Wie klingt eigentlich das Weltall?
Gerhard Jaworek ist Informatiker, Astronom, Blogger und Autor – und er zeigt mir, dass man Sterne auch ganz ohne Augen sehen kann. Wir sprechen über Sterne, sprechende Aufzüge und darüber, wie sich der Mars in der Hand anfühlt.
Doch Gerhard erzählt mir auch von seiner Arbeit am KIT in Karlsruhe, wo er Studierende mit Sehbehinderung unterstützt. Über echte und falsche Applausmomente, über die Inklusion in der Wissenschaft und warum Astronomie für ihn von Natur aus eine inklusive Disziplin ist. Außerdem geht es um deutsche Beiträge zur Raumfahrt und die Frage, ob Klimaschutz nicht unser eigentliches Menschheitsprojekt sein sollte.
Wir reden über die kuriosesten Kinderfragen, über absurde Missverständnisse zwischen Sehenden und Blinden – und über Gerhards Begeisterung für kleine Details, die das Universum plötzlich greifbar machen. Aufzugtür auf für Gerhard Jaworek!
Gerhards Empfehlungen: Gerhards Blog, Gerhards Buch, „Das Universum“ Podcast
00:00:03,980 –> 00:00:25,840 [Schindler]
Wenn du in den Aufzug steigst, sagst du „Hallo oder schweigst du lieber? Manche halten sich lieber zurück, andere begrüßen gleich alle im Aufzug. Aber was ist eigentlich die ungeschriebene Regel? Die Antwort gibt es am Ende dieser Folge. Jetzt viel Spaß mit Raúl im Aufzug wünscht Schindler.
00:00:25,840 –> 00:00:47,919 [Raúl Krauthausen]
Bevor wir loslegen, ein kurzes Dankeschön an dich, dass du regelmäßig dabei bist. Falls du dir schon mal gedacht hast, wie kann man eigentlich diesen Podcast unterstützen, ist die Antwort ganz einfach. Sie lautet Steady. Mit einem kleinen monatlichen Beitrag hilfst du nämlich uns und dem Team, unabhängig zu bleiben und wieder spannende Geschichte zu erzählen.
00:00:47,919 –> 00:01:11,499 [Raúl Krauthausen]
Als kleines Extra bekommst du vorab Zugang zu neuen Freunden und wenn du das möchtest, eine Erwähnung hier im Podcast. Ein riesiges Dankeschön geht diese Woche an unsere wunderbaren Unterstützerinnen Tina, Sabine und Heiko. Ihr macht das hier erst möglich. Echt großartig. Und jetzt geht es auch schon direkt los.
00:01:11,499 –> 00:02:11,039 [Raúl Krauthausen]
Gerhard Jaworek ist Informatiker, Astronom, Blogger und Autor. Und er zeigt mir, dass man Sterne auch ganz ohne Augen sehen kann. Wir sprechen über Sterne, sprechende Aufzüge und darüber, wie sich der Mars in der Hand anfühlt. Doch Gerhard erzählt mir auch von seiner Arbeit am KIT in Karlsruhe, wo er Studierende mit Sehbehinderung unterstützt, über echte und falsche Applausmomente, über die Inklusion in der Wissenschaft und warum Astronomie für ihn von Natur aus eine inklusive Disziplin ist. Außerdem geht es deutsche Beiträge zur Raumfahrt und die Frage, ob Klimaschutz nicht unser eigentliches Menschheitsprojekt sein sollte. Wir reden über die kuriosesten Kinderfragen, über absurde Missverständnisse zwischen Sehenden und Blinden und Gerhards Begeisterung für kleine Details, die das Universum plötzlich greifbar machen. Auf zur Tür auf für Gerhard Jabboureck.
00:02:11,039 –> 00:02:20,839 [Raúl Krauthausen]
Die Tür geht auf und wer kommt rein? Ich freue mich sehr, denn ich kenne ihn wirklich nur aus dem Internet. Herzlich willkommen, Gerhard Jabboureck. Schön, dass du da bist.
00:02:20,839 –> 00:02:25,519 [Gerhard Jaworek]
Ja, vielen Dank, lieber Raúl. Es ist mir eine große Freude, mal hier bei dir zu sein.
00:02:25,519 –> 00:02:54,439 [Raúl Krauthausen]
Du bist Informatiker, Astronom, Blogger, Podcaster, Autor. Also eine ganz schöne Menge an Aktivitäten, die du machst. Vor allem bist du aber auch an einer Uni angestellt beziehungsweise arbeitest in Karlsruhe. Mich würde mal interessieren, bevor wir loslegen und in die Materie einsteigen – und das glaube ich, eine sehr spannende Materie –, hattest du schon mal einen merkwürdigen Moment in dem Aufzug?
00:02:54,439 –> 00:03:14,479 [Gerhard Jaworek]
In der Tat hatte ich einen merkwürdigen Moment, und zwar, wir sind seit anderthalb Jahren in den Neubau umgezogen, in den Barrierefreien, und ich wollte mit schwerem Gepäck den Aufzug betreten, als die Tür offen war und dann sagte der Aufzug plötzlich zu mir: „Bitte verlassen Sie sofort den Aufzug.“ Defekt.
00:03:14,479 –> 00:03:16,039 [Raúl Krauthausen]
Hast du es dann gemacht oder bist du weitergefahren?
00:03:16,039 –> 00:03:18,339 [Gerhard Jaworek]
Nein, nein, nein, das habe ich mir nicht zweimal gesagt.
00:03:18,339 –> 00:03:23,679 [Raúl Krauthausen]
Das habe ich aber noch nie mitbekommen. Normalerweise ist es einfach defekt, ohne was zu sagen.
00:03:23,679 –> 00:03:27,379 [Gerhard Jaworek]
Also, dass ein Aufzug so was sagt, habe ich auch noch nie erlebt.
00:03:27,379 –> 00:03:29,039 [Raúl Krauthausen]
Und dann bist du die Treppe gegangen?
00:03:29,039 –> 00:03:30,699 [Gerhard Jaworek]
Ja.
00:03:30,699 –> 00:03:33,839 [Raúl Krauthausen]
Ja, was bleibt einem anderes übrig, wenn man gehen kann?
00:03:33,839 –> 00:03:35,079 [Gerhard Jaworek]
Ganz genau.
00:03:35,079 –> 00:03:39,279 [Raúl Krauthausen]
Wie kamst du eigentlich auf die Idee, das Blog, das du
00:03:39,279 –> 00:04:09,959 [Raúl Krauthausen]
betreibst, zu starten? Warum ich jetzt den Namen nicht genannt habe, ist der, dass ich eigentlich nicht gleich mit dem Thema Behinderung einsteigen möchte, sondern eigentlich mit dem anderen Thema, das dein Blog handelt. Wenn ich jetzt aber sagen würde, dass dein Blog Blind Nerd heißt, dann würden wir ja quasi schon wissen, worum es geht. Also jetzt habe ich ja gesagt, Gerhard, erzähl mal, wie bist du auf die Idee gekommen, über das Thema Ähm Astronomie zu bloggen?
00:04:09,959 –> 00:04:55,439 [Gerhard Jaworek]
Also zum Blogger wurde ich schon Bevor die Bloggerei losging, habe ich ja mein Buch geschrieben, Blind zu den Sternen, wo ich so autobiografisch meinen Weg beschreibe zur Astronomie. Können wir nachher noch sprechen. Und dann habe ich irgendwie gemerkt, mich mehr und mehr für Wissenschaftskommunikation im Allgemeinen interessiert. Und ja, selbst ein Podcast mit all der Technik drumherum war mir irgendwie zu viel. Ich wollte auf jeden Fall etwas haben, womit ich mich mitteilen kann und das ich selbstständig bedienen kann. Also nicht, dass ich nicht gerne Hilfe annehme, aber das ist für mich, wenn ich das von vornherein weiß, es wird nie gehen, dann ist es irgendwie keine gute Option. Aber mit dem Blog hat es dann funktioniert, obwohl am Anfang viel zu lernen war.
00:04:55,439 –> 00:05:03,119 [Raúl Krauthausen]
Was macht denn für dich überhaupt den Reiz aus, über Wissenschaft und Technik zu schreiben und Wissenschaftskommunikation, wie du sagst, zu machen?
00:05:03,119 –> 00:05:50,759 [Gerhard Jaworek]
Also für mich macht der Reiz aus, dass vor allem ich als Mensch mit Blindheit muss ja ohne Bilder auskommen und ein hohes Ziel von mir ist, im Wesentlichen nur das zu erklären, was ich auch selbst verstanden habe. Denn daran, wie man was erklärt, merkt man oft, ob man es verstanden hat oder nicht. Und mir gefällt es und es wird von Menschen mit Sehvermögen sehr gerne angenommen, die mögen das, dass eigenes Kopfkino gefragt ist und keine Bilder vorgesetzt werden. Und damit habe ich eine eigene Sprache. Ja, man muss dann schon ein bisschen eine eigene Sprache finden und viele Beispiele, vielleicht aus dem Leben. Und es macht unheimlich Spaß, Wissenschaft so zu vermitteln und zu erklären.
00:05:50,759 –> 00:05:52,059 [Raúl Krauthausen]
Hast du ein Beispiel?
00:05:52,059 –> 00:06:50,131 [Gerhard Jaworek]
Ja, zum Beispiel.Ja, jetzt im Sommer letzten Jahr [stammelt] ist es durch die Decke geschossen. Das war ein Beispiel mit ’ner Thermoskanne von ’ner Bekannten. Die hat die mit Wasser gefüllt, so ne metallene und hat sie in den Kühlschrank gestellt und sich nach Stunden eben gemerkt, dass sich gar nichts getan hat. Warum nicht? Weil’s ne Thermoskanne war. Dann hat sie mich irgendwann gefragt: „Ja, aber wie, wenn doch zwischen der Erde und der Sonne Vakuum ist, wie kommt denn dann die Sonnenwärme zu uns?“ Und ich fand das ’ne super, super Frage. Und dann hab ich dadurch natürlich gleich mal von der Haushaltsphysik, kommst du in die richtige Physik, die Weltraumphysik, äh, dass es eben noch andere Mechanismen gibt, wie Wärme abgeführt werden kann, nämlich durch Licht, elektromagnetische Wellen. Ja, und dann ist man auch gleich mal auf der Raumstation, wo man das Thema Wärmeabfuhr auch behandeln muss. Solche Dinge machen halt einfach Spaß.
00:06:50,131 –> 00:06:57,931 [Raúl Krauthausen]
Das heißt, wenn der, der, wenn das Tiefkühlfach hell gewesen wäre und die Thermoskanne durchsichtig, dann wär’s warm geworden?
00:06:57,931 –> 00:07:11,451 [Gerhard Jaworek]
Äh, nein, der, weil der, der die Lichtabfuhr oder di-die Wärmeabfuhr durch elektromagnetische Wellen ist deutlich ineffizienter wie die Wärmeabfuhr, zum Beispiel durch Wärmeabgabe an die Umgebung-
00:07:11,451 –> 00:07:11,731 [Raúl Krauthausen]
Mhm.
00:07:11,731 –> 00:07:33,831 [Gerhard Jaworek]
-wenn Luft oder so was ist, ne? Das ist deutlich effizienter. Das nennt man dann auch Kon-Konvektionsabfuhr und das sieht man am kochenden Wassertopf. Deswegen brauchen ja auch so zum Beispiel so weiße Zwerge, also tote Sterne, die brauchen ewig, bis die ausgekühlt sind. Im Moment gibt’s schon viele weiße Zwerge, aber noch keinen, der schwarz ist, weil alle noch zu jung sind. Die sind alle noch nicht fertig.
00:07:33,831 –> 00:07:35,471 [Raúl Krauthausen]
Es gibt keinen, der schwarz ist?
00:07:35,471 –> 00:07:43,631 [Gerhard Jaworek]
Nein, schwarze Zwerge gibt’s noch nicht, weil die alle noch zu jung sind und der– die Wärmeabfuhr über Lichtwellen so ineffizient ist.
00:07:43,631 –> 00:07:45,791 [Raúl Krauthausen]
Das heißt, das Universum ist zu jung?
00:07:45,791 –> 00:07:50,991 [Gerhard Jaworek]
Das Universum ist zu jung. Kein, kein toter Stern hatte Zeit, genug abzukühlen.
00:07:50,991 –> 00:07:54,271 [Raúl Krauthausen]
Und weiß man, was dann ist, wenn so ein Stern abgekühlt ist?
00:07:54,271 –> 00:08:04,511 [Gerhard Jaworek]
Ja, dann hast du einfach ’n Brocken sehr, sehr, sehr dichte Materie, den man wohl nicht mehr sieht, weil er einfach nicht leuchtet und durchs Weltall mäandert.
00:08:04,511 –> 00:08:06,431 [Raúl Krauthausen]
Wie so ’n Meteorit, oder, oder-
00:08:06,431 –> 00:08:17,311 [Gerhard Jaworek]
Ja, irgendwo, wo er halt ist. Vielleicht kommt aus dem Doppelsternsystem, dann, dann umkreisen sich eventuell diese Sternleichen noch, aber zu sehen wird da nichts mehr sein. Aber keine Sorge, das erleben wir nicht.
00:08:17,311 –> 00:08:30,071 [Raúl Krauthausen]
[lacht] Was fasziniert sich denn so persönlich am meisten am Weltall? Ist es diese, diese Frage: „Wo kommen wir her?“ Also, ja so was Philosophisches. Oder ist es dieses Physische, Physikalische?
00:08:30,071 –> 00:09:02,251 [Gerhard Jaworek]
Also generell, es ist schon ’n Ansatz, dieses: „Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? War es ein Gott?“ Wenn, dann möchte ich ihm schon noch mal in die Karten schauen und solche Sachen. Und das Physikale ist es natürlich auch. Aber was mich am meisten, zumindest auch in der Vermittlung von astronomischen Inhalten beschäftigt und begeistert, ist, dass die Astronomie selbst so unvorstellbar inklusiv ist für alle möglichen Menschen mit und ohne Behinderung, mit Migrationshintergrund, ohne, für Kinder.
00:09:02,251 –> 00:09:07,271 [Gerhard Jaworek]
Die Astronomie, da muss man nichts inklusiv machen. Sie ist es von sich aus.
00:09:07,271 –> 00:09:14,651 [Raúl Krauthausen]
Das musst du mir jetzt noch mal genauer erklären, weil das könnte man über, keine Ahnung, über, [stammelt] also über ganz viele Sachen sagen, oder?
00:09:14,651 –> 00:09:42,131 [Gerhard Jaworek]
Äh, sicherlich gibt es andere Hobbys auch, die von sich aus, äh, inklusiv sind, aber bei der Astronomie ist es ganz fundamental und sichtbar, denn es gibt so viele Zugänge zur Astronomie. Eben Sternbeobachtung zum Beispiel, das ist jetzt etwas, was ich nicht kann, aber das macht nichts. Es sind sowieso nur vier Prozent von dessen sichtbar, was im Universum überhaupt ist. Also sechsundneunzig Prozent sind dann auch für mich da.
