spielt für die politische Beschäftigung keine Rolle, weil es menschenrechtliche Fragen sind, eine Frage von Logik oder Kritik an dieser Versicherheitlichung. Auch internationale Verantwortlichkeit spielt eine Rolle: So kommt Kolumbien da nur raus, wenn man legalen Anbau schafft, sonst bleibt das in den Händen der illegalen Akteur:innen und der Schwarzmarkt hat entsprechende Menschenrechtsfolgen durch die Gewalt. Andererseits muss man aber auch so ehrlich sein und zugeben, dass Drogen auch was Tolles auf viele Arten sind. Da bin ich ganz offen damit, das zuzugeben. Das sage ich auch offener als viele andere, die in dem Bereich engagiert sind, weil ich mich eben nicht explizit abgrenzen möchte, von wegen ich bin die Fachperson und die anderen sind diejenigen, die Drogen nehmen. Ich stehe dafür, dass diese Annahme, dass gerade Leute, die nichts mit Drogen zu tun haben, besser über das Thema reden könnten, zu schließen. Ich bin mit privaten Grenzen ein offenes Buch, aber es steht für meine Argumentation nicht im Vordergrund.

[Raul Krauthausen]
Wann hast du gemerkt, dass du da jetzt aktiv werden musst? Du hast gerade von den Techno-Clubs in München erzählt, aber das heißt ja noch nicht automatisch, dass man sich politisch in dem Bereich aktiviert.

[Philine Edbauer]
Es waren schon diese Beobachtungen des Herabtretens gegen die Szene, aber auch innerhalb der Szene. Dass man zum Beispiel mit einer Gruppe den Club verlassen hat und in München durch Bahnhofsgegenden gegangen ist, wo Menschen in der Öffentlichkeit abhängen, denen es offenkundig elendig ging und die vermutlich illegale Drogen konsumiert haben. Und dass Leute, die richtig drauf waren von ihrem Trip, schlecht gegen die gesprochen haben. Es hat sich immer wieder so eine Argumentation gefunden: „Ich kann ja mit den Drogen umgehen und meine Droge sollte legal sein, aber andere sind zu Recht kriminalisiert.“ Das hat mich geärgert. Ich war in meiner Jugend null politisch. Politisiert hat mich eigentlich die Beobachtung der Verunsichtbarung von schwierigen Biografien, dass junge Menschen sich selbst überlassen werden, wenn sie keine Eltern haben, die sie unterstützen, in die Gesellschaft zu finden. Ich hab angefangen mit Tierrechten bei PETA, Leuten auf der Straße zu erklären, was der Unterschied zwischen echtem und Kunstpelz ist. Ich bin seit Ewigkeiten vegan, aber das war nicht so richtig mein Thema. Wo ich mich konstant zu Hause gefühlt habe, ist die Techno-Clubkultur und überhaupt Kultur. Es war Zufall, dass sich da eine Arbeitsgruppe gefunden hat bei einer Veranstaltung, wo es um was anderes ging. Da hab ich Leute kennengelernt, die dieselbe Beobachtung hatten, dass die Drogenpolitik nicht zur Realität des Drogengebrauchs passt. Wir haben zu dritt gesagt: „Da muss man was tun.“ Daraus hat sich eine Idee entwickelt, dass ich das Thema als Initiative, als Netzwerk und aktivistischer anfassen will. Daraus ist dann My Brain My Choice entstanden. Mich hat das Thema einfach nicht mehr losgelassen. Es entfaltet sich in so viele Richtungen: Es geht um persönlichen Gebrauch, Mythen, Politik, Internationales, Geopolitik, Geschichte, Jugendschutz, Aufklärung. Zu viele Facetten und es bleibt interessant, leider auch tagesaktuell. Was mich motiviert hat, ist, dass ich in der Lage war, das Stigma zu riskieren, weil ich bereit dazu war. Ich hatte keine konkreten familiären oder sozialen Konsequenzen, die ich befürchten musste. Ich glaub, das macht schon viel aus, dass viele sich entscheiden, es nicht zu tun.

[Raul Krauthausen]
Das wollte ich nämlich gerade fragen, was du geopfert hast, offen über dieses Thema zu sprechen. Dadurch, dass es kriminalisiert und stigmatisiert ist, gibt es kaum Menschen, die sich bei „hart aber fair“ ins Studio setzen würden, um darüber zu reden. Und selbst die vermeintliche Elite, die glaubt, sie hätte die Drogen im Griff, nimmt diese Drogen ja heimlich.

[Philine Edbauer]
Es gibt einen interessanten Fall von Yanis Varoufakis. Der hat in einem Podcast erzählt, dass er vor sechsunddreißig Jahren einen Ecstasy-Trip hatte, auch noch in einem anderen Land. Jetzt wurde er von den griechischen Behörden vorgeladen und es wird gegen ihn ermittelt, ob er durch diese Aussage zu einer Straftat angestiftet hat. Ungarn ist auch extrem einschüchternd gegen Aktivist:innen. Das droht natürlich immer, dass es einem als Anstiftung zur Straftat streng ausgelegt werden kann. Ich fühle aktuell kein großes Risiko mit dem, was ich mache, visiert zu sein. Ich will’s natürlich nicht verschreien. [lacht] Bei Yanis Varoufakis denk ich, dass es eher eine Message an Leute mit Öffentlichkeit ist, dass die sich lieber zurückhalten sollen.

[Raul Krauthausen]
Ich kann mich an ein Interview erinnern, wo Bill Clinton mal gefragt wurde, ob er gekifft hätte und er meinte ja, aber er hätte nicht inhaliert.

[Philine Edbauer]
Ja, und Obama hat auch so was erzählt.

[Raul Krauthausen]
Obama hat gesagt, als er gefragt wurde, ob er inhaliert hat: „Ja, das ist der Sinn der Sache.“ Ich fand das interessant, weil da ist ja dann was passiert gesellschaftlich. Bill Clinton wurde ertappt, dass er angeblich mal gekifft hat und mogelt sich irgendwie raus. Und Obama, der sowieso mit großen Veränderungen antrat, hat eine gewisse Ehrlichkeit reingebracht, zu sagen: „Na ja, wenn man kifft, dann inhaliert man auch.“ Dann zu sagen: „Ich hab aber danach nie wieder gekifft“, weiß ich nicht, ob das stimmt. Aber das ist dann wahrscheinlich die Tür, durch die er nicht gehen wollte.