00:09:42,131 –> 00:09:45,071 [Raúl Krauthausen]
Also so was wie Geräusche, Schallquellen?
00:09:45,071 –> 00:11:15,431 [Gerhard Jaworek]
Das– Genau, das kommt auch noch dazu. Aber die sechs– Damit meine ich erst mal dunkle Materie und dunkle Energie. Ähm, dann gibt’s, ja, du hast es schon gesagt, ne, die Idee, äh, Astronomie auch hörbar zu machen. Die ist schon sehr alt. Die geht schon auf den alten Pythagoras zurück. Und es gibt in der Tat sehr viel Weltraumastronomie: Sonnenwinde, Gasplaneten machen Radioprogramm, Polarlichter kann man hören mit guten Antennen, sogar Sternschnuppen kann man hören. Und so gibt es sehr, sehr vieles, was man hören kann. Das ist ein weiterer Zugang. Dann gibt’s natürlich ’n großen Zugang über Geschichten, über die Geschichte, griechische Mythologie, egal wie. Und all das zusammen ist so, dass wir das gut mischen können. Also ich erleb das zum Beispiel, dass wenn jetzt jemand blind ist oder sehbehindert und wir gehen mit Jugendlichen auf ’ne Wiese, mit Kindern oder Jugendlichen, dann können die in der Nacht vorlesen mit Blindenschrift zum Beispiel. Und, äh, zum Beispiel, die Jugendlichen zeichnen dann– Es gibt Spezialfolien, mit– die, das wird dann taktil. Die zeichnen dann für uns zum Beispiel auf, was wir am Himmel gesehen haben. Und so ist eigentlich– Ich hab auch ganz viele Modelle, also drei D Drucker. Das ist ja was ganz Tolles für uns. Also, kann mich noch gut erinnern, als ich das erste Mal einen fußballgroßen Mars in der Hand hatte, da hab ich schon ’n bisschen Pipi in die Augen bekommen.
00:11:15,431 –> 00:11:24,931 [Raúl Krauthausen]
Dann, dann– Das führt mich so ’n bisschen zu der Frage, ob wir als, als sehende Menschen vielleicht zu sehr auch sehend fixiert sind.
00:11:24,931 –> 00:12:05,316 [Gerhard Jaworek]
Ich glaube, dass dem tatsächlich so ist, denn es gibt viele– Das war übrigens auch ’n Punkt, wo ich zur Astronomie kam. Ich weiß nicht, ob du schon mal von ’nem alten Jazz-Papst Joachim Ernst Behrendt gehört hast. Äh, dessen Credo war ja: „Was schwingt, klingt.“ Und durch ihn und seine Sendungen- Mhm. -die jetzt schon sehr alt sind, hab ich zum ersten Mal auch kennengelernt, dass das Weltall auch voller Klänge ist, Pulsare und solche Dinge. Ne, das, das hat er mir nahegebracht. Und da-Diese Idee hat mich unheimlich fasziniert. Und ich finde, das ist tatsächlich so, dass das Sehen,
00:12:05,316 –> 00:12:08,816 [Gerhard Jaworek]
nennen wir es mal provokant, überbewertet wird.
00:12:08,816 –> 00:12:09,396 [Raúl Krauthausen]
Ja.
00:12:09,396 –> 00:12:18,915 [Gerhard Jaworek]
Und ich glaube auch tatsächlich, dass einige Neurosen dieser Welt daher kommen, dass die Augen immer als der stärkste Sinn angesehen werden.
00:12:18,915 –> 00:12:23,175 [Raúl Krauthausen]
Auf der anderen Seite ist Hören der einzige Sinn, den wir nicht abschalten können.
00:12:23,175 –> 00:12:47,455 [Gerhard Jaworek]
Das ergibt auch Sinn, ja, weil man ja auch nachts irgendwie reagieren können muss. Also ich, Joachim Ernst-Behrend, hat mal in einer seiner Sendungen den Satz kommt nicht von ihm, aber ich finde ihn irgendwie spannend gesagt: „Das Auge führt den Menschen in die Welt. Das Ohr führt die Welt in den Menschen. Und da ist was dran.
00:12:47,455 –> 00:12:52,935 [Raúl Krauthausen]
Ja, ich kann nachvollziehen, was damit gemeint ist, dass wir quasi
00:12:52,935 –> 00:13:03,475 [Raúl Krauthausen]
sehend wissen, wohin es geht und dann dahin gehen oder laufen oder rollen und hörend wir eher mitkriegen, was gerade uns herum passiert.
00:13:03,475 –> 00:13:25,275 [Gerhard Jaworek]
Ja, das Ohr ist eher empfangend dann in dem Fall, nicht? Genau. Es muss auch deutlich genauer sein, weil das Auge kann meistens, wenn was nicht richtig gesehen wird, noch mal nachschauen. Das ist auch sinnvoll so, dass das Auge in dem Sinne auch das aggressivere Organ ist. Aber das, was nicht gehört wurde, ist in der Regel vorbei. Der Pfarrer predigt nur einmal.
00:13:25,275 –> 00:13:32,515 [Raúl Krauthausen]
Das heißt, sehende Astronomen erforschen auch mit akustischen Signalen den Weltraum.
00:13:32,515 –> 00:13:54,155 [Gerhard Jaworek]
Es ist zumindest ein ähnlicher Vorgang. Zum Beispiel, wenn du denkst, das neue James-Webb-Teleskop – hast du sicher schon gehört – liefert uns ja Licht, was so alt ist wie das Universum fast. Und dieses Licht ist auf seinem langen Weg in die Länge gezogen worden durch den Doppler-Effekt und weil das Universum sich ausdehnt.
00:13:54,155 –> 00:15:14,055 [Gerhard Jaworek]
Das bedeutet, es ist längst schon nicht mehr im sichtbaren Bereich des Lichts, sondern es ist in den langwelligeren Infrarotbereich abgerutscht. Das heißt, dieses Teleskop macht Bilder, die auch Sehender nicht sehen kann. Wie kann ein Sehender diese Bilder sehen? Indem sie künstlich eingefärbt werden. Wenn ich Daten künstlich einfärbe, dass sie wahrgenommen werden können, dann kann ich sie auch entweder taktil oder akustisch in Anführungszeichen einfärben. Das ist fast dasselbe. Und ja, es gibt Astronomen und ich habe auf der Jahrestagung der Internationalen Astronomischen Union, wo ich mal vortragen durfte vor einigen Jahren, habe ich tatsächlich Menschen mit Blindheit kennengelernt, die im Laufe ihrer Astronomiekarriere erblindet sind, zum Beispiel durch Diabetes, und die haben einfach weitergemacht. Natürlich konnten die dann am Teleskop nichts mehr beobachten, aber wie gesagt, es blieben mir dann noch die Daten und Spektren, Spektralanalysen, die kann man auch verklanglichen und quasi Data Mining machen, akustisches Data Mining. Das geht sehr erfolgreich und aus sehr, sehr vielen anderen Berufen hätte es einem einfach mit so einer gravierenden Einschränkung rausgeschmissen. Und in der Astronomie machst du einfach weiter.
00:15:14,055 –> 00:15:21,895 [Raúl Krauthausen]
Wie sieht genau deine Arbeit denn aus, in Karlsruhe, am KIT Karlsruhe? Wo besteht KIT?
00:15:21,895 –> 00:15:23,875 [Gerhard Jaworek]
Karlsruher Institut für Technologie.
00:15:23,875 –> 00:15:28,895 [Raúl Krauthausen]
Okay, einfach. Aber wie sieht denn deine Arbeit vor Ort aus?
00:15:28,895 –> 00:16:43,535 [Gerhard Jaworek]
Also ich arbeite an einem Institut, das nennt sich „Access at Kit, Zugang zum Kit quasi. Wir unterstützen Menschen mit Sehbeeinträchtigung oder Blindheit, unterstützen wir in allen Studiengängen der Karlsruher Hochschulen. Das Institut ist schon sehr alt, das gibt es schon seit 1986 und ich habe selber mit Unterstützung dieses Institutes studiert und habe danach eben das Glück, eine Stelle zu kriegen gehabt. Ja, wir arbeiten Grafiken auf, wir entwickeln Lösungen für Physikpraktika und Ähnliches oder auch Zugänge zu Mathematik und Naturtechnikwissenschaften. Mal muss man vielleicht ein Messgerät sprechen machen oder einen anderen Weg finden. Und in dem Fall bin ich eben als Selbstbetroffener, konnte ich meine Einschränkungen ein bisschen zum Beruf machen und dann natürlich meine Informatik und sonstige Nerd-Technik-Affinität haben mir natürlich auch sehr viel geholfen. Und ja, von daher ist mein Spektrum sehr breit. Es hängt ein bisschen davon ab, was die Leute studieren, was sie brauchen.
00:16:43,535 –> 00:16:58,735 [Gerhard Jaworek]
Genau. Und sobald sie irgendwie mit blinden Sachen zu tun hat, bin ich da dabei. Wenn es natürlich dann nur Vergrößerung geht oder so, dann machen das Sehende, weil mir nützt ja keine Vergrößerung. Ich kann das nicht beurteilen alles, wo ich ja vollblind bin. Ja, und das mache ich jetzt seit über 25 Jahren.
00:16:58,735 –> 00:17:00,855 [Raúl Krauthausen]
Und wo hast du Astronomie studiert?
00:17:00,855 –> 00:17:03,715 [Gerhard Jaworek]
Gar nicht. Ich habe ja Informatik studiert.
00:17:03,715 –> 00:17:05,515 [Raúl Krauthausen]
Ach, das ist ein Hobby gewesen?
00:17:05,515 –> 00:17:33,975 [Gerhard Jaworek]
Das ist ein Hobby, ja. Und mein Glück ist – das muss ich ja wirklich mal sagen –, ich könnte mit den Drei-D-Modellen und meinen taktilen Abbildungen und was ich da alles habe, ich könnte meine Vorträge so nicht gestalten, wenn ich nicht genau da arbeiten würde, wo ich arbeite, weil ich gar keinen Zugriff auf solche Geräte hätte und ich hätte auch gar keine Leute, die mir das machen. Weil um das Zeugs zu erzeugen, dazu brauchst du schon sehende Hilfe. Also das geht in den seltensten Fällen, dass du da irgendwo was runterlädst und einfach druckst.
00:17:33,975 –> 00:17:47,595 [Raúl Krauthausen]
Ich verstehe. Das heißt, du hast dann einfach aus Interesse heraus, du hast schon in jungen Jahren, hast du in einem Vertrag mal erzählt, quasi dich in das Weltall verliebt und dann das Hobby weiterverfolgt.
00:17:47,595 –> 00:17:53,195 [Gerhard Jaworek]
Ja, das habe ich weiterverfolgt und vor allem ich bin dann eben auch über mein Buch und meinen Blog,
00:17:53,195 –> 00:18:06,503 [Gerhard Jaworek]
auch mal kann ich so erzählen, weil das einfach schon auch so ist. Also diese ganze Schreiberei.Das ist, äh, ja, auch schon eine Therapie für mich.
00:18:06,503 –> 00:18:43,423 [Gerhard Jaworek]
Und wie gesagt, diese Erlebnisse, wenn du zum Beispiel, wenn ich einen Vortrag habe, sagen wir mal bei Pro Retina, das sind ja die netzhauterkrankten Menschen, die ja häufig mit ’ner schleichenden Erblindung rechnen müssen. Und wenn dann nach dem Vortrag zum Beispiel jemand kommt zu mir und sagt: „Ja, als ich früher noch gesehen habe, sind wir mit meinem Vater auf den Berg und haben durchs Teleskop geguckt, dann erblindete ich und ich hab’s weggeschmissen oder verkauft oder sonst was gemacht.“ Und dann gibt er einem die Hand und sagt: „Und Sie haben mir aber heute Abend gezeigt, es geht ja trotzdem.“
00:18:43,423 –> 00:18:44,224 [Raúl Krauthausen]
Mhm.
00:18:44,224 –> 00:19:04,923 [Gerhard Jaworek]
Also das sind dann Momente, da brauchst du keine Worte dafür, ne? Das ist klar. Oder auch mit Kindern. Es funktioniert so gut mit Kindern, Astronomie, weil es einfach die alle Leute, alles ein bisschen gleicher macht, ne? Also soziale Benachteiligung, Migrationshintergründe, sonstige Einschränkungen. Die haben einfach für den Workshop mal Pause.
00:19:04,923 –> 00:19:40,723 [Raúl Krauthausen]
Lass mich mal eine provokantere Frage stellen. Ähm, ich habe manchmal das Gefühl, wenn ich Vorträge halte, dann gibt es so ’nen Applaus, der so, der so ’n Applaus ist, wo ich denke: „Ihr klatscht doch nur, weil ich behindert bin.“ Und, äh, ihr würdet bei einem anderen Menschen, der keine Behinderung hätte und über diese Themen spräche, ähm, ’n ganz anderen Maßstab auch anlegen an, an, ja, was euch gefallen hat oder nicht. Wie erkennst du den Unterschied zwischen echtem Applaus oder diesem sogenannten Inspiration Porn?
00:19:40,723 –> 00:20:01,963 [Gerhard Jaworek]
Diesen Applaus, den du da ansprichst, den kenne ich genau und es ist schwierig, den zu erkennen. Und weil es eben schwierig ist, deswegen gibt’s eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Ich zweifle immer und, äh, glaube, dass das nur ein Mitleidsklatschen ist. Oder
00:20:01,963 –> 00:20:35,143 [Gerhard Jaworek]
ich nehm’s an und sag: „Für mich soll, soll’s doch sein.“ Warum sollen sie mich auch nicht bewundern? Das ist nicht jeden Tag, dass man einen Blinden sieht, der über Astronomie redet. Das darf auch Bewunderung zeigen. Also, ich sehe es mittlerweile, desto älter ich werde, desto entspannter sehe ich das. Und vor allem, nachher kommen die ja Leute. Ich mache ja auch immer Medienwechsel, dann kommen die Leute, betrachten meine Modelle, nehmen sie in die Hand, stellen Fragen dazu. Also, ich glaube, dass du bist ja der Behinderung mit deinen Themen oft viel näher.
00:20:35,143 –> 00:20:35,863 [Raúl Krauthausen]
Mhm.
00:20:35,863 –> 00:20:48,203 [Gerhard Jaworek]
Und, äh, wenn ich über Astronomie spreche, das entrückt die Leute dermaßen, dass die das ein bisschen vergessen. Ich glaube, da habe ich ein bisschen mehr Glück mit meinem Thema.