[Philine Edbauer]
Ich würde mir wirklich mehr Offenheit wünschen. Es ist verständlich, dass man ein Risiko eingeht und dann für immer mit anderen Augen gesehen wird, weil man diesen Drogenstempel hat und die Mythen uns nicht so schnell verlassen werden. Es könnten alle einfach eine aktiv bewusste Risikoabwägung machen für sich und sich fragen: Was riskiere ich konkret gegenüber der eigenen Familie? Oder welche Vorurteile werden meinen Kindern gemacht? Man muss das verantwortungsvoll mitdenken. Andererseits weiß ich ja, dass viele den Drang haben, ehrlich sein zu wollen und über die sehr schönen Erfahrungen sprechen wollen, die ihr Leben bereichert haben. Gleichzeitig ist man sich bewusst, dass Nachmachen nicht so leicht ist. Wenn ich von einem aufregenden LSD-Trip im positivsten Sinne erzählen würde, weiß ich, dass das nicht einfach nachmachbar ist. Es passte einfach alles: Vertrauensvolle Leute, Leute mit viel Erfahrung. Natürlich will ich nicht, dass jemand in einer nicht guten Situation LSD nimmt. Deswegen will man sich verantwortungsvoll zurückhalten, aber das wird natürlich nicht gewürdigt, dass Leute mit Drogenerfahrung ja auch diese verantwortungsvollen Abwägungen treffen.

[Raul Krauthausen]
Bitte sag mir, ob ich jetzt was verharmlose, aber es gibt Substanzen, die können wir zu uns nehmen. Das ist dann teilweise cool oder spirituell. Und dann gibt es Substanzen, die sind sofort kriminalisiert, also LSD, Koks, Crack. Sind die Grenzen fließend oder verharmlose ich da was? Ist eine Kakao-Zeremonie oder ein Pilz- oder Ayahuasca-Trip gesellschaftlich nicht viel angesehener?

[Philine Edbauer]
Ja, da können manche Leute, ohne viel zu riskieren, auch einfach viel offener sprechen. Man hat den Diskurs über die Wirkung als vielversprechende Wirkung zur Behandlung von Depression als unterstützendes Mittel. Psilocybin von Magic Mushrooms oder theoretisch auch LSD wäre denkbar, aber es wirkt so lang, deswegen ist es für eine Therapiesitzung schwierig, wenn die über acht Stunden geht. Psilocybin ist schon vielversprechender, aber Ayahuasca oder DMT wird über diesen Gesundheitsdiskurs geführt.

[Raul Krauthausen]
Leute strahlen ja, wenn sie davon erzählen. Sie haben erleuchtende Augen und erzählen von ihren interessanten Erfahrungen und Trips.

[Philine Edbauer]
Genau. Viele betonen auch immer wieder, dass es nicht von alleine kommt, sondern dass Set und Setting so eine große Rolle spielen. Also das Innenleben, die Erwartungen, die Erfahrungen und das Umfeld. Ob man in einer sicheren Situation ist oder jemand hat, der einem zur Seite steht, wenn man gedanklich in einer schwierigen Region gelandet ist. Dass es auf gewisse Faktoren ankommt, die kulturell vermittelt werden. Man muss anerkennen, wie viel innerhalb der konsumierenden Szenen an Wissen vermittelt wird. An Safer-Use-Wissen, wie man diese Trips gut gestalten kann und wie man mit Herausforderungen umgeht. Leute, die dem Thema neu dazukommen und sich denken: „Ich will jetzt einfach mal LSD probieren“, für die ist das wahrscheinlich nicht die gute Idee, weil es kulturelles Wissen braucht, um gut umzugehen. Oder wie andere argumentieren, eben die medizinische Begleitung. Es gibt einen medizinischen Diskurs, der sagt, diese Substanzen sind sehr mächtige Werkzeuge, die unbedingt nur im medizinischen Setting stattfinden sollten. Alles andere sei nicht zu verantworten. Dieser Diskurs preist die gesundheitlichen Vorteile an und kämpft dafür, dass es medizinisch zugelassen wird, was sehr wichtig ist, aber gleichzeitig ist es ein sehr unpolitischer Diskurs. Die Kriminalisierung spielt in dieser Argumentation fast keine Rolle. Man grenzt sich auch ab und sagt: „Unsere Substanzen sind ja gar keine richtigen Drogen.“ Das sagen auch viele bei Cannabis: „Die richtigen Drogen gehören verboten, aber meine Droge muss behandelt werden wie Alkohol.“ Das lässt immer wieder genau jene zurück, die viel stigmatisiertere Substanzen konsumieren, also zum Beispiel Crack.

[Raul Krauthausen]
Das heißt, all diese Diskurse in den letzten Jahrzehnten in Deutschland waren eigentlich immer nur Grenzverschiebungen.

[Philine Edbauer]
Mhm. Ja, würd ich schon sagen.

[Raul Krauthausen]
Kaffee, Alkohol sind quasi keine Drogen, auch wenn sie berauschende Wirkung haben. Dann kommt Cannabis als Nicht-Droge dazu. Dann kommen die stigmatisierten Drogen nach oben auf. Und dann wird’s fließend, wenn eine Droge ein Medikament ist oder ein Medikament eine Droge.

[Philine Edbauer]
Das ist ein interessanter Bereich, wo dieselbe Substanz kriminalisiert sein kann als böse Droge, wenn sie nicht verschrieben wurde, aber wenn sie von einem Arzt verschrieben wurde, ist es legitim. Da will die CDU auch wieder hin mit Cannabis. Die Argumentation ist, dass es nur legitim ist, wenn es kontrolliert ist durch eine Autorität, weil alles andere, was sich selbst organisiert und kulturell erklärt, verantwortungslos gegenüber der Gesellschaft ist. Das sind die wildesten Argumente. Dieser Kontrollgedanke funktioniert in der Argumentation recht gut wegen dem starken Wirkungspotenzial. Das wird dem Gebrauch nicht gerecht und lässt immer genau diejenigen zurück, die am wenigsten für sich sprechen können, und das ärgert mich.

[Raul Krauthausen]
Du hast gerade gesagt, es setzt ein Umfeld voraus, dem man vertrauen kann und das auf Sicherheit achtet. Das würde man über Sex ja auch sagen, ne? Sex kann auch eine berauschende Wirkung haben, kann furchtbar sein oder einem nicht so viel bedeuten. Oder ein anderes Beispiel: Wir können unseren Körper voll tätowieren, wir können uns Brandings geben, und das ist auch nicht reguliert oder verboten, solange es hygienisch ist. Aber sobald ich eine chemische Substanz in meinen Körper reinmache, wird das kriminalisiert oder stigmatisiert. Kommt daher die Idee, eure Organisation My Brain My Choice zu nennen? Weil am Ende, was für einen Schaden richte ich denn an, wenn ich mich berausche? Wahrscheinlich den gleichen Schaden, den ich, wenn es gut läuft, anrichte, wenn ich mich tätowiere.

[Philine Edbauer]
Ich mag’s ungern, über Schaden zu argumentieren, weil darum geht’s einfach nicht. Genauso wie beim Tattoo: Es geht ja darum, was Schönes auf den Körper zu machen. Wenn man von sich selbst heraus beim Drogengebrauch argumentiert, geht es auch darum, eine gute Zeit zu haben oder sich gegenseitig in schwierigen Situationen zu helfen. Was ist der gesellschaftliche Schaden? Dieses Argument wird sehr stark bemüht, weil’s ein einfaches, individualistisches Argument ist von wegen, mein Privatleben geht niemanden was an und solange ich niemand anderem schade, mach ich mich nicht strafbar. Ich würde mir wünschen, dass wir die Idee des gesellschaftlichen Schadens auch hinterfragen. Dass Drogen grundsätzlich eine Frage von potenziellen gesellschaftlichem Schaden wären, davon bin ich überzeugt, dass wir das loswerden müssen. Die Logik funktioniert so nicht, es ist draufgesetzt. My Brain My Choice ist ein politischer Appell, ein Framing oder eine Erinnerung, dass wir einen politischen Anspruch gegenüber dem Staat haben, das Thema anders zu betrachten. Es lässt Interpretationsspielraum und Leute verbinden viel Unterschiedliches damit. Mich freut, dass dieser Hashtag My Brain My Choice von alleine richtig Fahrt aufgenommen hat, dass Leute von sich aus was damit interpretieren und verbreiten. Sich selbst darin zu begreifen, dass man Ansprüche hat, die man äußern möchte. Es ist ein Statement gerichtet an die Politiker:innen, dass wir in dieser Debatte existieren. Für manche ist das gar nicht denkbar. In der CDU ist das ein gesundheitliches Thema und ein Thema der Polizei. Leute, die Drogen konsumieren, sind Opfer oder Kriminelle. Wo sollte da der Anspruch herkommen, dass wir Konzepte für einen besseren Umgang haben? Das hängt an diesem My Brain My Choice: Dass wir Ideen dazu haben, wie ein guter Umgang mit Drogen aussehen könnte.

[Raul Krauthausen]
Die Kritik an euch, ihr verharmlost Drogen, greift viel zu kurz. Wenn wir über Schaden reden, dann redet ihr über den Schaden, der durch die Stigmatisierung und Kriminalisierung entsteht. Diese Perspektive wollt ihr aufmachen. Dass ihr nicht zwangsläufig drogenpositiv seid, sondern dafür seid, dass das reguliert ist, aber eben nicht verboten. Dass es Regeln gibt, an die man sich halten kann und die einen schützen, vor schlechten Drogen. Dass es gewisse Orte gibt, wo man sie legal konsumieren darf. Und dass das Ganze nicht nur ein Start-up-Thema ist, wo Leute Cannabisöle verkaufen, sondern dass es auch darum geht, Menschen, die Drogen konsumieren, in die Lage zu versetzen, sie auch herzustellen und diesen Markt zu öffnen, um ihn sicherer zu machen.

[Philine Edbauer]
Im Vorlauf zur Cannabislegalisierung, bevor es entkriminalisiert war, haben wir als My Brain My Choice in internationaler Kooperation mit der Transform Foundation ein Buch herausgegeben. Das fasst zusammen, was man aus bisherigen weltweiten Cannabislegalisierungen lernen kann und was Regulierungsmöglichkeiten sind. Wir haben erklärt, was legale Regulierung umfassen kann, von allen Produktionsschritten zu Einzelhandel, dass Personal in Fachgeschäften lizenziert und geschult sein muss. Das sind Regulierungen, wie man Geschäften Vorschriften macht oder wie man ein Werbeverbot gestaltet. Diese Komplexität überhaupt denken zu können, sind viele nicht gewöhnt. Wir haben versucht darauf hinzuwirken, dass die Cannabislegalisierung als Chance für soziale Gerechtigkeit genutzt wird. Dass gerade diejenigen, die bisher Vorstrafen haben und in dem Bereich gehandelt haben, aktiv in den legalen Markt geholt werden. Was das deutsche Cannabisgesetz gemacht hat, war genau in Abgrenzung vom illegalen Markt. Es ist schade, weil wenn Leute Vorstrafen erhalten haben, sie explizit ausgeschlossen werden, jetzt einen Cannabisclub leiten zu dürfen. Es wäre doch gut, Leute in die Legalität zu holen und dadurch die Illegalität zu schwächen, indem man ihnen Arbeitskraft wegnimmt. Wir haben einen sehr monopolisierten Markt für Medizinal-Cannabis. Gegen diese Monopolisierung hätte man sehr viel unternehmen können. Die Cannabisanbauclubs sind eine Chance, in dieses Geschäft einzusteigen, aber die Hürden und das Investment, um so einen Club machen zu können und gegen Behörden durchzuhalten, sind hoch. Es braucht sehr viel Geld und das schließt viele aus und lässt dieses Geschäft an weiße Männer gehen, die bisher keine Vorstrafen haben. Es wäre schön gewesen, die soziale Ungerechtigkeit einer Prohibition anzuerkennen und die Leute in die Legalität zu holen, die unter der Prohibition Nachteile erlitten haben. So wurde das ganze Thema gar nicht begriffen. Wir saßen mit Drogenbeauftragten zusammen, haben die Argumente vorgebracht, aber wir hatten keine Chance. Auch polizeiliches Handeln: Der Polizei wurde ein riesiger Tätigkeitsbereich weggenommen durch die Nichtverfolgung von Cannabiskonsumierenden, aber die Ressourcen wurden nicht gekürzt. Dieser Diskurs war ziemlich undenkbar.

[Raul Krauthausen]
Man hätte die Gelder woanders reinstecken können, in Räume oder in Förderung der Aufklärung. Ich habe manchmal das Gefühl, wenn aufgeklärt wird, dann wird eher gesagt, das ist böse. Wenn wir das mit Sexualaufklärung vergleichen: Im Kommunikationsmuseum ging es um Sexualität, was für eine Reise Deutschland gemacht hat vom Storch, der die Babys bringt, hin zu Prostitutionsschutz und Selbstbestimmungsgesetz. Eine moderne Aufklärungsarbeit in Bezug auf Drogen sollte auch beinhalten, die positiven Aspekte von Drogen zu beleuchten. Die rassistische, sexistische oder klassistische Komponente von Drogenpolitik aufzumachen. Dass wir eigentlich über ganz andere Themen reden und Drogen benutzen, um bloß nicht tiefer blicken zu müssen.