00:20:48,203 –> 00:21:10,443 [Raúl Krauthausen]
Das heißt, wenn du jetzt– Nehmen wir das jetzt mal echten Applaus und falschen Applaus. Ähm, dieser, dieser echte Applaus, den du dann bekommst, ähm, was ist denn dann das Feedback, das, das man dir gibt? Also komplett neue Perspektiven auf das All gewonnen zu haben? Oder geht es dann eher um diese, äh, Aussage: „Ich wusste gar nicht, dass das geht.“?
00:21:10,443 –> 00:21:48,543 [Gerhard Jaworek]
Das kommt beides vor und manche vertiefen das auch und, äh, fragen. Ich seh es– Ich hör’s ja dann auch an den Fragen: „Ja, wie ist das noch mal mit der Radioastronomie? Kann ich das auch machen, wenn ich so ein Funkgerät habe oder ein Radiogerät?“ Da sage ich: Ja, du kannst ein bisschen Weltraum hören. Wenn’s gewittert auf Mittelwelle oder so, dann hörst du das knacken, wenn der Blitz kommt und solche Dinge kann… Das kannst du erleben. Und, äh, ich mach’s schon auch so, als blinder Mensch vor allem, je nachdem, wenn noch ’n lauter Beamer, äh, die Interaktion mit dem Publikum stört, weil das ist schon sehr laut manchmal-
00:21:48,543 –> 00:21:48,983 [Raúl Krauthausen]
Mhm.
00:21:48,983 –> 00:22:13,163 [Gerhard Jaworek]
-dann habe ich keinen Kontakt zum Publikum. Das muss ich kompensieren. Und das mache ich zum einen, indem ich meinen Vortrag so einteile, dass ich immer mal wieder zwischendurch frage und auch oder anbiete, dass Fragen gestellt werden dürfen. Das mache ich natürlich auch, weil ich will, dass die Leute dranbleiben, aber auch für mich als Kontrolle des Publikum ist noch da.
00:22:13,163 –> 00:22:14,283 [Raúl Krauthausen]
Mhm, klar.
00:22:14,283 –> 00:22:22,603 [Gerhard Jaworek]
Oder ich mach, äh, ich baue Gags ein, Witze, sodass ich die Lacher höre, dass ich einfach mal wieder auf Tuchfühlung bin.
00:22:22,603 –> 00:22:23,443 [Raúl Krauthausen]
Mhm.
00:22:23,443 –> 00:22:54,343 [Gerhard Jaworek]
Genau, solche Kontrollmechanismen muss man sich einfach einbauen. Das geht ja schon auch los, äh, wenn ich Vorträge mit Folien habe, dann sagen einem die Leute das nicht. Zum Beispiel, wenn ich jetzt, wenn die Folie nicht kommt, wenn die Wand einfach dunkel bleibt oder die Folie bleibt stehen oder passt nicht mehr zu dem, was ich gesagt habe, weil ich’s nicht weitergeschaltet habe, dann sagen einem die Leute das nicht. Oder beim Video hast du nur Standbild und der Ton läuft. Das gibt’s ja auch manchmal.
00:22:54,343 –> 00:22:55,023 [Raúl Krauthausen]
Ja.
00:22:55,023 –> 00:23:07,903 [Gerhard Jaworek]
Äh, die, die Sehenden trauen sich das nicht. Die sagen einem das nicht. Und deswegen muss ich da auch Kontrollmechanismen einbauen, äh, und ich scheue mich dann auch nicht zu fragen: „Ey, passt eigentlich die Folie noch zu dem, was ich da sage?“
00:23:07,903 –> 00:23:09,843 [Raúl Krauthausen]
[lacht]
00:23:09,843 –> 00:23:37,243 [Raúl Krauthausen]
Ich hatte, äh, eine, ähm, umgekehrtes Erlebnis. Ähm, ich habe regelmäßig, äh, Austausch mit blinden Menschen, auch über Videokonferenz. Und, ähm, manchmal vergessen natürlich die blinden Menschen, dann das Licht in ihrem Zimmer anzumachen. Und, äh, dann rede ich manchmal mit so einer schwarzen Kachel und traue mich dann auch, nicht zu sagen: „Würdest du bitte in deinem Zimmer das Licht anmachen, damit ich… Dann brauchen wir ja kein Videokonferenz zu machen.“
00:23:37,243 –> 00:23:45,103 [Gerhard Jaworek]
Das kannst du, aber– Also ich, äh, finde, dass entweder man macht’s vorher schon aus, dass man das nicht braucht mit der Kamera.
00:23:45,103 –> 00:23:47,923 [Raúl Krauthausen]
Ja, genau. Dann braucht man halt auch gar kein Video dann. Genau.
00:23:47,923 –> 00:23:52,423 [Gerhard Jaworek]
Aber, äh, aber ich finde, das kannst, das kannst du ruhig fragen, weil, weil-
00:23:52,423 –> 00:23:53,983 [Raúl Krauthausen]
Ja, ja. Ich glaube auch.
00:23:53,983 –> 00:23:56,603 [Gerhard Jaworek]
Weil wir vergessen das wirklich. Tatsächlich.
00:23:56,603 –> 00:24:48,431 [Raúl Krauthausen]
Ja, ich finde es auch so witzig, weil warum bestehe ich jetzt eigentlich auf Licht in deinem Zimmer? Jetzt auch gerade Videokonferenz, die wir machen. Ähm, du guckst nicht in die Kamera-[Musik läuft im hintergrund] Aber ich gucke auch nicht in die Kamera, weil ich, äh, mich so von dem Gespräch konzentriere, dass wir eigentlich die Kamera auch auslassen können. [Elevator Piiep] Gleich geht es weiter. Wenn du diesen Podcast unterstützen möchtest, dann kannst du das mit einem kleinen monatlichen Beitrag tun. Im Gegenzug kannst du alle Folgen vorab hören und wirst, wenn du das möchtest, hier im Podcast namentlich genannt. Alle Infos findest du auf im minus Aufzug Punkt de. Ende der Servicedurchsage. Viel Spaß beim zweiten Teil der Folge.
00:24:48,431 –> 00:25:18,891 [Gerhard Jaworek]
Ja, so viel Rücksicht nehme ich dann schon vor allem du, äh, auf dich auch, weil ich denke, für dich ist es schon einfacher. Natürlich schaue ich nicht in die Kamera, aber du siehst mich immerhin. Ich glaube, das macht die Fragen und alles schon einfacher. Und da gehe ich auch auf euch Sehende ein. Aber es ist in der Tat, wir haben das gelernt, äh, als in den Lockdowns. Vorher hat ja niemand so was gemacht, mal ein bisschen herumgescript oder so, aber sonst ja nicht. Das war für uns Blinde die Hölle. Wir haben fünfzehn solche Systeme ausprobiert und keines war zugänglich.
00:25:18,891 –> 00:25:20,131 [Raúl Krauthausen]
Was ist denn das Beste?
00:25:20,131 –> 00:25:24,271 [Gerhard Jaworek]
Am besten ist momentan Zoom zugänglich. Teams geht-
00:25:24,271 –> 00:25:24,471 [Raúl Krauthausen]
Ah ja.
00:25:24,471 –> 00:25:42,431 [Gerhard Jaworek]
Teams geht auch sehr gut, wenn man es öfter benutzt, weil es ist halt ein bisschen, es ist halt schon saumächtig. Aber ich muss sagen, eures jetzt, ich hatte auch ein bisschen Angst, aber das war eigentlich gut möglich. Also ich konnte die Kamera einstellen, das Mikrofon einstellen, das Headset und, äh, mehr brauche ich als Panik.
00:25:42,431 –> 00:26:31,831 [Raúl Krauthausen]
Ja, wir benutzen hier gerade Riverside für die, die es interessiert. Okay, jetzt haben wir, äh, äh, erfahren, dass, äh, auch sehende Wissenschaftlerinnen und auch interessierte, ähm, wirklich was aus diesen, äh, Führungen von dir und auch von den Vorträgen, von dir, äh, an neuen Erkenntnissen gewinnen, jenseits der Behinderung. Ähm, ich hab die letzten Wochen, muss zugeben, es waren mehrere Wochen, hat’s gedauert, äh, die Serie, äh, For All Mankind gesehen, alle vier Staffeln. Ähm, und ich bin tatsächlich auch selber inzwischen sehr fasziniert, äh, vom, vom Weltall und auch dieser Idee, warum wollen die Menschen da eigentlich raus? Und, und was für Herausforderungen gibt es da oben? Welche Science-Fiction-Geschichte, ähm, fasziniert dich am meisten?
00:26:31,831 –> 00:27:22,651 [Gerhard Jaworek]
Also ich muss sagen, äh, ich, ich hör gar nicht so viele Science Fiction. Also wenn, dann lese ich höchstens eher so, äh, wissenschaftliche Bücher und ja, massenhaft Podcasts. Also ich komm gar nicht mehr zu Science Fiction und Serien. Und dann ist es halt einfach, äh, bei Podcasts so, die kommen ohne– die kommen einfach ohne Bilder aus. Was, was mir natürlich entgegenkommt. Aber ja, wie gesagt, die Astronomie ist hald schon auch wirklich, äh– Ich werde ernst genommen von Wissenschaftlern. Das drückt sich ja dadurch aus, dass ich in die Deutsche Astronomische Union aufgenommen wurde und da kann man nicht einfach beitreten wie im Sportverein. Also da brauchst du Bürgen, die an dich glauben, du musst, du musst deine Arbeit vorstellen und so. Und ja, das bin ich halt, das einzige blinde Mitglied dort.
00:27:22,651 –> 00:27:26,491 [Raúl Krauthausen]
Und was, was für Privilegien kann man dann da nutzen?
00:27:26,491 –> 00:27:33,671 [Gerhard Jaworek]
Das ist halt n Austausch. Äh, die, die wir unterstützen. Wir unterstützen vor allem auch Bildung.
00:27:33,671 –> 00:27:34,011 [Raúl Krauthausen]
Mhm.
00:27:34,011 –> 00:28:23,411 [Gerhard Jaworek]
Also, will sagen, äh, Bildungsweisen, aber eben auch Projekte für Kinder und Jugendliche. Wir finden es absolut schlimm, zum Beispiel, dass in den Schulen, vor allem in der ehemaligen DDR, äh, wo die Versorgung mit Naturwissenschaft und, äh, auch Teleskopen und Sternenkuppeln bei Schulen sehr, sehr gut war. Und die verrotten vor sich hin, die Planetarium, die Schulplanetarien, Schulteleskope. Die Lehrer machen es nicht mehr. Der Unterricht, Astronomieunterricht ist aus den Lehrplänen gestrichen. Und ich bin halt einfach der Meinung, dass ein Land, was über IT-Fachkräftemangel klagt, sich das eigentlich nicht leisten kann, dass so n Begeisterungsfach wie die Astronomie und die Zusammenhänge zu Naturwissenschaft und Technik einfach aus dem Lehrplan zu streichen. Also das geht eigentlich nicht.
00:28:23,411 –> 00:28:59,131 [Raúl Krauthausen]
Ich war vor einigen Wochen, ähm, bei Sandra Meischberger im Fernsehen und, äh, da war zufällig zu Gast, äh, unsere aktuelle Forschungsministerin Dorothee Bär. Und die ist jetzt auch zuständig für Raumfahrt. Und ich habe jetzt, ehrlich gesagt, als irdischer Mensch nicht so das Gefühl, dass Deutschland einen nennenswerten Beitrag zur Weltraumforschung geleistet hat. Ähm, vielleicht irre ich mich da aber auch. Was ist denn das, was wir auf der Erde, ähm, wovon wir profitieren, die durch die Weltraumforschung erst möglich wurde?
00:28:59,131 –> 00:29:44,251 [Gerhard Jaworek]
Also erstmal ist es so, Deutschland hat durchaus viel und liefert immer noch viel zur Erforschung, aber auch dann zur, na ja, Eroberung des Weltalls beigetragen. Zum Beispiel die ganzen Firmen wie ZEISS, gute Teleskope, egal ob sie auf der Erde stehen oder im Weltall fliegen. Die wesentlichen Optiken und Kameras kommen eigentlich nicht von China, die kommen von Deutschland bis heute. Ähm, am neuen Mondprogramm, Artemis-Programm, da baut Europa auch mit großer deutscher Beteiligung das ganze Servicemodul. Also Deutschland ist kein kleines Licht, was das angeht. Und was wolltest du noch wissen?
00:29:44,251 –> 00:29:51,591 [Raúl Krauthausen]
Also was haben wir auf der Erde davon, wenn wir zum Beispiel mit dem Artemis-Programm jetzt eine Mondstation bauen und da Menschen hinschicken?
00:29:51,591 –> 00:29:59,191 [Gerhard Jaworek]
Ja, das ist, weißt du, das ist bei der Forschung immer schwierig zu sagen, was hat man wovon? Weil, also oft ist es so-
00:29:59,191 –> 00:30:03,191 [Raúl Krauthausen]
Oder rückwirkend auch: Was hatten wir von der bisherigen Forschung?
00:30:03,191 –> 00:30:38,167 [Gerhard Jaworek]
Ja, rückwirkend. Fangen wir mal mit der Teleskoptechnik an.Hmm. Also ohne diese Teleskop-Technik, äh, keine Gleitsichtbrille zum Beispiel. Oder auch, was in der Raumstation erforscht wird. Ganz viele Dinge, die von der Prothetik angefangen bis, äh, irgendwelche Kristallzüchtungen oder die Entwicklung neuer Medikamente, die man einfach in der Schwerelosigkeit besser erproben kann. Also es, oder neue Verbundstoffe, Kunststoffe, Legierungen. Äh, da gibt’s ganz vieles momentan was…
00:30:38,167 –> 00:30:39,488 [Raúl Krauthausen]
So was wie Teflon.
00:30:39,488 –> 00:30:42,887 [Gerhard Jaworek]
Das mit dem Teflon ist leider ein Gerücht.
00:30:42,887 –> 00:30:43,988 [Raúl Krauthausen]
Ach, das stimmt gar nicht?
00:30:43,988 –> 00:30:58,287 [Gerhard Jaworek]
Nein, so nicht, nee. Wie es immer erzählt wird. Aber, aber es geht schon in die Richtung, natürlich. Und ganz viele dieser Stoffe, auch, äh, in der Medizin und so, kommen aus dem Weltraum, von dieser Forschung her, ja.
00:30:58,287 –> 00:31:15,587 [Raúl Krauthausen]
Aber die überrascht mich jetzt, als du gesagt hast, dass Deutschland da gar kein so kleines Licht ist. Ähm, wenn du das jetzt, sagen wir mal, in so ’n Ranking tun würdest. Also wenn ich jetzt darüber nachdenke, dann würde ich sagen, an allererster Stelle die USA, dann vielleicht Russland, dann vielleicht die asiatischen Länder.