[Philine Edbauer]
Stell dir vor, in dem Bereich wäre die Polizei zuständig aufzuklären. Es wäre absurd, warum soll die Polizei über Sex aufklären?

[Raul Krauthausen]
Das wäre dann die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

[Philine Edbauer]
Die ist bei unserem Thema zuständig für bundesweite Aufklärungskampagnen. Die sind sehr schlecht gemacht und sehr stigmatisierend. Grundsätzlich ist in den Schulen die Polizei zuständig für Verbrechensprävention. Weil es was Illegales ist, geht die Polizei in Schulklassen und erklärt, dass man nicht kriminell werden soll. Manche Schulen sind schon frei, sich zu entscheiden, wen sie einladen, und kommen auf wirklich gute Aufklärungsprogramme zurück. Das sind Programme, die über ein ganzes Schuljahr laufen, zusammen mit den Lehrkräften, die dafür ausgebildet werden. Es ist damit verbunden, jungen Leuten Risikobewusstsein beizubringen. Wie verhalte ich mich in einer Gruppe, wo es jemandem schlecht geht? Oder wie kann ich im Notfall helfen? Über welche Substanzen gesprochen wird, ist eher nachrangig, man achtet darauf, welche Fragen gerade in der Schulklasse sind. In manchen Schulklassen spricht man über Ecstasy, weil jemand Fragen dazu hat. Dieser lange Zeitraum ermöglicht, das mit den Jugendlichen zusammen zu gestalten und sie darin zu unterstützen, risikobewusster zu werden und Mündigkeit zu entwickeln.

[Raul Krauthausen]
Einfach eine Anerkennung der Realität, dass es sie nun mal gibt und wir das auch nicht verhindern können, indem wir nicht darüber reden.

[Philine Edbauer]
Diese Programme sind auch evaluiert. Man weiß eigentlich, wie wirksame Aufklärung für Jugendliche funktioniert. Eine EU-Richtlinie hat bekräftigt, dass diese Programme in Schulen Eingang finden sollen. Aber es setzt sich höchstens langsam durch, weil dieser Aspekt der Kriminalisierung für viele eine große Rolle spielt und feste Glaubenssätze über Drogen vorherrschen.

[Raul Krauthausen]
Welche Rolle spielt Sprache? Ihr habt einen Leitfaden über Drogen und Sprache herausgegeben. Darf ich Drogen sagen?

[Philine Edbauer]
Ich gehe nicht damit um, dass es viele falsche Wörter gibt, außer bei denen, die beleidigend gemeint sind. Bei dem Thema, wo es so viel Stigma und Scham gibt, ist eine Begriffsdiskussion eine wunderbare Chance, sich überhaupt mal zu unterhalten. Unser Sprachleitfaden heißt „Eine Einladung zum Gespräch“, weil wir anregen wollen, überhaupt mal über Dinge zu sprechen. Was versteht man eigentlich unter Sucht? Da kommen im Hilfesystem und unter Fachkräften ganz unterschiedliche Antworten. Die einen sagen, es ist eine strenge medizinische Definition. Andere verwenden den Begriff nicht, weil er so belastet ist. Diese Gespräche überhaupt erst mal zu führen, ist eine Neuigkeit und darin steckt viel Kraft. Sucht ist gesellschaftlich mit so viel Angst besetzt, es gibt viele Fragen dazu. Man muss mehr drüber sprechen, um diese Begriffe besser zu besetzen, genauso wie Droge. Es gibt im psychedelischen Bereich Leute, die sagen: „LSD ist keine Droge, sondern ein bewusstseinserweiterndes Instrument, alles andere sind richtige Drogen.“ Das wird dann auch negativ verwendet. Im politischen Kontext ist es schon gut, von Drogen zu sprechen, weil wir ein gemeinsames Thema haben. Im fachlich medizinischen Bereich ist „psychoaktive Substanz“ oder „psychotrope Substanz“ angemessen, um neutral damit umzugehen.

[Raul Krauthausen]
Aber kann ich jetzt sagen, beim Alkohol kann ich von Sucht sprechen, aber nicht von Droge?

[Philine Edbauer]
Alle Leute, mit denen ich mich engagiere, sprechen von Alkohol und anderen Drogen, um klarzumachen: Alkohol gehört schon zu dieser Kategorie.

[Raul Krauthausen]
Ist auch eine Droge. Das war so was, wo ich anfing, mich selber zu hinterfragen, als ich diesen Leitfaden gelesen habe. Diese Glaubenssätze, mit denen ich aufgewachsen bin, wo alle wussten, Alkohol ist nicht in Ordnung, aber es ist keine Droge. Aber „andere Drogen“ ist die plausiblere Erklärung. Was für Mythen in Bezug auf Sprache findest du noch wichtig?

[Philine Edbauer]
Der Begriff Junkie ist als Beleidigung oder Herabwertung in der Presse oder in meinem Umfeld ein sehr gängiger Begriff. Es wundert mich eigentlich, weil man ja selber merken könnte, wie beleidigend und abschätzend er gegen die Menschen ist. Selbst in der Berichterstattung wird so pseudo-selbstkritisch mit diesem Begriff umgegangen, aber er wird trotzdem eingeworfen. Der Begriff hat auch eine Selbstbezeichnung erlebt. Es ist eine Aneignung von Menschen, die damit beschimpft wurden, als Folge von extremer Stigmatisierung und Ausgrenzung. Was bleibt einem anders übrig, als sich diesen Begriff anzunehmen und zu sagen: „Ich kann wenigstens mitreden und ich bin auch ein Mensch.“ Aber es ist eine eindeutige Abwertung für eine Gruppe von Menschen.

[Raul Krauthausen]
Würdest du dann eher von Konsumierenden sprechen?

[Philine Edbauer]
Man weiß halt auch gar nicht, ob die Leute, Junkie bezeichnet ja vor allem Leute in Bahnhofsgegenden. Man hat ja ein klares Bild vor Augen, wen man meint.

[Raul Krauthausen]
Nicht so wie Fußballmanager Christoph Daum. Der war kein Junkie.

[Philine Edbauer]
Genau. Es geht halt gegen extrem arme Menschen in einer sehr schlechten Situation. Ob die jetzt irgendwas konsumieren, weiß man ja auch gar nicht. Das Erste ist, dass es Menschen in extremen Notsituationen sind, in die sie von der Gesellschaft gebracht werden. Junkie ist ein Wort, auf das ich aufrufen würde, wirklich einfach drauf zu verzichten. Genauso „Zombie“. In Frankfurt wird’s oft verwendet, was ich extrem schlimm finde, Menschen mit einem Wort zu bezeichnen, was sie als Halbtote markiert. Es nimmt ihnen alles Menschliche. Das sind meine zwei schwierigsten Wörter, die ich wirklich einfach lassen würde.

[Raul Krauthausen]
Ich hab im Leitfaden gesehen, dass auch das Wort Co-Abhängigkeit hinterfragt werden kann. Co-abhängig beschreibt Menschen, die Angehörige oder Verwandte von jemandem sind, der drogenabhängig ist. Ich kenn einen ähnlichen Begriff, der nennt sich Co-behindert.

[Philine Edbauer]
Echt? Gibt es?

[Raul Krauthausen]
Ja, wo Angehörige von Menschen mit Behinderung natürlich auch auf Barrierefreiheit angewiesen sind, wenn man gemeinsam Zeit verbringen möchte. Mich hat das sehr getroffen, als ich das Wort zum ersten Mal las. Aber je länger ich darüber nachdachte, desto empowernder hab ich das empfunden. Weil ich gemerkt habe, es ist ein gemeinsames Thema. Gleichzeitig ist es natürlich auch stigmatisierend für die Person, die co-behindert ist. Oder es stigmatisiert die Person, die behindert ist, weil sie dann dafür verantwortlich ist. Eine zweischneidige Sache.

[Philine Edbauer]
Ja. Co-abhängig ist ein Begriff, der typischerweise für Frauen verwendet wird. Das beschreibt Verhaltensweisen, wo Partnerinnen oder Mütter aus Fürsorglichkeit agieren. Wenn die Person Entzugserscheinungen hat, geben sie dem Sohn Geld, um sich neuen Stoff besorgen zu können. Man muss es respektieren, dass es vor einem lückenhaften Hilfesystem passiert. Es schwingt mit, was man früher gelehrt hat: Wenn das Kind drogenabhängig ist, muss man das vor die Tür setzen, weil es erst am Boden ankommen muss, damit es heilen kann. Fachlich ist man sich einig, dass das Unsinn ist, aber in der Gesellschaft schwingt es noch mit. Wir weisen drauf hin, dass es fachlich und medizinisch keine eigene Diagnose ist. Es ist eine Bezeichnung, die für manche Sinn gibt, um sich zu vernetzen. Man muss vorsichtig sein, den Begriff anderen überzustülpen, weil er extrem verletzend sein kann. Eltern, die ihr Kind nicht vor die Tür setzen, sind hart stigmatisiert. Wenn man einfach nur versucht, zu helfen, weil man überfordert ist, ist das eine harte Beleidigung.

[Raul Krauthausen]
Inwieweit ist denn Drogenpolitik auch eine Geschlechterfrage? Wenn ich Menschen sehe, die Drogen verkaufen im Stadtbild, sind das fast immer Männer.

[Philine Edbauer]
Ja, schwarze Männer vor allem, die auch auffallen.

[Raul Krauthausen]
Das heißt, wir haben ein Rassismusproblem da drin. Wahrscheinlich, weil sie sonst schwierige Jobalternativen haben und an anderer Stelle gar nicht an Geld kämen. Und der Konsum sind überwiegend Männer?

[Philine Edbauer]
Wahrscheinlich ist es ziemlich gleich verteilt über die Geschlechter, wer konsumiert. Der Stigma ist unterschiedlich. Frauen, die Mütter sind und konsumieren, werden ganz anders betrachtet. Es wird versucht, mehr gendersensible Hilfen anzubieten, wo es nicht nur darum geht, wie du von der Droge wegkommst, sondern die Person die Unterstützung kriegt, die gerade umsetzbar ist. Die Drogenhilfen gehen oft wenig auf Uhrzeiten ein, die für Mütter besser wären. Man müsste viel konkreter auch auf trans Personen eingehen, die in der Gesellschaft stigmatisiert werden und Diskriminierung in der Drogenhilfe erfahren. Im Drogenhandel weltweit erhalten Frauen die höheren Gefängnisstrafen. Frauen werden benutzt, um Drogen auf gefährlichen Umständen zu transportieren. Da ist die Intersektion mit der schlechteren wirtschaftlichen Position sehr stark spürbar. Drogenpolitik ist kein isoliertes Randthema, sie ist so rassistisch und diskriminierend wie die Gesellschaft und trägt zur rassistischen Gesellschaft bei.

[Raul Krauthausen]
In dem Gespräch wird mir klar, wie tief diese Thematik mit allen anderen Themenbereichen verwoben ist. Ein regulierter Drogenmarkt würde es ermöglichen, Hilfen bei Abhängigkeit anzubieten, die zielgerichteter funktionieren und weniger stigmatisiert werden. Dass es ein offensichtlicher Bedarf nach Angeboten ist, damit man vielleicht gar nicht so weit kommen muss.

[Philine Edbauer]
Lösung Nummer eins ist die Wohnungskrise. Wenn man Menschen auf der Straße zuhören würde, was ihr größtes Problem ist. Wir haben tolle O-Töne in Berlin gesammelt. Ich organisiere auch den Berliner Gedenktag für verstorbene Drogengebrauchende mit, am 21. Juli. Da geht’s um Leute in prekären, schwierigen Situationen. Die Vision von My Brain My Choice bemisst sich daran, ob das, was wir machen, eine Antwort für die Menschen ist, denen es am schlechtesten geht. Wir arbeiten viel mit Verbänden wie der Deutschen Aidshilfe und dem JES-Bundesverband zusammen. Es geht gerade um Menschen in extrem schlimmen Situationen.

[Raul Krauthausen]
[Fahrstuhlpiepen] Gleich geht’s weiter. Wenn du diesen Podcast unterstützen möchtest, dann kannst du das mit einem kleinen monatlichen Beitrag tun. Im Gegenzug kannst du alle Folgen vorab hören und wirst namentlich genannt. Alle Infos findest du auf im-aufzug.de. [Fahrstuhlpiepen] Viel Spaß beim zweiten Teil der Folge. Jetzt haben wir mit Karl Lauterbach einen Gesundheitsminister gehabt, wo ich den Eindruck hatte, er hatte mehr vor, als er durchbekommen hat. Würdest du sagen, das war ein Rohrkrepierer, wenn es um die Legalisierung von Cannabis ging?

[Philine Edbauer]
Nicht automatisch, sondern weil wir jetzt diese CDU- und SPD-Regierung haben, weht einfach der politische Wind anders. Eine komplette Legalisierung mit Einzelhandelsgeschäften wie in den USA wäre sicherlich schwieriger zurückzudrehen jetzt. Die CDU hat angekündigt, wenn wir gewählt werden, machen wir die Legalisierung rückgängig. Daran arbeiten die sehr engagiert. Jetzt diese Woche ist CDU-Parteitag und ein Antrag wird eingebracht, dass die Cannabislegalisierung komplett rückgängig gemacht wird.