00:31:15,587 –> 00:31:40,247 [Gerhard Jaworek]
Das ist, das ist so. Das– Also mit USA hast du sicher recht. Die russische Raumfahrt ist so, na ja, geht so. Sie haben jetzt gerade andere Probleme. Aber auch die asiatische oder indische Raumfahrt. Ähm, es geht ja darum, auch in der Instrumentierung, also da profitieren alle. Also da exportiert Deutschland Weltraumtechnik in die ganze Welt.
00:31:40,247 –> 00:31:40,347 [Raúl Krauthausen]
Mhm.
00:31:40,347 –> 00:32:01,307 [Gerhard Jaworek]
Und jetzt vielleicht nicht mehr nach Russland, das weiß ich nicht. Aber natürlich haben wir kein eigenes Raumschiff. Wir hatten mal ein Raumschiffprogramm, das gab’s mal tatsächlich. Wurde aber dann nicht gebaut. Aber die Finger drin, auch in der Raumstation, das ist ja wirklich… Wir haben, wir zahlen einen großen Beitrag und haben auch viele Experimente dort. Also das ist auf jeden Fall ist da Deutschland nicht nichts.
00:32:01,307 –> 00:32:06,247 [Raúl Krauthausen]
Aber kannst du sagen, an welcher Stelle das dann wäre? Weil das tun die Briten und die Franzosen ja bestimmt auch.
00:32:06,247 –> 00:32:22,747 [Gerhard Jaworek]
Also in der Raumfahrt an sich sind natürlich die Amerikaner, die, so wie die Russen und die Japaner und vielleicht auch die Chinesen, Inder momentan weiter. Aber wie gesagt, es geht fast nirgends was ohne deutsche Technik.
00:32:22,747 –> 00:32:30,887 [Raúl Krauthausen]
Diese Forschung, äh, rund um das Thema Weltall, die hab ich, erlebe ich jetzt momentan eigentlich eher so als
00:32:30,887 –> 00:32:44,767 [Raúl Krauthausen]
auch militärisches Interesse. Also Satelliten zur Überwachung, vielleicht sogar auch irgendwann Waffen dann nach oben schicken. Ähm, ist das vielleicht jetzt inzwischen der, einer der Haupttreiber?
00:32:44,767 –> 00:32:52,107 [Gerhard Jaworek]
Also zumindest mal, es ist so: Militär, äh, war immer schon der Treiber für Weltraumforschung.
00:32:52,107 –> 00:32:52,387 [Raúl Krauthausen]
Mhm.
00:32:52,387 –> 00:33:26,167 [Gerhard Jaworek]
Das ist, äh, ja Gott, ich mein, die ersten Sonnenbeobachtungen und so, die aus dem Weltraum gemacht wurden, die wurden mit umgebauten, übrig gebliebenen V2-Raketen gemacht. Und Werner von Braun war ja auch mit in der Mondlandung, in der Planung, in der Durchführung. Also das ist schon so. Satelliten, klar. Auch Spionage-Satelliten. Es ist immer militärisch geprägt, aber es gibt mittlerweile auch wirklich ’ne große zivile, zivile Raumfahrt, zum Glück. Zumindest, die nicht so direkt einen militärischen Anstrich hat.
00:33:26,167 –> 00:33:30,547 [Raúl Krauthausen]
Aber es gibt ja grad so ’ne Renaissance, oder? Also mit Elon Musk und Jeff Bezos.
00:33:30,547 –> 00:33:33,367 [Gerhard Jaworek]
Die gibt’s auf jeden Fall, diese Renaissance.
00:33:33,367 –> 00:33:36,987 [Raúl Krauthausen]
Sind die, sind die jetzt wissenschaftlich, touristisch oder militärisch motiviert?
00:33:36,987 –> 00:33:43,347 [Gerhard Jaworek]
Die ist, die ist schon auch, also das ist schon auch Machtspielchen und militärisch motiviert. Das glaube ich wohl, weil es doch-
00:33:43,347 –> 00:33:43,587 [Raúl Krauthausen]
Ja.
00:33:43,587 –> 00:33:48,207 [Gerhard Jaworek]
-in vielen Dingen eigentlich dem Wettrüsten zum Mond äh, ähnelt.
00:33:48,207 –> 00:33:48,727 [Raúl Krauthausen]
Genau.
00:33:48,727 –> 00:33:50,287 [Gerhard Jaworek]
Also das glaub ich wohl, ja.
00:33:50,287 –> 00:33:51,827 [Raúl Krauthausen]
Da seh ich auch Parallelen.
00:33:51,827 –> 00:34:17,027 [Gerhard Jaworek]
Und dennoch ist die Raumstation mit über hundert Ländern, die daran beteiligt sind und, und gesch-, äh, Experimente darauf laufen haben. Tja, Militär hin oder her, aber diese Raumstation ist in dem Zusammenhang, dass die Menschheit an sich grenzübergreifend ungeachtet der Konflikte zwischen den Ländern solch eine Maschine bauen und betreiben. Das ist ein Zeichen des Friedens.
00:34:17,027 –> 00:34:20,267 [Raúl Krauthausen]
Ja, weil es eine internationale Raumstation ist.
00:34:20,267 –> 00:34:21,727 [Gerhard Jaworek]
Genau.
00:34:21,727 –> 00:34:34,547 [Raúl Krauthausen]
Weißt du da irgendwas drüber, wie, ähm, die Amerikaner und die Russen, wenn sie gemeinsam in so ’ner, äh, Station sind, wie die jetzt momentan mit dieser Situation der Konflikte in der Welt umgehen?
00:34:34,547 –> 00:34:53,447 [Gerhard Jaworek]
Also was ich gehört hab, auch von, von, von anderen, von Astronauten und was man so liest, äh, die… Sie sind Astronauten durch und durch und die sind Wissenschaftler durch und durch. Also das wird schon mal besprochen, aber es trübt überhaupt die Zusammenarbeit eigentlich nicht. Hört man allgemein.
00:34:53,447 –> 00:34:55,387 [Raúl Krauthausen]
Also was wie ’ne Stallorder gibt’s da nicht?
00:34:55,387 –> 00:35:05,647 [Gerhard Jaworek]
Nein, das würde auf der Raumstation in dieser Enge, wenn da einer sich da hervortun würde oder so ’ne Stallordnung herstellen ver-Versuchen würde, äh, es würde nicht funktionieren einfach.
00:35:05,647 –> 00:35:22,547 [Raúl Krauthausen]
Das heißt, äh, was, was, also, ein ehrliches Projekt, das die Menschheit international zusammenschweißt, könnte vielleicht noch so was sein wie der Kernfusionsreaktor, weil dort ja auch, oder das CERN in, in der Schweiz.
00:35:22,547 –> 00:35:54,547 [Gerhard Jaworek]
Das tut’s auch. Die Frage ist ja, ja, ja, das CERN, beim CERN funktioniert das auch. Das liest man und hört man auch. Ich hab viele Interviews gehört von, von Wissenschaftlern, die dort gearbeitet haben und die, und die genau diese Internationalität abfeiern. Und, äh, das stimmt. Das sind so Projekte, die in gewisser Weise die Menschheit oder diese spezielle Gruppe vereinen. Ja, ich bin halt einfach der Ansicht, der Klimawandel sollte langsam so ’n Projekt werden, weil sonst, sonst geht’s nicht.
00:35:54,547 –> 00:35:56,107 [Raúl Krauthausen]
Gibt es so Ansätze?
00:35:56,107 –> 00:36:48,379 [Gerhard Jaworek]
Ich muss leider sagen, wenn man mal welche sah, dann sind die spätestens seit Trump in weite Ferne gerückt. Also ich mach mir da im Moment gar nicht so große Hoffnungen, weil die anderen Menschen zum Beispiel, die haben viele Dinge zu bewältigen, auch bei uns, ne, mit der Wirtschaft und mit, mit Ausbildung, Bildung, keine Ahnung. Es ist ja, Bahn ist kaputt, Brücken sind kaputt. Also, es ist ja im Moment eigentlich so viel. Und dann kommt natürlich der…Der Populismus gerade recht, ne? Und von daher ist da die Umkehr zu ’ner ganzheitlich holistischen Weltsicht unheimlich schwierig. Also diese Kurve ist echt schwer zu kriegen. Und unsere Politiker denken ja nur von Legislatur zur Legislatur. Aber vielleicht liegt’s einfach daran, dass wir von der Evolution her für derlei langfristige Ziele, Projekte einfach die falschen Gehirne haben.
00:36:48,379 –> 00:37:06,199 [Raúl Krauthausen]
Das ist vielleicht, dass wir die die falschen Geschichten erzählen. Also ich hab manchmal das Gefühl, wenn wir zum Beispiel über über Klima reden, dann reden wir eigentlich das so apokalyptisch auch daher, dass wir bald alle, keine Ahnung, verbrennen, ertrinken oder was auch immer werden.
00:37:06,199 –> 00:37:10,339 [Raúl Krauthausen]
Könnte man nicht auch eine positive Erzählung machen, so was wie,
00:37:10,339 –> 00:37:21,379 [Raúl Krauthausen]
es ist möglich, zehn zwei neutral Dinge zu tun. Es ist möglich, im Einklang mit der Natur zu leben. Man muss quasi nur in Anführungsstrichen diese und jede Schritte machen.
00:37:21,379 –> 00:37:42,799 [Gerhard Jaworek]
Das ist auf jeden Fall der richtige Ansatz, denk ich. Wenn ich, ich kann entweder nur das Negative herauskehren und sag, ja Leute, seht ihr mal, es geht nicht. Oder ich kann es verdrängen und leugnen. Oder ich kann eben sagen, Leute, wir Menschen, guckt doch mal, guckt mal an, wir haben hier eine Raumstation. Vielleicht, wir haben hier den CERN, wir bauen grad den
00:37:42,799 –> 00:38:00,299 [Gerhard Jaworek]
Dings Kernfusionsreaktor auf. Wenn wir Menschen an einem Strang ziehen, kriegen wir das mit dem Klima noch mal hin. Und wir können unsere Technik ganz toll einsetzen dafür. Also so kann man das durchaus machen. Es es gibt ja auch apokalyptischere Science Fictions und es gibt auch welche, die genau auch in die Richtung gehen.
00:38:00,299 –> 00:38:05,179 [Raúl Krauthausen]
Und in deiner Arbeit, welche Rolle spielen da Geschichten und Anekdoten?
00:38:05,179 –> 00:38:07,519 [Gerhard Jaworek]
Du meinst jetzt in der Astronomie oder wo?
00:38:07,519 –> 00:38:10,739 [Raúl Krauthausen]
Genau. Und dann, genau, wenn Du jetzt, sagen wir mal, astronomische Vorträge hast?
00:38:10,739 –> 00:38:15,719 [Gerhard Jaworek]
Ganz viele. Ganz, ganz viele. Also mein Blog ist voll davon.
00:38:15,719 –> 00:38:43,639 [Gerhard Jaworek]
Wir haben’s ja schon vorhin eine Geschichte im Grunde gehabt, ne, die mit das mit der Thermoskanne, das ist ausm Leben gegriffen, ne. Aber es gibt eben auch ganz lustige Geschichten, die einfach passieren, weil’s auch in der Wissenschaft menschelt, ja. Da da gibt’s da gibt’s auch Klatsch und Tratsch, ja. Da hat der mit dem und der mit dem und dann gibt’s da, der der hat mit Galilein ’n Plagiatvorwurf gehabt und solche Dinge. Also
00:38:43,639 –> 00:38:59,999 [Gerhard Jaworek]
also es es menschelt dort auch und von daher sind Geschichten ganz, ganz wesentlich. Vor allem auch oder auch alleine schon die Griechen die Griechen, die all ihre ausgedienten Götter an die an den Himmel gehängt haben. Das ist ja schon voller Geschichten.
00:38:59,999 –> 00:39:03,759 [Raúl Krauthausen]
Und in der Gegenwart, gegenwärtige Geschichten, gegenwärtiger Gossip?
00:39:03,759 –> 00:39:32,899 [Gerhard Jaworek]
Ja, ja, gibt’s schon auch. Ich mein, solche Sachen wie, ich auch Big Ben Theory oder so was, das kann man schon auch mal in ’nem Vortrag verwenden, ne. Oder ich hör mir auch in oder die Podcasts liefern manchmal Geschichten, wo der eine dann irgendwas entdeckt hat oder behauptet hat und der andere hat gemerkt, das war dann doch nicht so. Und Mhm. Also das gibt’s auch oder man kann diskutieren auch über solche Dinge wie, ist der Nobelpreis überhaupt noch zeitgemäß? Oder
00:39:32,899 –> 00:39:36,099 [Gerhard Jaworek]
die Astronomie kann man auch,
00:39:36,099 –> 00:39:54,699 [Gerhard Jaworek]
ja, zum Beispiel beim beim Gendern und bei Gleichberechtigung von Frauen auch, ist die Astronomie eigentlich eine ganz wichtige Wissenschaft. Natürlich gab’s früher auch vermehrt Astronomen und es waren auch noch nicht viele Frauen im Wäldern und Deutsche schon gar nicht.
00:39:54,699 –> 00:40:08,359 [Gerhard Jaworek]
Aber auch da bietet die Astronomie dann eben eine Schnittschnelle zur Gesellschaft und somit eben dann auch Geschichten. Ich mein, zum Beispiel grade bei den Frauen, als die erste Amerikanerin im All war,
00:40:08,359 –> 00:40:15,779 [Gerhard Jaworek]
bevor ich ’n ’n falschen Namen sag, sag ich jetzt keinen. Aber vielleicht da eine vielleicht da eine Geschichte,
00:40:15,779 –> 00:40:28,399 [Gerhard Jaworek]
das haben natürlich Männer geplant. Und dann haben sie ihr, ich glaub hundert Tampons mitgegeben für zwei Tage Weltall zu in so ’nem Bündel zusammengebunden und haben sie gefragt, ob ihr das reicht, ne?
00:40:28,399 –> 00:40:29,419 [Raúl Krauthausen]
Wahrscheinlich war’s alles mehr nachdringlich.
00:40:29,419 –> 00:40:37,479 [Gerhard Jaworek]
So viel zum Thema, ne. So viel zum Thema. Also die die das waren alles Ingenieure, die hatten ja selber menstruierende Frauen daheim und kannten sich nicht aus.
00:40:37,479 –> 00:40:38,359 [Raúl Krauthausen]
Mhm.
00:40:38,359 –> 00:40:39,999 [Gerhard Jaworek]
Also wie gesagt, ja.
00:40:39,999 –> 00:40:51,339 [Raúl Krauthausen]
Ich hab mich mal mit Insertileich unterhalten, der Fastro Nautin, die ja auf der Liste steht, vielleicht demnächst ins All zu fliegen.