[Raul Krauthausen]
Wer profitiert denn davon?

[Philine Edbauer]
Die Polizei, dass sie wieder ihre Autorität über dieses Thema haben. Die Polizeigewerkschaften haben eine extrem starke Lobby und ein institutionelles Eigeninteresse. Medizinisch gibt’s eine starke Bewegung von Ärztinnen, die sagen, Cannabis gehört nur in den medizinischen Bereich und alles andere sei verantwortungslos.

[Raul Krauthausen]
Vielleicht geht es um Deutungshoheit.

[Philine Edbauer]
Ja, Deutungshoheit definitiv. Wenn man Deutungshoheit hat, hat man auch Legitimation, öffentliche Gelder für weitere Forschung zu kriegen. Es gab immer Ärztinnen, die ihre Weltbild durchdrücken wollten.

[Raul Krauthausen]
Was qualifiziert eigentlich einen Henrik Streeck, Drogenbeauftragter zu sein?

[Philine Edbauer]
Es ist völlig irritierend, dass man an dieser Position immer wieder jemanden hat, dessen Qualifikation es ist, sich maximal nicht auszukennen in diesem Thema.

[Raul Krauthausen]
Oder dagegen zu sein. Frauenbeauftragte sollten nicht Männer sein, Behindertenbeauftragte sollten nicht Nichtbehinderte sein.

[Philine Edbauer]
Es ist eine politische Entscheidung, wer dieses Amt kriegt. Streeck ist sehr engagiert, es nur als medizinischen Begriff zu deuten. Das verengt den Blick auf Drogen auf etwas, was nicht der Realität gerecht wird. Dieser Drogenbeauftragtenposten wird immer mit Leuten besetzt, denen man woanders nichts geben konnte. Streeck hat bei einer Cannabis-Evaluation einen Zwischenbericht, dessen Fazit war, dass es keinen Anlass gibt, was zu ändern, neu geframet und so kommuniziert, als ob es doch ein Problem gäbe. Ich würde mir wünschen, dass aus anderen Politikbereichen mit demselben Maß auf den drogenpolitischen Bereich geschaut wird. Streeck hat dieses Amt angefangen, indem er jedes Mal betont hat, dass er Arzt ist. Er kommt aber aus der Virologie. Die vorige Drogenbeauftragte hat das Amt bekommen, wo man öffentlich erklärte, es sei eine Chance, dass sie sich mit dem Thema nicht auskennt.

[Raul Krauthausen]
Das ist auch eine Kritik an den Medien, dass die das einfach übernehmen und nicht hinterfragen. Man könnte auch die Frage stellen, warum ist die Drogenbeauftragtenposition unterm Innenministerium angesiedelt und nicht unterm Sozialministerium?

[Philine Edbauer]
Im Gesundheitsministerium angesiedelt.

[Raul Krauthausen]
Aber warum nicht eigentlich unterm Sozialministerium? Eine Sucht entsteht nicht allein durch den Gebrauch einer Substanz, sondern auch durch andere Faktoren, wie die Umwelt.

[Philine Edbauer]
Es ist extrem komplex. Es gibt bestimmte Muster: Wenn man extreme Schmerzen hat und Ärztinnen die wirksamen Opioide nicht verschreiben, hilft man sich selbst. Regelmäßiger Gebrauch kann zur Abhängigkeit werden. In der Drogenhilfe weiß man, dass es darauf ankommt, die Person zu verstehen. Wenn jemand freiwillig Hilfe aufsucht, gibt es nicht die eine Antwort. Manche wollen abstinent werden, andere sagen: „Ich will eigentlich Hilfe für meine Depression, aber da werde ich abgelehnt, weil ich meinen Drogenkonsum zugegeben habe.“ Es ist sehr individuell, wo Hilfe ansetzen muss. Ich dachte eigentlich, das Amt sollte zurück zum Innenministerium, weil es ehrlicher wäre.

[Raul Krauthausen]
Aber da ist doch dann schnell Polizei.

[Philine Edbauer]
Das Innenministerium ist für Drogen zuständig. Für die Kommunikation nach außen wäre es ehrlicher, wenn das Büro beim Innenministerium wäre. Es würde nicht verdecken, dass Drogenpolitik in Deutschland hauptsächlich Innenpolitik ist und nicht Gesundheitspolitik.

[Raul Krauthausen]
Wo auch viel mit Angst gearbeitet wird.

[Philine Edbauer]
Und konkret mit Strafverfolgung. Die meisten Delikte, die von der Polizei verzeichnet werden, sind gegen Konsumierende. Bei einer Wiederholung kann es eine Geldstrafe geben oder der Führerschein kann einem entzogen werden. Führerscheinentzug ist eine extrem harte Strafe, weil sie sehr starke Folgen für den Beruf oder die Mobilität auf dem Land hat. Man kann den durch eine sehr teure, erniedrigende MPU wiedergewinnen. Führerscheinentzug dafür, dass man als Krimineller verzeichnet wurde für den Besitz.

[Raul Krauthausen]
Als ich auf eurer Website herumstöberte, hatte ich ein Gespräch mit einer Freundin. Wir haben uns gefragt: Was galt früher als unmöglich, was dann doch gesellschaftlich errungen wurde? Es gab eine Zeit, da hat man nicht geglaubt, dass man keine Schmerzen haben muss. Die Erfindung von Schmerzmitteln hat vieles revolutioniert. Meine Mutter ist Ärztin und ich habe Glasknochen. Sie hat mir als Kind gesagt: „Niemand muss Schmerzen haben. Ich achte darauf, dass du nicht abhängig wirst, aber du musst nicht stark sein.“ Mich hat das sehr empowert. Inwieweit ist eure Arbeit nicht auch Inklusionsarbeit? Viele Menschen, die Schmerzen haben, nehmen Cannabis oder Schmerzmittel.

[Philine Edbauer]
Die Wohnungslosenstiftung grenzt sich zum Beispiel nicht ab von Leuten, die Drogen nehmen. Alle auf der Straße haben dasselbe Problem. Diese Abgrenzung nach unten gibt es aber in vielen Szenen. In der Linken ist es auch nicht so, dass sie dieses Thema richtig gut aufgreifen würde. Ich würde natürlich gerne auf alle Organisationen zugehen und sagen: „Wo können wir kooperieren? Wo können wir Vorurteile abbauen?“ Unsere Möglichkeiten sind zeitlich begrenzt. Man kann von schwarzen Communitys, die sich gegen Rassismus einsetzen, nicht erwarten, dass sie sich automatisch für das Drogenthema engagieren. Sie haben schon so viele Vorurteile, dass sie angeblich Drogen dealen. Justice Collective hat einen tollen Bericht rausgegeben, die das Drogenthema aus einer rassismuskritischen Perspektive entwickeln. Es fehlt noch, sich über die Bewegungen hinweg zu verständigen.