00:40:51,339 –> 00:40:54,039 [Raúl Krauthausen]
Und die auf die Frage,
00:40:54,039 –> 00:41:06,079 [Raúl Krauthausen]
welche Frage sie nicht mehr gerne beantwortet, sagte sie, wie man ins Weltall aufs auf Toilette geht. Weil das ist irgendwie sone Frage, die ständig gefragt wird. Und da ist sie müde.
00:41:06,079 –> 00:41:06,959 [Gerhard Jaworek]
Ja, das
00:41:06,959 –> 00:41:23,619 [Raúl Krauthausen]
das kann ich nachvollziehen. Genau. Und wenn Sie das dann aber gefragt wird, dann antwortet sie, wusstest Du, dass man im Weltall nicht rüpsen kann? Und also ich war ganz perplex. Und dann meinte sie, na ja, wegen der Schwerelosigkeit ist Rülpsen immer kotzen.
00:41:23,619 –> 00:41:24,339 [Gerhard Jaworek]
Ist so.
00:41:24,339 –> 00:41:25,939 [Raúl Krauthausen]
Und darüber redet niemand.
00:41:25,939 –> 00:42:07,099 [Gerhard Jaworek]
Und das sagen das sagen auch alle Astronauten. Das hat Alexander Gerst hat das auch erzählt, als ich mal bei ihm war im Vortrag. Und das wenn die Kinder, diese wenn’s so Funkprojekte gibt, wo die wo dann Schulen per Funk mit der Raumstation kommunizieren können mal für ’n paar Minuten, ne, dann wird diese Frage tatsächlich immer gestellt. Aber das ist eben sone existenzielle Frage für uns alle. Das ist das ist so wichtig. Ich mein, das ist ja auch für uns, für dich ja auch, grad auch in mit deinem Rollstuhl und so. Also wenn ich irgendwohin gehe, mach ich, muss ich mir schon Gedanken machen, was mach ich, wenn ich muss?
00:42:07,099 –> 00:42:08,879 [Raúl Krauthausen]
Ja, klar.
00:42:08,879 –> 00:42:12,299 [Raúl Krauthausen]
Die, was sie auch erzählt hatte, war, dass
00:42:12,299 –> 00:42:55,469 [Raúl Krauthausen]
es im Delta im Prinzip man irgendwann mal herausgefunden hat, dass wenn man wie früher nur Soldaten ins Weltall schickt, die wissenschaftlichen Erkenntnisse relativ schlecht sind, die zurückkommen. Weswegen man angefangen hat, Wissenschaftlerinnen zu Astronautinnen auszubilden, weil dann die Ergebnisse besser wurden.Und seit neuestem gibt es ’ne neue Kategorie, das sind die Touristen, die jetzt auch da oben sich in die, äh, Raumstation zwängen, äh, die, die Raumstation aber dafür gar nicht gemacht ist. Dass, dass eigentlich die, die PilotInnen und die WissenschaftlerInnen, die da oben arbeiten sollen, eher in ihrer Arbeit stört. Hast du das auch schon gehört?
00:42:55,469 –> 00:43:15,889 [Gerhard Jaworek]
Also mich würde das schon allein, um ungestört, wenn ich aus meiner astronautischen Nerd-Umgebung rausgerissen würde, mich würde das wirklich ankotzen, wenn ich jetzt wüsste, da landet jetzt so ’n Raumschiff oder dockt an mit so Lackaffen, die das einfach sich leisten können. Schon allein das würde mich nerven.
00:43:15,889 –> 00:43:17,149 [Raúl Krauthausen]
[lacht]
00:43:17,149 –> 00:43:25,109 [Gerhard Jaworek]
Aber ich glaube das sehr wohl, dass die, dass sie auch stören können. Und, ja gut, sie müssen halt schon schauen dann. Also es kann ja auch gefährlich sein, ne?
00:43:25,109 –> 00:43:25,809 [Raúl Krauthausen]
Ja, eben.
00:43:25,809 –> 00:43:41,329 [Gerhard Jaworek]
Und, und, äh, das stimmt mit dem Militär natürlich, wenn ich super Piloten, zum Beispiel zum Mond hat man am Anfang nur super Piloten hingeschickt. Aber die geh-haben kein Auge gehabt für zum Beispiel Steine.
00:43:41,329 –> 00:44:13,509 [Gerhard Jaworek]
Und haben halt einfach ihre Tüten voll gemacht. Aber als sie dann später, äh, Leute mitgenommen haben, die von Geologie und so Ahnung hatten oder eben auch auf der Raumstation, dass da mal ’n Biologe mitfliegt für die biologischen Versuche und so, da wurde die Qualität viel besser. Und man konnte zum Beispiel die Zusammensetzung des Mondes und ähnliche, andere Zusammenhänge viel besser bestimmen, weil die Archäologen einfach ’n geschultes Auge für Steine h-hatten, haben. Und die sehen aufm Mond ja so viel anders auch nicht aus.
00:44:13,509 –> 00:44:27,369 [Raúl Krauthausen]
Mhm. Das ist ja vielleicht sogar ein, äh, wie soll ich jetzt sagen, ein persönlicher Gedanke. Für mich zumindest, weil ich früher wirklich immer dachte, du musst beim Militär gewesen sein, um Astronautin werden zu können.
00:44:27,369 –> 00:44:28,449 [Gerhard Jaworek]
Das war früher so.
00:44:28,449 –> 00:44:30,369 [Raúl Krauthausen]
Aber das ist ja dann gar nicht mehr so.
00:44:30,369 –> 00:44:55,409 [Gerhard Jaworek]
Aber zum Beispiel heute ärgert mich das. Heute wird irgendwo ’n großes, ’n großer Marsbrocken, ich glaub fünfundzwanzig Kilo wiegt der, äh, versteigert. Ich finde das so gemein, dass den kriegt jetzt wieder ein Einziger, ja? Für was weiß ich, wie viel Geld. Ich würde das Ding in hundert Gramm sch– äh, Stückchen zerhacken, sodass mehrere Leute wenigstens die Chance auf hundert Gramm haben.
00:44:55,409 –> 00:44:57,789 [Raúl Krauthausen]
Ja, oder ich würde ihn ins Museum stellen.
00:44:57,789 –> 00:44:59,889 [Gerhard Jaworek]
Das weiß ich auch nicht, warum sie den jetzt da verkloppen.
00:44:59,889 –> 00:45:00,749 [Raúl Krauthausen]
[lacht]
00:45:00,749 –> 00:45:05,409 [Gerhard Jaworek]
Aber, aber dass, dass den jetzt fünfundzwanzig Kilo, dass, Marsgestein, nur fürs
00:45:05,869 –> 00:45:10,089 [Gerhard Jaworek]
Dass da jetzt einer alleine kriegen soll. Ich könnt mir vorstellen, dass der Musk mitbietet.
00:45:10,089 –> 00:45:10,949 [Raúl Krauthausen]
[lacht]
00:45:10,949 –> 00:45:13,409 [Gerhard Jaworek]
Und für den ist das Portokasse.
00:45:13,409 –> 00:45:18,489 [Gerhard Jaworek]
Das find ich gemein, weil das ist ja dann der ganzen anderen Welt und der Gesellschaft entzogen.
00:45:18,489 –> 00:45:38,069 [Raúl Krauthausen]
Was ich interessant fand, war, dass du in deinen Vorträgen, äh, ganz bewusst auf Mathematik verzichtest. Ähm, warum, wenn du doch auch gleichzeitig sagst, dass die Astronomie wichtig ist, um auch naturwissenschaftliche Studiengänge und so weiter, und Mathematik ist ja so eine, ähm, wieder näher zu bringen.
00:45:38,069 –> 00:46:12,509 [Gerhard Jaworek]
Also ich verzichte nicht auf, äh, zum Beispiel geometrische Zusammenhänge oder die drei Keplerschen Gesetze, die kann man mal erwähnen. Aber, äh, es geht mir vielmehr um die Phänomenologie. Und das ist ja in der Schule, ich bin der kompletten Überzeugung, dass Mathematik in der Schule so ’n Ruf, so ’n schlechten Ruf hat. Nicht, weil sie so schwer wäre, sondern weil er nicht vermittelt wird, wo man, wo man das im Alltag braucht oder wo man das, dass das ’n Sinn macht, dass man das lernt,
00:46:12,509 –> 00:46:40,389 [Gerhard Jaworek]
Prozentrechnen. Dass es wirklich sinnvoll ist, wenn man seine Steuer berechnen kann oder eben auch in der Physik, wozu das so ist. Warum fährt dein Auto und solche Sachen, ne? Und deswegen bleib ich auch eher bei der Phänomenologie, weil die Voraussetzungen, in die Mathematik einzusteigen, bei einem relativ, relativ heterogenen Publikum in ’nem Vortrag sehr schwierig und auch ungerecht sein kann.
00:46:40,389 –> 00:46:44,049 [Raúl Krauthausen]
Weil es dann so elitär werden kann oder akademisch, ja.
00:46:44,049 –> 00:46:47,129 [Gerhard Jaworek]
Ganz genau. Ja, und für andere gar nicht zugänglich.
00:46:47,129 –> 00:46:55,149 [Raúl Krauthausen]
Wer ist denn deine Lieblingszielgruppe? Sind das Kinder? Sind das Blinde? Sind das WissenschaftlerInnen? Sind das, äh, Amateurinnen?
00:46:55,149 –> 00:47:18,269 [Gerhard Jaworek]
Also es sind eigentlich schon Kinder. Kinder und Jugendliche, weil die einfach, vor allem Kinder noch so begeisterungsfähig sind. Ich weiß, nach den Lockdowns, als ich auch mal wieder auftreten durfte auf ’ner Landesgartenschau und da waren wir, war ich mit Kindern, ich weiß jetzt hundert, fünfundfünfzig, zweihundert Kinder. Wir waren in so ’nem kleinen Amphitheater. Das kam mir vor wie bei Momo.
00:47:18,269 –> 00:47:19,109 [Raúl Krauthausen]
Mhm.
00:47:19,109 –> 00:47:48,289 [Gerhard Jaworek]
Das war einfach großartig, wie die da auf der Wiese und die haben geschrien und Fragen gestellt und Rätsel: „Ich weiß es, ich weiß es.“ Und das ist einfach wirklich super cool. Du musst gar nicht… Natürlich muss man ’n Programm haben, aber bei Kindern eigentlich nicht so. Also da lässt man… Da, da geh ich immer nur mit ’nem Notprogramm hin oder wenn ich noch irgendwo hin will, so auf was zusteuern. Aber eigentlich bei Kindern, das schubst du an und es läuft.
00:47:48,289 –> 00:48:07,889 [Gerhard Jaworek]
Ach so, nee, und bei Erwachsenen ist es ebenso. Ich mag, wenn die Leut, wenn die, wenn die, wenn die Erwachsenen begeistert sind. Also und ja, Blinde, Blinde hat, macht schon Spaß, aber ich finde manchmal bei Blinden geht es manchmal sogar in der Community so weit,
00:48:07,889 –> 00:48:27,909 [Gerhard Jaworek]
äh, dass man dann beneidet wird oder, ja, so verglichen wird und, äh, das oder es wird… Also, das ist unter, unter Blinden fällt mir das tatsächlich auf. Also die konsumieren auch oft einfach. Also mit blinden Gruppen hab ich nicht nur gute Erfahrungen gemacht.
00:48:27,909 –> 00:49:17,125 [Raúl Krauthausen]
Ich hab mich vor einigen Jahren mal mit einer blinden Person unterhalten und die hat tatsächlich meine Perspektive-Damals, als ich noch nicht so viel Erfahrung hatte im Bereich verschiedene Behinderungsformen und so weiter, hat meine Perspektive auf Blindsein tatsächlich massiv verändert, ähm, weil sie zum Beispiel sagte, das, was ich auch vorhin angedeutet habe, dieses Besessenheit aufs Sehen. Wenn man noch nie zuvor gesehen hat, dann fehlt dir ja. Also da hat man gar nicht das Bedürfnis zu sehen. Vielleicht ungefähr so, wie, da ich noch nie gelaufen bin, fehlt mir auch nicht das Laufen, obwohl ich weiß, dass es Laufen gibt und wie laufen geht. Aber es ist nicht so, dass ich die ganze Zeit darüber nachdenke und
00:49:17,125 –> 00:49:27,666 [Raúl Krauthausen]
sehende Menschen oder laufende Menschen das dann schnell als Defizit sehen, aber es ja eigentlich nur, in Anführungsstrichen, eine andere Erfahrung ist.
00:49:27,666 –> 00:49:54,285 [Gerhard Jaworek]
Ich finde, das ist ein ganz interessanten Ansatz, den du da hast, weil genau darum geht es nämlich. Und darum, äh, geht es auch dann… Bei uns an der Uni wird ja auch geforscht mit KI und so und da gibt es manchmal auch Dinge, zum Beispiel Indoor-Navigation für Blinde oder so. Da gibt es auch ein, zwei Doktoranden, die strampeln sich dann da ab und versuchen da was zu erforschen und auch vielleicht mal einen Prototyp zu bauen, so wie das halt an der Uni so läuft.
00:49:54,285 –> 00:49:54,945 [Raúl Krauthausen]
Mhm.
00:49:54,945 –> 00:50:24,085 [Gerhard Jaworek]
Und, äh, ich sage immer zu den Leuten: „Leute, holt uns ganz früh ins Boot, weil es ist ganz erstaunlich, was Sehende glauben, was Blinde brauchen.“ Zum Beispiel, die sind immer ganz bedröppelt, wenn ich sag: „Hey, Leute, ich will über meine Umgebung gar nichts erfahren. Ich will von A nach B kommen und das möglichst schnell. Das System soll irgendwas machen, wenn ein Fehler kommt.
00:50:24,085 –> 00:50:24,385 [Raúl Krauthausen]
Genau.
00:50:24,385 –> 00:50:28,265 [Gerhard Jaworek]
Aber solange kein Fehler kommt, möchte ich meine Ruhe haben.
00:50:28,265 –> 00:50:28,985 [Raúl Krauthausen]
[lacht] Ja.
00:50:28,985 –> 00:50:37,345 [Gerhard Jaworek]
Ja, aber wir müssen doch erklären, da gibt es doch das… Ich sage: „Das ist mir scheißegal, ob da ein Auto steht am Rand oder nicht. Ich will da dran vorbeikommen.“
00:50:37,345 –> 00:50:38,725 [Raúl Krauthausen]
Und welche Farbe das hat.
00:50:38,725 –> 00:50:39,145 [Gerhard Jaworek]
Genau.
00:50:39,145 –> 00:50:39,805 [Raúl Krauthausen]
Ja, genau.