[Raul Krauthausen]
Wie viele Organisationen beteiligen sich an My Brain My Choice?

[Philine Edbauer]
Wir stehen grundsätzlich für uns selbst, aber wir haben verschiedene Projekte. Manche Projekte finden in Bündnissen statt. Beim Sprachleitfaden haben wir Bundesverbände der Suchthilfe wie die Deutsche Aidshilfe als Partner. Diese Organisationen übernehmen die Verantwortung, dass dieser Leitfaden Beachtung findet. Wir haben eine Petition gemacht für eine unabhängige Fachkommission für Drogenpolitik, zusammen mit dem Schildower Kreis, einem Netzwerk von Wissenschaftlerinnen. Letztes Jahr zum Weltdrogentag haben wir ein Online-Event gemacht, wo über dreißig Initiativen, Projekte und Organisationen zusammengekommen sind. Wir arbeiten daran, eine gemeinsame politische Stimme zu zeigen.

[Raul Krauthausen]
Wie kann ich als Freundin oder Verwandter einer konsumierenden Person am besten zur Seite stehen?

[Philine Edbauer]
Zuhören ist eine gute Methode. Wirklich bewusst zuhören, weil man so leicht über Dinge hinweghört. Manchmal werden Dinge wie: „Ich habe nur Probleme mit dem Alkohol, aber nicht Cannabis“, überhört, weil man denkt, die Person muss von allem abstinent werden. Nachfragen, um der Person nichts aufzustülpen. Oft äußern sich Personen ungern, weil sie sich schämen oder Vorurteile befürchten. Es gibt niedrigschwellige Angebote und Chats von Drogenhilfen. Diese Angebote in Anspruch nehmen, um damit nicht allein zu sein.

[Raul Krauthausen]
Findet man die Ansprechpartner:innen auf eurer Seite?

[Philine Edbauer]
Wir haben eine Hilfeseite zusammengestellt unter mybrainmychoice.de/hilfe, wo man einen Überblick findet. Da stehen Adressen und auch ein Podcast für Eltern von der Drogenhilfe Wien.

[Raul Krauthausen]
Gibt es etwas, was du anders gemacht hättest, wenn du auf deine Arbeit zurückblickst?

[Philine Edbauer]
Ich hätte mir gewünscht, vieles nicht alleine entdecken zu müssen. Ich hab viel Zeit darin verloren, dass ich alles selbst rausfinden musste. Auch Sexismus hat sehr viel Zeit gekostet. Immer wieder mit meinem Können nicht fachlich unterstützt zu werden, sondern veräppelt zu werden: „Du kannst ja unsere Organisationsarbeit machen.“ Das lenkt davon ab, eigene inhaltliche Arbeit zu machen. Ich hätte mich gerne viel früher auf mein Können fokussiert. Ich musste auf die harte Tour entdecken, wie man existieren kann, wenn ein Mann versucht, einen kleinzumachen.

[Raul Krauthausen]
Gibt es inhaltliche Positionen, die du jetzt anders beleuchten würdest als damals?

[Philine Edbauer]
Inhaltlich hab ich immer dazugelernt. Ich bin am Anfang vielleicht zu bescheiden mit meiner Position rausgegangen. Organisatorisch war ein großes Learning, dass ich lange versucht hab, My Brain My Choice an etablierte Strukturen anzuknüpfen. Ich hab sehr viel Zeit damit verbracht und hätte in der Zeit schon längst unser Ding machen können. Ich bin sehr stolz darauf, von vornherein gesagt zu haben, wir machen unser eigenes Ding und behalten die Ungleichheit im Blick.

[Raul Krauthausen]
Welche drogenpolitische Forderung wird heute als radikal gesehen und in zehn Jahren selbstverständlich sein?

[Philine Edbauer]
Ich glaube nicht, dass wir eine Zukunft erwarten können, wo es so weitergeht wie in den letzten Jahren. Die Welt sieht ein bisschen düsterer aus. Es finden extreme Verschärfungen der Sicherheitspolitik statt. Das Erwachen wird kommen, dass wir unterschätzt haben, wie stark Drogenpolitik Innenpolitik ist.

[Raul Krauthausen]
Wie motivierst du dich dann trotzdem, dranzubleiben?

[Philine Edbauer]
Dass ich mir erhoffe, dass Drogenpolitik besser verstanden wird. Das Drogenthema ist präsent, Drogen werden überall genommen und alle haben eine Meinung dazu. Es ist eine schöne Chance, über etwas, worüber eh alle nachdenken, bessere Gespräche zu motivieren. Ich freu mich über kleine Erfolge. Ich wurde von einer zehnten Schulklasse eingeladen zu der Frage: Wie kann internationale Drogenpolitik mehr zu einem Menschenrechtsthema bewegt werden? Wir sind jetzt auch im Jahrbuch der fünfhundert wichtigsten politischen Interessenvertretungen von Quadriga. Einfach als Initiative, die komplett aus Ehrenamtlichen besteht, darin vorzukommen, ist enorm.

[Raul Krauthausen]
Kannst du von dieser Arbeit leben?

[Philine Edbauer]
Schwierig. Ich hab 24 Mitglieder auf Steady, die mich unterstützen. Ich mache Drogenpolitik-Briefings und halte Workshops über den Sprachleitfaden.

[Raul Krauthausen]
Ich hab mehrere Talks von dir gesehen, bei „13 Fragen“ im ZDF, auf der Republica.

[Philine Edbauer]
Gut, die sind nicht bezahlt. Ich wurde auch in der ZEIT porträtiert, eine Journalistin hat ein Jahr mit mir verbracht. Das ist eine enorm große Sache. Ich engagiere mich in einem stigmatisierten Bereich. Leute sagen mir: „Ich find deine Sachen voll gut, aber ich teil sie nicht auf Instagram, weil ich will nicht damit gesehen werden.“ Auf sehr große Momente folgt immer recht wenig automatisch.

[Raul Krauthausen]
Ich glaube, beim Thema Behinderung, Inklusion ist das ein bisschen das Gegenteil. Alle finden das Thema wichtig, aber gleichzeitig hab ich auch nicht das Gefühl, dass andere anfangen, das zu teilen. Deswegen so beeindruckend, dass ihr extrem viel teilt, euer ganzes Wissen kostenlos zur Verfügung stellt. Wie wenig Menschen ich in meinem Umfeld habe, mit denen man über Drogen reden kann.