00:50:39,805 –> 00:51:42,645 [Gerhard Jaworek]
Und, äh, das ist absolut richtig und deswegen habe ich auch schon so viele millionenschwere Projekte sterben sehen, die mit Blinden und Technik zu tun hatten, weil die Zielgruppe zu spät ins Boot geholt wurde. Und das andere ist aber, äh, das ist auch etwas, was die Astronomie eben kann. Die Astronomie ist nicht so offensichtlich nur für Sehende, wenn ich das vermittele. Und da kann man wirklich auch da wieder über die Einschränkung hinaus, äh, kann man Sehende abholen auf die gleiche Ebene und wir können was gemeinsam erleben, ohne dass es dann gleich heißt: „Ja, aber natürlich, du siehst doch gar nichts.“ Natürlich wird diese Frage gestellt und ich sage das auch immer in den Vorträgen provokant. Ich sage: „Leute, ich weiß es sicher. Es gibt viele von euch, die haben Fragezeichen bei der Frage, äh: „Blind und Astronom, geht das?“ Jetzt mal ehrlich: Hände hoch, zählt mal jemand durch. Ich sage dann immer: „Ich schaue weg.“
00:51:42,645 –> 00:51:43,705 [Raúl Krauthausen]
Mhm.
00:51:43,705 –> 00:51:55,985 [Gerhard Jaworek]
Und dann machen wir das am Ende auch noch mal. Und es ist wirklich, man kann das sehen. Die Leute sind nachher verblüffter, überzeugt und erstaunt oder was auch immer.
00:51:55,985 –> 00:52:05,165 [Raúl Krauthausen]
Oder auch, wenn blinde Menschen im Film dargestellt werden und wenn die dann so Liebesbeziehungen führen, dann tatschen die die ganze Zeit im Gesicht herum.
00:52:05,165 –> 00:52:05,845 [Gerhard Jaworek]
Ganz schrecklich.
00:52:05,845 –> 00:52:23,825 [Raúl Krauthausen]
Und dann hat die blinde Person zu mir gesagt: „Also mir ist doch scheißegal, wie sich dein Gesicht anfühlt. Also ich höre doch eher auf deine Stimme oder wie du, wie du riechst oder so. Ähm, aber wie deine Stirnpartie sich anfühlt, das ist mir jetzt im Moment nicht so wichtig.“
00:52:23,825 –> 00:52:31,485 [Gerhard Jaworek]
Also, ich habe das auch schon erlebt, dass Leute – und ich finde es auch rührend, ne, ehrlich gesagt, ich finde das rührend, äh,
00:52:31,485 –> 00:52:44,445 [Gerhard Jaworek]
es kommt vor, dass Leute mir, mit denen ich zu tun haben werde, die sagen: „Ja, hilft es Ihnen, wenn, wenn, wenn Sie mal mein Gesicht anfassen dürfen?“ Und dann sage ich immer: „Nein, das hilft mir eigentlich nicht. Es ist eher peinlich.“
00:52:44,445 –> 00:52:46,405 [Raúl Krauthausen]
Ja.
00:52:46,405 –> 00:53:11,165 [Gerhard Jaworek]
Andererseits ist es natürlich so, äh, ich sag das den Leuten, wenn man es umkehrt, die Leute haben manchmal auch so, gerade wenn es ums Fotografieren geht… Ich finde, natürlich kann man Blinde fotografieren, aber da, wenn man das tut, muss man eigentlich noch ein bisschen mehr Respekt haben, weil der Blinde keine Chance hat, sich dagegen zu wehren. Und von daher wird das ganz schnell unfair.
00:53:11,165 –> 00:53:11,185 [Raúl Krauthausen]
Ja.
00:53:11,185 –> 00:53:25,905 [Gerhard Jaworek]
Und ich sag, und ich sag dann auch immer zu den Sehenden: „Du musst dir das vorstellen, wenn wir uns zum ersten Mal treffen, dann bist du für mich eine körperlose Stimme. Ein Bild von dir entwickelt sich erst dadurch, dass wir etwas zusammen erleben.
00:53:25,905 –> 00:53:26,345 [Raúl Krauthausen]
Mhm.
00:53:26,345 –> 00:53:27,885 [Gerhard Jaworek]
Ne?
00:53:27,885 –> 00:53:30,525 [Raúl Krauthausen]
Und prägt sich auch ganz anders ein.
00:53:30,525 –> 00:53:33,505 [Gerhard Jaworek]
Es prägt sich ganz anders ein. Genau. Da
00:53:33,505 –> 00:53:36,525 [Gerhard Jaworek]
verlass– Da hinterlassen wir eine Spur im Schnee.
00:53:36,525 –> 00:53:48,085 [Raúl Krauthausen]
Und die Person erzählte mir zum Beispiel auch, dass wenn sie sich etwas räumlich versucht vorzustellen, dann, äh, sind die Dinge bis in den Himmel unendlich hoch, weil es auch egal ist.
00:53:48,085 –> 00:53:54,125 [Gerhard Jaworek]
Das ist interessant. Das ist wirklich interessant, weil das zum Beispiel ist bei mir ganz anders.
00:53:54,125 –> 00:53:55,565 [Raúl Krauthausen]
Wie ist es bei dir?
00:53:55,565 –> 00:54:05,585 [Gerhard Jaworek]
Wenn ich mir, äh, dreidimensional was vorstelle, dann stelle ich’s mir je nachdem entweder so vor, dass ich’s mit beiden Händen ertasten kann-
00:54:05,585 –> 00:54:06,005 [Raúl Krauthausen]
Mhm.
00:54:06,005 –> 00:54:12,605 [Gerhard Jaworek]
-Stück für Stück. Oder ich stelle es mir eben Stück für Stück vor. Ich meine, ein Auto als Ganzes kann ich mir auch nicht vorstellen.
00:54:12,605 –> 00:54:13,225 [Raúl Krauthausen]
Mhm.
00:54:13,225 –> 00:54:19,925 [Gerhard Jaworek]
Oder weil, weil… Oder stelle ich mir dann entweder Stück für Stück vor oder als kleines Spielzeugauto, dass ich’s mit der Hand umfassen kann.
00:54:19,925 –> 00:54:25,605 [Raúl Krauthausen]
Genau, du stellst dir dann vor, wenn du’s auf der Straße jetzt irgendwie ertastest, äh, so von Anfang bis Ende.
00:54:25,605 –> 00:54:51,350 [Gerhard Jaworek]
Genau, und dann fühle ich’s ja, Stück für Stück. Aha, das ist ’ne Limousine, das ist ein Kombi, das ist ein Cabrio und so was, ne? Da gibt’s natürlich so Ar-Chetypen, ne, was, was ich mit– Ich unterrichte das ja auch manche Blinde, die können das noch nicht so mit grafischen Materialien umgehen.Ja. Und da muss man einfach sagen, es sind so Archetyp-Typen, die man da lernt. Zum Beispiel: Was macht ein Tier zu einem Tier, ne?
00:54:51,350 –> 00:54:51,829 [Raúl Krauthausen]
Mhm.
00:54:51,829 –> 00:54:56,569 [Gerhard Jaworek]
Schwanz, Füße, Kopf. Was macht ein Auto zu einem Auto? Räder, Dach, so und so.
00:54:56,569 –> 00:54:56,590 [Raúl Krauthausen]
Mhm.
00:54:56,590 –> 00:54:58,149 [Gerhard Jaworek]
Und, äh,
00:54:58,149 –> 00:55:06,349 [Gerhard Jaworek]
das muss man dann eben auch ein bisschen zusammensetzen und, und abstrahieren und dann eben auch Strategien entwickeln, um das zu-
00:55:06,349 –> 00:55:10,849 [Raúl Krauthausen]
Aber die Höhe eines Autos ist in der Regel egal, wenn man von A nach B will.
00:55:10,849 –> 00:55:12,170 [Gerhard Jaworek]
Nee, nee, das ist egal.
00:55:12,170 –> 00:55:19,369 [Raúl Krauthausen]
Und deswegen meinte sie, deswegen meinte die, diese Person, dass es quasi für sie unendlich nach oben geht, weil es egal ist.
00:55:19,369 –> 00:55:23,849 [Gerhard Jaworek]
Also, bei mir hört dann die Höhe des Autos ungefähr a-auf so groß, wie ich bin.
00:55:23,849 –> 00:55:25,049 [Raúl Krauthausen]
Ah ja, okay.
00:55:25,049 –> 00:55:32,149 [Gerhard Jaworek]
Und, äh, das ist natürlich schon das… Ja, und ich weiß es nicht, warum. Ich bin ja im Grunde geburtsblind.
00:55:32,149 –> 00:55:32,529 [Raúl Krauthausen]
Mhm.
00:55:32,529 –> 00:56:05,429 [Gerhard Jaworek]
Ähm, ich weiß nicht, woher ich das habe. Wahrscheinlich, weil ich eben sehr, sehr viel mit Technik gemacht habe und auch zu Hause eben auch genauso behandelt worden wie meine Brüder und so und Schwestern und, ähm, alles kennenlernen musste, auch überall mithelfen musste. Deswegen ist, glaube ich, mein dreidimensionales Vorstellungsvermögen so gut. Also ich kann auch alles drehen in der, in, äh, in alle Raumrichtungen. Ich habe schon oft beim Umzug gesagt: „Das passt hier nicht für ihn. Hier fehlen ungefähr zwei Zentimeter und es hat immer gepasst.
00:56:05,429 –> 00:56:39,769 [Raúl Krauthausen]
Ja. Ja gut, das ist natürlich auch, äh, wahrscheinlich Übung gewesen. Was uns zur nächsten, äh, Aha-Moment bringt [Sprecher 1 lacht], und das habe ich bei dir gehört in deinem Vortrag, dass, ähm, dieser, dieser sogenannte Extra-Sinn, den ein blinder Mensch dann hat, keine Ahnung, besonders gut fühlen oder besonders gut hören, ähm, dass das auch ein Mythos ist und dass es dir wichtig ist, diesen Mythos auch mal zu, zu entzaubern, weil das, das voller Stereotype und Klischees ist und das eigentlich nur eine Frage von Übung ist.
00:56:39,769 –> 00:56:56,649 [Gerhard Jaworek]
Genau darum geht es. De-de-si– Diesen sechsten Sinn gibt es schlicht und ergreifend nicht. Und ich sage es immer provokant bei dem Vortritt, sogar Gott, sogar: „Das wäre doch eine Frechheit, wenn unser Gott sagen würde: ‚Oh, ich lasse ihn übrigens mal blind sein, dafür gebe ich ihm bessere Ohren.’」
00:56:56,649 –> 00:56:58,269 [Raúl Krauthausen]
[lacht] Ja.
00:56:58,269 –> 00:57:15,249 [Gerhard Jaworek]
Also, es– Also so ein Gottesbild, das wäre ja schr– wirklich merkwürdig. Und dann, äh, überlegen die Leute sich das dann. Dann sage ich: „Das ist einfach drin– besser trainiert. Ein Läufer, der halt immer trainiert, der kann halt auch laufen und wir können halt nur gehen und so weiter. Und das ist ja mit dem Hören genauso.
00:57:15,249 –> 00:57:16,129 [Raúl Krauthausen]
Und, äh-
00:57:16,129 –> 00:57:20,929 [Gerhard Jaworek]
Und das führt uns aber dann, das führt uns dann aber auch wieder zu einem inklusiven-
00:57:20,929 –> 00:57:21,269 [Raúl Krauthausen]
Mhm.
00:57:21,269 –> 00:57:46,329 [Gerhard Jaworek]
-Aspekt der Astronomie, denn die Astronomie hat eine große Tradition, auch bei den großen Astronomen. Es gibt viele Astronomen, die Einschränkungen hatten. John Godric war ein unheimlich guter Beobachter von helligkeitsveränderlichen Sterne, war komplett gehörlos. Wahrscheinlich hat er deswegen so gute Augen gehabt, weil er’s so gut beobachten musste, von den Lippen lesen und so weiter.
00:57:46,329 –> 00:57:47,329 [Raúl Krauthausen]
Mhm.
00:57:47,329 –> 00:57:56,929 [Gerhard Jaworek]
Oder Johannes Kepler war stark sehbehindert. Der wäre nie zu seinen Gesetzen gekommen, äh, wenn, wenn er nicht den Beobachter Tycho Brahe gehabt hätte, der ihm die Daten liefert.
00:57:56,929 –> 00:57:57,809 [Raúl Krauthausen]
Mhm.
00:57:57,809 –> 00:58:01,209 [Gerhard Jaworek]
Er war eher der Mathematiker. Also viel am Himmel gesehen hat Kepler nicht.
00:58:01,209 –> 00:58:01,889 [Raúl Krauthausen]
[lacht]
00:58:01,889 –> 00:58:12,769 [Gerhard Jaworek]
Ich meine, ich möchte, ich möchte jetzt nicht den größten Astronomen des letzten Jahrhunderts auf seine Einschränkungen reduzieren. Deshalb nur der Name Stephen Hawking.
00:58:12,769 –> 00:58:27,709 [Raúl Krauthausen]
Ja, und der, der kam mir auch gerade in, in den Sinn. Bei rollstuhlfahrenden Menschen, wie mir zum Beispiel, wird oft gesagt: „Na ja, was man nicht im Bein hat, hat man halt im Kopf.“ Aber ich möchte auch als rollstuhlfahrender Mensch,
00:58:27,709 –> 00:58:31,669 [Raúl Krauthausen]
äh, nicht schlau sein dürfen. Versteht man sich, oder nicht?
00:58:31,669 –> 00:58:42,909 [Gerhard Jaworek]
Das ist wohl wahr. Ja, das ist wahr. Und es ist auch nicht so, dass wir zwangsläufig, äh, dadurch, dass wir das eine nicht haben, eine andere Überbegabung hätten oder so was, ja? Ich habe auch das Recht, dumm sein zu dürfen.
00:58:42,909 –> 00:58:43,249 [Raúl Krauthausen]
Ja, genau.
00:58:43,249 –> 00:58:44,309 [Gerhard Jaworek]
Allerdings.
00:58:44,309 –> 00:58:58,709 [Raúl Krauthausen]
Und, ähm, dann gibt es doch dieses… Und das musst du mir mal erklären. Ich weiß nicht, ob– wie du das siehst. Es gibt ja diese, diese, äh, blinden Restaurants oder diese blinden Museen-Führer innen, äh…
00:58:58,709 –> 00:59:00,789 [Gerhard Jaworek]
Ach ja, du meinst diese Dunkelrestaurants.
00:59:00,789 –> 00:59:03,009 [Raúl Krauthausen]
Ja, genau. Und-
00:59:03,009 –> 00:59:04,889 [Gerhard Jaworek]
So wie in Frankfurt und Berlin und so.
00:59:04,889 –> 00:59:09,709 [Raúl Krauthausen]
Und das wird dann sehr schnell so als Inklusion beschrieben.
00:59:09,709 –> 00:59:32,389 [Raúl Krauthausen]
Aber in Wirklichkeit denke ich immer: „Der Kellnerin, die blind ist, ist es doch egal, ob, ob das Restaurant hell oder dunkel ist. Inklusion wäre es doch genau andersrum, wenn ich nicht so eine Art Zoobesuch machen muss als sehender Mensch und ich gehe mal in einen dunklen Raum, sondern wenn in meinem Lieblingskaffee oder Restaurant, äh, die Kellnerin zufällig blind ist.
00:59:32,389 –> 00:59:38,329 [Gerhard Jaworek]
Also es ist so, ich habe selber schon gedient– bedient in so einem Restaurant. Und, äh,
00:59:38,329 –> 01:00:01,109 [Gerhard Jaworek]
erst mal kann ich sagen: Natürlich kann man denken, dass es uns egal ist, ob das jetzt hell oder dunkel ist. Aber ich kann dir sagen, Sehende sind im Nachtmodus anders. Also du erlebst das als Blinder. Es ist ein ganz intensives Erlebnis, trotz, trotz alledem. Es ist ein richtig intensives Nachterlebnis.
01:00:01,109 –> 01:00:04,429 [Raúl Krauthausen]
Ja, aber das ist halt wie so ein Zoobesuch. Und das ist halt…
01:00:04,429 –> 01:00:15,729 [Gerhard Jaworek]
Aber das andere, was du sagst, äh, das andere, was du sagst, es ist Zoobesuch, das muss man ganz klar sagen, es ist ein Zoobesuch. Die Frage, ob es dann wirklich inklusiv ist, ist auch
01:00:15,729 –> 01:00:34,729 [Gerhard Jaworek]
schwierig zu beantworten. Ich möchte da niemandem, äh, zu nahe treten, aber die, die da hingehen und diese Erfahrung machen, für die ist es ja viel, viel, viel unnötig schwerer wie für uns. Weil– Also, die müssen doch eigentlich mit ’nem Gefühl rauskommen: „Mein Gott, ich bin blinde Hilflos.
01:00:34,729 –> 01:00:36,669 [Raúl Krauthausen]
Ja, und das ist doch nicht Inklusion.
01:00:36,669 –> 01:00:56,949 [Gerhard Jaworek]
Ich finde– Ich sehe das auch. Ich sehe das auch so. Ich habe da, ich habe da auch eine ganz gespaltene Meinung dazu. Also, wo ich’s-Das, äh, vielleicht noch anders finde: Wir haben’s kombiniert mit, äh, mit ’ner Lesung und mit Literatur, musikalisch-literarisch begleitet auch. Und
01:00:56,949 –> 01:01:10,109 [Gerhard Jaworek]
das hab ich jetzt schon oft gemerkt oder eben auch ’n Dunkelgottesdienst oder so was. So etwas, wo dann andere Kanäle einfach oder gewisse Kanäle, die in dem Fall das Sehen, einfach mal ausgeschaltet sind.
01:01:10,109 –> 01:01:10,889 [Raúl Krauthausen]
Mhm.
01:01:10,889 –> 01:01:22,550 [Gerhard Jaworek]
Das hebt einen, glaube ich, schon auf eine andere Erfahrungsebene, aber die hat jetzt weniger mit Blindsein zu tun, sondern einfach mal mit der Erkenntnis, so: „Oh, ich habe ja noch andere Sinne.“
01:01:22,550 –> 01:01:26,069 [Raúl Krauthausen]
Genau. Also so wie ein Ruheraum oder ’ne Klangschale.
01:01:26,069 –> 01:01:26,409 [Gerhard Jaworek]
Ganz genau.
01:01:26,409 –> 01:01:39,389 [Raúl Krauthausen]
Oder irgendwas. Klar, da gebe ich dir total recht. Aber ich denke halt, dieses, ähm, ich muss jetzt diese extreme Erfahrung machen als sehender Mensch, macht mich nicht empathischer blinden Menschen gegenüber.
01:01:39,389 –> 01:01:41,510 [Gerhard Jaworek]
Ich würde auch sagen Nein.
01:01:41,510 –> 01:01:59,629 [Raúl Krauthausen]
Es gibt ja diese Rollstuhl-Experimente, wo dann ’ne, ’ne Schulklasse einen Tag lang im Rollstuhl unterwegs sein soll oder eine Stunde. Und das– Ich hab’s auch ein paar Mal mit begleitet und ich finde es interessant, weil das Gefühl, was am Ende hängenbleibt, ist: „Oh, zum Glück kann ich laufen.“
01:01:59,629 –> 01:02:02,849 [Gerhard Jaworek]
Ja, oder sie finden das auch, äh–
01:02:02,849 –> 01:02:10,009 [Gerhard Jaworek]
Wir haben das auch schon gemacht oder, oder auch unter der Augenbinde mit dem Blindenstock gehen und so. Also,
01:02:10,009 –> 01:02:17,329 [Gerhard Jaworek]
nee, also irgendwie… Hm, sorry. Ich habe diesen missionarischen Anspruch nicht an mich.
01:02:17,329 –> 01:02:39,269 [Raúl Krauthausen]
Mhm. Genau, ich auch nicht. Und ich– Also ich würd es als mega inklusiv empfinden, wenn in meinem Lieblingslokal die Kellnerin blind ist und ich das vielleicht sogar gar nicht merke. Und ich hatte so ’n Erlebnis, äh, als ich mir ein iPhone gekauft hab in ’nem Apple Store und ich hab erst beim Bezahlen gemerkt, dass der Typ, der mich bedient hat, blind war.
01:02:39,269 –> 01:02:44,049 [Gerhard Jaworek]
Wow, Apple Store? Wow, Apple, Apple Store stellt blinde, Apple stellt blind ein, cool.
01:02:44,049 –> 01:02:59,549 [Raúl Krauthausen]
Also, im Berliner, im Berliner Apple Store, ist am Ku’damm, arbeitete damals, ich weiß nicht, ob der da noch ist, ein blinder Verkäufer. Und ich hab’s erst beim Bezahlen gemerkt, weil er dann ein extra Gerät hatte, das dann, ähm, eben das vorgelesen hatte, was ich dann…
01:02:59,549 –> 01:03:00,189 [Gerhard Jaworek]
Ah, ja.
01:03:00,189 –> 01:03:06,449 [Raúl Krauthausen]
Ne? So. Aber der ganze Kaufprozess bis hin zur Farbwahl hat er gemacht.
01:03:06,449 –> 01:03:29,869 [Gerhard Jaworek]
Also, ich hab den App Store, ich weiß es noch, äh, ich war da zu der Zeit in New York und dann habe ich auch gesagt: „Jetzt gehen wir mal in so einen Apple Store rein, ich möchte die Apple Watch ausprobieren, weil die gab es da neu und die kann ja auch sprechen und so.“ Und dann, wo die Amerikaner das gemerkt haben, die haben mich sofort unter diese große Apple-Lampe gezogen mit
01:03:29,869 –> 01:03:38,889 [Gerhard Jaworek]
der Watch am Arm und haben sich das vorführen lassen, wie, wie man als Blinder mit der Apple Watch arbeitet. Das war ziemlich cool, muss ich sagen.
01:03:38,889 –> 01:03:52,389 [Raúl Krauthausen]
Hehe. Das heißt, ähm, dass ein Gerücht, dass es so gibt unter, äh, äh, also jetzt unter Leuten, die sich mit Technologie auskennen, dass Apple die besten Produkte baut für blinde und sehbehinderte Menschen, würdest du bestätigen?
01:03:52,389 –> 01:04:34,149 [Gerhard Jaworek]
Also, ich, ich kann’s wirklich… Ja, was meine Wahrnehmung betrifft, kann ich’s nur bestätigen. Und es gibt auch Android, die sehr gut sind. Nur bei Android-Handy ist halt das Problem, du musst das richtige Betriebssystem passend zum richtigen Mobilfunkgerät haben und vielleicht noch zum Vertrag, weiß nicht. Und wenn das irgendwie nicht passt, dann, wenn du da von Anfang an einen Fehler gemacht hast, dann wird’s ein Griff in die Toilette bleiben, ja. Und das kann dir bei Apple nicht passieren. Du hast ’n geschlossenes System zwar, aber das, was drin ist, das funktioniert auch zuverlässig. Und die haben natürlich einfach die meisten Erfahrungen damit.
01:04:34,149 –> 01:04:35,769 [Raúl Krauthausen]
Weil sie’s am längsten machen.
01:04:35,769 –> 01:04:44,569 [Gerhard Jaworek]
Ja. Also ohne mein iPhone, nee, geht net. Also, wenn ich das mal in der Wohnung liegen lasse, ich dreh da um und fahr ’n Zug später. Also, ehrlich.
01:04:44,569 –> 01:04:54,929 [Raúl Krauthausen]
Wie und was, äh, ähm, forderst du vom Wissenschaftsbetrieb, muss geschehen, damit dieser inklusiver wird?
01:04:54,929 –> 01:05:02,649 [Gerhard Jaworek]
Auf jeden Fall, äh, solche Projekte wie Girls‘ Day oder andere
01:05:02,649 –> 01:05:04,889 [Gerhard Jaworek]
müssen vertieft werden
01:05:04,889 –> 01:06:06,269 [Gerhard Jaworek]
und, äh, es muss überhaupt mehr Wissenschaft an die Schulen kommen, und zwar wirklich ganzheitlich gedachte Wissenschaft. Und dann, wenn die Leute ganzheitlicher denken, wenn sie ein Bewusstsein dafür kriegen: „Wir haben nur diese eine Welt“, oder: „Ja, Frauen sind, oder Menschen mit Behinderung, wenn ich die da irgendwo sehe, die sehen genauso viel, die können genauso viel, die haben halt nur das eine nicht“, oder so was, ne? Oder wenn man, wenn genau mal gedacht wird auch: „Es gibt keinen perfekten Menschen.“ Das ist ja im Grunde, ist das ja die Inklusion, dass es eben gar keinen perfekten Menschen gibt. Okay, manchen Fehler, bei manchen seh ich den Fehler, den Rollstuhl, den weißen Stock, die dicke Brille, das Hörgerät. Bei anderen sehe ich den Fehler eben nicht. Die, äh, Spektrums, neuronal spektrum oder psychisches Probleme oder solche Sachen, ne? Also dieser Respekt, dass kein Mensch vollkommen ist. Wenn ich das vermittel, dann wird’s automatisch inklusiver.
01:06:06,269 –> 01:06:13,829 [Raúl Krauthausen]
Und woran glaubst du, hakt das? Ist es das fehlende Geld, das fehlende Wissen? Sind es diese sogenannten Berührungsängste?
01:06:13,829 –> 01:06:22,169 [Gerhard Jaworek]
Es ist von allem etwas, aber letztlich ist es schon auch so, äh, es sind teilweise ganz alte,
01:06:22,169 –> 01:06:24,089 [Gerhard Jaworek]
verkrustete
01:06:24,089 –> 01:06:58,105 [Gerhard Jaworek]
Strukturen, die diskriminierend und auch rassistisch sind. Nicht, weil alle Neonazis wären, aber da sind Strukturen, Denkweisen in uns. Der Mensch denkt noch grundsätzlich zu sehr in Schubladen, weil der Mensch muss das auch in gewisser Weise, weil, äh, unser Gehirn ist eine Hypothesenmaschine und wenn Inhalte fehlen, dann werden irgendwelche Lücken selbst geschlossen. Wir schwurbeln genauso schlecht wie JGPT. Das machen wir nämlich auch, wenn wir uns versuchen, die Welt zu erklären.Und, äh, das Problem ist halt einfach nur,
01:06:58,105 –> 01:07:17,545 [Gerhard Jaworek]
wenn du, genau, de– wenn man sich dessen bewusst ist und wenn man das auch mit ’nem gewissen Humor sieht, dann kann man da auch ’n bisschen entspannter rangehen. Aber grundsätzlich politisch und wirtschaftlich muss– gedacht, bin ich wirklich der Überzeugung, dass ein
01:07:17,545 –> 01:07:30,745 [Gerhard Jaworek]
komplett aus dem Ruder gelaufene Neoliberalismus, Turbokapitalismus und Inklusion unterm Strich, wenn man die Bilanz macht, nicht zusammengeht.
01:07:30,745 –> 01:07:43,185 [Raúl Krauthausen]
Da, äh, triffst du hier in diesem Podcast, äh, tatsächlich auf viele andere Gäste, die das, äh, auch so sagen. Ich hab den Eindruck, dass diese Stimmen mehr werden. Du auch?
01:07:43,185 –> 01:08:34,805 [Gerhard Jaworek]
Ja, ich hab sogar Leute, die, die sich teilweise schon aus Angst, äh, na ja so ’n bisschen von der Inklusion abgekehrt sagen. Zum Beispiel hab ich Argumente schon auch gehört, nachvollziehbar. Ich habe ein behindertes Kind. Bevor ich dieses behinderte Kind in diesen wa-wa-wahnsinnig gewordenen Leistungsdruck und in diese soziale Ken-Kälte entlasse, äh, gebe ich es lieber in eine Sonderschule, zum Beispiel in den ersten Jahren im Fall der Blindenschule. Dass es wenigstens da eine Zeit lang eine faire Kindheit hat, siehe Sportunterricht und Ähnliches, dass es ’ne gute Persönlichkeit ausbilden kann, indem es bestärkt wird in seinen Fähigkeiten, in seiner Orientierung und Mobilität und ähnlichen Dingen. Und
01:08:34,805 –> 01:08:43,325 [Gerhard Jaworek]
ich kann da nur sagen, das ist nicht von der Hand zu weisen. Also, ich seh’s ja bei unseren Studenten zum Beispiel.
01:08:43,325 –> 01:09:20,705 [Gerhard Jaworek]
Da musste ich schon welche nachschulen, weil ihre– weil die Braille-Kenntnisse für ein naturwissenschaftlich technisches Studium nicht ausgereicht haben. Weil sie sich mit der Sprachausgabe durch die Schule geschleppt haben und es hat auch ganz gut funktioniert. Und, äh, zum Beispiel auch der Umgang mit taktilen Materialien, also mit der Schönheit, sich auch da was zu ertasten, das hassen viele, die aus der Inklusion kommen, weil sie sagen: „Ja, was soll ich mit dem Scheiß? Das hat mich in der Schule so ausgebremst, weil es einfach länger dauert.“ Und das muss man alles so sehen und abwägen, ne?
01:09:20,705 –> 01:09:40,325 [Raúl Krauthausen]
Das– Ich hab mal gelesen, dass, ähm, tatsächlich diese, diese, ähm, Brailleschrift zu lernen, ähm, sogar abnimmt, dass blinde Kinder diese Schrift gar nicht mehr so lernen, wie sie früher unterrichtet wurde, eben durch die Digitalisierung. Und das aber zu ’ner Art Analphabetismus führt, die auch gefährlich ist.