[Philine Edbauer]
Wenn man Drogenerfahrungen hat, wieso sollte man offen damit umgehen gegenüber Leuten, die einen dann verurteilen? Untereinander redet man sehr viel drüber. Ich glaube, es gibt sehr viele, die sehr gerne erzählen wollen, aber die Bereitschaft muss da sein.

[Raul Krauthausen]
Ich wette, es gibt auch super viele Menschen, die sehr gerne mal eine Rauscherfahrung hätten, in einem kontrollierten Setting. Und dass selbst Abhängige, denen wir nichts zutrauen, Erfahrung und Wissen haben und dieses Wissen wahrscheinlich gerne teilen würden, wenn es dafür Räume gäbe.

[Philine Edbauer]
Lösung Nummer eins bleibt die Wohnungsnot zu beheben.

[Raul Krauthausen]
Gibt es eine Organisation, Literatur oder einen Podcast, den du empfehlen würdest?

[Philine Edbauer]
Es ist leider bei der Drogenpolitik so, dass international extrem viel Gutes geschrieben wurde und nur teilweise übersetzt ist. Eines ist gerade neu erschienen, herausgegeben von Philipp Wolfesberger, es heißt „Drug Assemblages, Policies, Counter Narratives and Local Experiences“. Das bietet einen neuen Blick auf den internationalen Drogenhandel mit Schwerpunkt Lateinamerika. Das andere ist das Buch „Die Nazis nannten sie Asoziale und Berufsverbrecher“. Gibt es bei der BPB für fünf Euro. Ich glaube, es ist wichtig, unsere Geschichte zu kennen, wie extrem stigmatisierte Gruppen verfolgt und in KZs vernichtet wurden. Und dann zwei englische Bücher: Von Professor Imogen Tyler „Stigma: The Machinery of Inequality“, wo sie erklärt, inwiefern Stigma das Schmiermittel für Ungleichheit ist und Rechtfertigungen bietet, warum Menschen ungleich behandelt werden. Das andere ist von Dr. Kojo Koram „The War on Drugs and the Global Color Line“, wo er erklärt, inwiefern Drogenpolitik rassistisch ist und zu Rassismus beiträgt.

[Raul Krauthausen]
Gibt es irgendeine Frage, die Journalist:innen öfter stellen sollten?

[Philine Edbauer]
Alles. [lacht] Einfach diese Neugier wäre wünschenswert. Diese ganzen Klischees, immer jemand, der mit dem Rücken zugewandt, mit einer Kapuze auf dem Betonboden sitzt und eine Spritze in der Hand hält. Oder diese absurd große Line Kokain mit dem Geldschein. Das ist in Sachen Safer Use fatal: Zieht nicht so große Lines und verwendet keinen Geldschein, der durch viele Hände gelaufen ist. Oft wäre es einfach gut, über gewisse Dinge gar nichts zu berichten. Ich habe den Sprachleitfaden an so ziemlich jede Redaktion geschickt, damit die reflektieren, worüber sie berichten. Ein konkreter Tipp: Pressemitteilungen von der Polizei nicht einfach als bare Münze nehmen, sondern Fachleute gegenüberstellen.

[Raul Krauthausen]
Ich finde es unsäglich, wie oft nicht behinderte Menschen zum Thema Inklusion interviewt werden und das als Expert:innenwissen gesehen wird. Da wünsche ich mir auch viel mehr kritischen Journalismus. Ich bin jetzt fünfmal umgezogen und jedes Mal gab es eine Debatte unter den Nachbarinnen, dass jemand eine Spritze im Sandkasten gefunden hat. Es scheint eine gängige Erzählung zu sein, um Menschen zu stigmatisieren und für Sicherheit und Sauberkeit zu sorgen. Am Ende hat es dazu geführt, dass jetzt ein Schild vor dem Spielplatz ist: „privater Spielplatz“.

[Philine Edbauer]
Diese Spritzen liegen schon an vielen Orten rum. Städte könnten extra Mülleimer aufstellen, die dann auch genutzt werden. Aber manche Bezirke wollen diese Mülleimer nicht in der Stadtmitte haben. Die müssen extra entsorgt werden wegen der Verletzungsgefahr. Um das klarzustellen: Das konkrete Risiko, sich über eine gebrauchte Spritze mit was anzustecken, ist extrem gering. Das größere Problem ist, dass die Nachbarschaften die zunehmende Armut und Folgen der Wohnungslosigkeit vor der Tür haben. Die Städte schieben dieses Thema auf die Nachbarschaften ab, anstatt Anlaufstellen und Räume zu schaffen, wo Leute tagsüber existieren können.

[Raul Krauthausen]
Wenn die Aufzugtür jetzt aufgeht, wo geht’s für dich heute weiter?

[Philine Edbauer]
Heute ist mein „My Brain My Choice“-Tag. Ich muss den Aktionsplan, ein vierundvierzigseitiges Heft, das wir dank Crowdfunding drucken konnten, in die richtigen Hände geben. Lobbyarbeit machen. Dann die Organisation vom 26. Juni wieder aufnehmen. Und nach einer Winterpause fangen jetzt auch unsere offenen digitalen Treffen am Ersten des Monats wieder an.

[Raul Krauthausen]
Liebe Philine, ich freu mich sehr, dass du da warst. Das hat meinen Horizont erweitert.

[Philine Edbauer]
Es war mir eine ganz große Ehre. Du warst auf meiner Bucket List.

[Raul Krauthausen]
Ich würd mich freuen, wenn wir uns wiedersehen. Wir wohnen ja beide in Berlin. Danke fürs Mitfahren. Wenn ihr mögt, bewertet diese Folge bei Apple Podcast, Spotify. Alle Links findet ihr in den Show Notes.

[Schindler]
[Fahrstuhlklingel] Diese Folge wurde dir präsentiert von Schindler. Welcher Film fast vollständig in einem Aufzug spielt? Abwärts aus dem Jahr 1984. Ein deutscher Thriller. Aber auch Fahrstuhl zum Schafott und Devil setzen den Aufzug als zentrales Element ein. Willst du auch mehr über Aufzüge erfahren? Unter schindler.de/karriere findest du viele Möglichkeiten.

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Dieser Podcast ist eine Produktion von Schønlein Media.
Produktion: Fabian Gieske , Tim Rodenkirchen
Schnitt und Post-Produktion: Tim Rodenkirchen

Coverart: Amadeus Fronk

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