01:09:40,325 –> 01:10:01,945 [Gerhard Jaworek]
Die ist gefährlich. Ich hab das schon vor fünfundzwanzig Jahren hab ich das mal in der Blind Seebehindert, diesem, äh, Organ von diesem Blindenpädagogenverein, hab ich mal, hab ich das mal formuliert und da hab ich das damals schon einen Neo-Analphbetismus genannt, weil, äh, das kann in der Tat passieren. Ich mein,
01:10:01,945 –> 01:10:11,985 [Gerhard Jaworek]
ganz davon abgesehen, muss man mal so sagen, fünfundneunzig Prozent der Blinden auf der Welt, wenn nicht sogar mehr, haben gar keinen Zugang zu Punktschrift.
01:10:11,985 –> 01:10:13,065 [Raúl Krauthausen]
Mhm.
01:10:13,065 –> 01:10:23,705 [Gerhard Jaworek]
Aber die, die den Zugang, Zugang haben, die sollten den auch nutzen. Und das ist, das finde ich, das ist tatsächlich schon so, dass ich, äh,
01:10:23,705 –> 01:11:16,385 [Gerhard Jaworek]
ja, ich kann mich drum rum mogeln. Ich muss das nicht so lernen, wenn ich, also… Die Lesekompetenz. Es gibt zwar Studien, die sagen, die das so, Querdenken-Studien, auch durch verschiedene Altersgruppen hindurch, die große Zubra-Studie, die belegt, dass Punktschrift immer noch als wichtig angesehen wird. Aber ich glaube ja, das mag schon sein, die Kompetenz, die Lesekompetenz nimmt, denke ich, wahrscheinlich ab, tatsächlich. Und das ist wirklich ganz schlimm. Man kann ja jetzt sagen: „Na ja, mit der Sprachausgabe geht’s ja auch.“ Nein, es geht eben nicht, weil grundsätzlich Lesen etwas anderes als Hören, genauso wie Schreiben etwas anderes als Sprechen ist. Und alle vier Fähigkeiten brauchen wir, um klar, kritisch und wirklich gut auch denken zu können, ne? Das ist ja…
01:11:16,385 –> 01:11:16,985 [Raúl Krauthausen]
Oder ist das…
01:11:16,985 –> 01:11:19,105 [Gerhard Jaworek]
Weil ’ne Sprach– Ja, aber… Das ist so, ja.
01:11:19,105 –> 01:11:32,085 [Raúl Krauthausen]
Da gibt es aber auch so eine Art Romantisierung. Also, äh, jetzt zu sagen, äh, Lesen ist nicht wie Sprechen, äh, Schreiben ist nicht wie Sprechen, weil es, also… So viel schreibe ich jetzt auch nicht.
01:11:32,085 –> 01:11:46,025 [Gerhard Jaworek]
Das ist es– Nein, nein, aber es ist es trotzdem nicht. Natürlich bin ich ’n Punktschriftfan als Geburtsblinder und ich hab die Punktschrift klassik, klassisch unterrichtet, aber ich bestelle mir jetzt auch nicht tonnenweise Punktschriftbücher. Ich bin viel zu faul, die zur Post zu bringen wieder nachher.
01:11:46,025 –> 01:11:46,625 [Raúl Krauthausen]
Ja.
01:11:46,625 –> 01:12:06,665 [Gerhard Jaworek]
Aber, aber es ist nicht nur Romantisierung. Ich sehe das, zum Beispiel, wenn mir ein blinder Mensch eine E-Mail schickt, da seh ich das an seinen Fehlern, ob er Punktschriftleser ist oder nicht. Ganz einfach deshalb, weil es Dinge gibt und gar nicht so wenige, die die Sprachausgaben immer falsch machen.
01:12:06,665 –> 01:12:07,445 [Raúl Krauthausen]
Mhm.
01:12:07,445 –> 01:12:22,305 [Gerhard Jaworek]
Und dann ist es so, wenn neue Wörter entstehen. Mir fällt jetzt grad keins ein, aber es entstehen ja immer mal neue Wörter, die dann einfach benutzt werden. Die Wörter werden teilweise ein, zwei Jahre benutzt. Bis ich’s endlich mal auf der Braillezeile seh,
01:12:22,305 –> 01:12:24,385 [Gerhard Jaworek]
weiß ich nicht, wie man das schreibt.
01:12:24,385 –> 01:12:29,925 [Raúl Krauthausen]
Ach so. Ja, na klar. Man könnte es buchstabieren, akustisch.
01:12:29,925 –> 01:12:30,805 [Gerhard Jaworek]
Wer macht das?
01:12:30,805 –> 01:12:31,725 [Raúl Krauthausen]
Ja, nee, klar.
01:12:31,725 –> 01:12:32,805 [Gerhard Jaworek]
Ja. [Lachen]
01:12:32,805 –> 01:12:57,465 [Raúl Krauthausen]
Aber, ähm, du benutzt halt so die Braillezeile an deiner Tastatur. Das ist so ’n, ähm, äh, ja, genauso breit wie ’ne Tastatur ungefähr und hat jeweils, ähm, so, so Noppen, die rauskommen. Und, äh, ein Buchstabe besteht aus sechs Noppen, ähm, zweimal drei. Und, äh, würde es helfen, dass das mehr als eine Zeile ist?
01:12:57,465 –> 01:12:57,785 [Gerhard Jaworek]
Ja.
01:12:57,785 –> 01:12:59,685 [Raúl Krauthausen]
Also zehn Zeilen?
01:12:59,685 –> 01:13:04,725 [Gerhard Jaworek]
Zum Beispiel das. Da sind wir auch bei dem nächsten Punkt.Ähm,
01:13:04,725 –> 01:13:12,245 [Gerhard Jaworek]
das— Ich habe Mathematik zum Beispiel, das ist ja eine flächige Geschichte, das weiß man ja.
01:13:12,245 –> 01:13:30,545 [Gerhard Jaworek]
Äh, ich habe Mathematik immer auf Papier gemacht, also mit der Punktschriftmaschine, wo man nen Bogen Papier einspannt und dann eben zeilenweise von links nach rechts eben beschreibt. Man kann zurückschalten, man kann noch mal die Zeile hoch, runter, was man halt mit so einer Schreibmaschine so kann.
01:13:30,545 –> 01:13:31,385 [Raúl Krauthausen]
Genau.
01:13:31,385 –> 01:14:25,785 [Gerhard Jaworek]
Und, ähm, da hatte ich aber dann den Vorteil, eine Matrix war halt auch eine Matrix, ja, also ein Rechteck mit Auszahl-Zahlen und Zeilen und Spalten oder solche Dinge, ne? [räuspert sich] Solche zweidimensionalen Sachen, ein Gleichungssystem lösen, zum– mit dem Gauß-Ab-Algorithmus und Dreiecksmatrizen und sowas. Das ist auf der Braillezeile, wo du immer hoch, runter schalten musst und immer nur eine Dimension hast. Jetzt stell dir mal vor, du bist ein wissbegieriges, blindes Kind und knallst so gegen diese Technik, weil sie einfach so lahmarschig geht. Da kannst du, da kannst du, wenns blöd läuft, kannst du Türen schließen, und zwar für immer. Ausgerechnet zu den Berufen, nämlich den IT-Berufen, die für Blinde momentan die meiste Aussicht auf Erfolg haben. Und das ist etwas Gegenläufiges.
01:14:25,785 –> 01:14:34,225 [Raúl Krauthausen]
Aber das ist ja dann auch ne Kritik an, an, an die Firmen, ähm, die bisher diese Braillezeilen bauen, dass sie da auch nicht weiter forschen und-
01:14:34,225 –> 01:14:44,525 [Gerhard Jaworek]
Na ja, ist nicht nur das. Es gibt ja Braille– Es, [stammelt] also es gibt mittlerweile Brailledisplays, also flächige Brailledisplays. Gibt es.
01:14:44,525 –> 01:15:05,505 [Gerhard Jaworek]
Ja nur das eine, die Firma MedTec ist ja Konkurs gegangen vor einigen Monaten, die eigentlich das größte und flexibelste, äh, Flächendisplay gebaut haben. Das hatte nämlich sogar eine Touchfunktion und das ist ja natürlich richtig cool, wenn man mit der Fläche gleich interagieren kann. Das ist ja dann wie Tablet, ne?
01:15:05,505 –> 01:15:06,285 [Raúl Krauthausen]
Mhm.
01:15:06,285 –> 01:15:22,085 [Gerhard Jaworek]
Und, ähm, es gibt jetzt die Südkoreaner, die machen da einiges, vielversprechendes, dann aber auch bezahlbares, nämlich für n Flächendisplay, was wirklich nur auch zwei Farben, nämlich Punkt setzen oder nicht setzen kann.
01:15:22,085 –> 01:15:25,465 [Gerhard Jaworek]
Na ja, vierundvierzigtausend Euro. Wer drückt die ab?
01:15:25,465 –> 01:15:33,125 [Raúl Krauthausen]
Mhm. Das heißt, der Markt ist zu klein, wenn die Firma pleite geht und wenn das rentabel sein soll, ist es zu teuer.
01:15:33,125 –> 01:15:47,585 [Gerhard Jaworek]
War bisher so, aber wie gesagt, ich habe da Hoffnungen. Es wird, es wird was kommen. Es ist einiges. Man sieht auf der SightCity zum Beispiel, auf der großen Hilfsmittelmesse. Man sieht, dass der Markt aufgerollt wird.
01:15:47,585 –> 01:15:51,125 [Raúl Krauthausen]
Wie wichtig ist in deiner Arbeit Humor beim Erklären?
01:15:51,125 –> 01:16:20,305 [Gerhard Jaworek]
Also mir ist Humor ganz wichtig. Zum einen, ich habs vorhin schon gesagt, ist er einfach auch ein Mittel zum Zweck. Ne, man, äh, man erlebt: „Aha, ihr seid noch da. Oh, oder aha, ihr habts gemerkt.“ Ne? Äh, das ist zum Beispiel in meinen Vorträgen ist es ganz wichtig und eben auch: „Ja, es kommt schon vor, dass Studierende, die auch blind sind und dann… Du hast ja auch noch deine Probleme dann im anderen Leben“, ne? Oder
01:16:20,305 –> 01:17:03,885 [Gerhard Jaworek]
du hast Probleme, weil… Hatte ich auch mal, ganz tragischer Fall. Ähm, da kam irgendwann mal raus in meinem Büro, dass die Eltern sich lebenslang durch die Schulzeit hindurch für die Blindheit ihres Kindes geschämt haben, ne? Und da ist es manchmal eben auch so, dass [stammelt] man mit Humor oder auch mal was erklären kann. Oder dann– Oder auch: „Komm, das ist mir auch…“, oder so was passiert und: „Äh, siehs mal so und so.“ Und ja, weil es ist halt schon auch mal so. Natürlich kann man die Probleme damit nicht immer wegdiskutieren, aber oft hilft einfach auch nur zuhören. Also neben all dem Technischen. Ja, es gibt bei mir im Büro schon auch mal Tränchen.
01:17:03,885 –> 01:17:33,185 [Raúl Krauthausen]
Ich habe für mich irgendwann herausgefunden, dass, ähm, ich bin, glaube ich, auch ein humorvoller Mensch, dass ich aber sehr oft den Humor auf meine eigenen Kosten gemacht hab. Also ich habe dann über meine Behinderung Witze gemacht, die Arme zu kurz, zu klein, was auch immer. Und dann habe ich das Gefühl gehabt, dass ich dann aber auch mein Umfeld legitimiert habe, auch darüber Witze zu machen und das hat mich dann wiederum verletzt. Also hat dann Humor nicht auch Grenzen?
01:17:33,185 –> 01:17:55,885 [Gerhard Jaworek]
Das ist so, das ist, doch, das ist ne echte Grenz– das ist ne richtige, äh, das ist ein ganz, ganz schwerer Grad. Und natürlich, wenn du merkst, hey, du kommst nicht durch oder irgendwas, ne, dann fängst– oder in der Schule auch vielleicht so, ne, oder auch kompensatorisch, äh, du fängst an, dich selbst auf die Schippe zu nehmen.
01:17:55,885 –> 01:17:56,625 [Raúl Krauthausen]
Mhm.
01:17:56,625 –> 01:18:05,885 [Gerhard Jaworek]
Und man fängt an, den Zampano zu machen, auch um zu kompensieren, um Unsicherheiten zu überspielen und, und der ganze, der ganze psychologische Kram, der da hinten dran hängt.
01:18:05,885 –> 01:18:06,725 [Raúl Krauthausen]
Mhm.
01:18:06,725 –> 01:18:11,465 [Gerhard Jaworek]
Das macht man auf jeden Fall. Und das kann wirklich nach hinten gehen, weil
01:18:11,465 –> 01:18:16,325 [Gerhard Jaworek]
es kann wirklich das Gefühl aufkommen: „Ach, wenn er’s doch selber macht, dann geht es wohl.“
01:18:16,325 –> 01:18:23,865 [Gerhard Jaworek]
Es geht eben nicht. Aber vermittelt es den Leuten, weil sie sagen: „Hä? Wie? Spielst du jetzt den Beleidigten oder was? Du machst doch selber Witze über dich.“
01:18:23,865 –> 01:18:25,825 [Raúl Krauthausen]
Das ist ein ganz schmaler Grat.
01:18:25,825 –> 01:18:27,225 [Gerhard Jaworek]
Das kriegen die Leute nicht zusammen.
01:18:27,225 –> 01:18:27,765 [Raúl Krauthausen]
Ja.
01:18:27,765 –> 01:18:29,105 [Gerhard Jaworek]
Ja, ja, es ist so.
01:18:29,105 –> 01:18:48,905 [Raúl Krauthausen]
Meine Frau, die träumt sehr viel. Ähm, also, wenn sie schläft, träumt sie sehr intensiv, besser als Hollywood. Und die Geschichten, die sie mir danach erzählt, sind großartig. Also, ich find die wirklich spannend. Ähm, und dann haben wir uns mal darüber unterhalten und sie hat mich gefragt, ob ich in meinen Träumen laufe
01:18:48,905 –> 01:18:54,425 [Raúl Krauthausen]
oder im Rollstuhl sitze. Und ich kann diese Frage nicht beantworten. Ich bin einfach.
01:18:54,425 –> 01:18:57,025 [Gerhard Jaworek]
Ach so. Du, okay.
01:18:57,025 –> 01:18:58,425 [Raúl Krauthausen]
Ich weiß es nicht. Also-
01:18:58,425 –> 01:19:17,306 [Gerhard Jaworek]
Also ich, also bei mir ist es schon so… Nein, ich sehe in den Träumen… Ich bin sicher, dass ich in Träumen nichts sehe.Ja, ich sehe manchmal, wenn ich Glück habe, in den Träumen so viel, wie ich früher noch gesehen habe als Kind. Will sagen: Auf einem Auge, ohne Farbe, ohne Drei-D-Komma.
01:19:17,306 –> 01:19:21,205 [Raúl Krauthausen]
Aber ist es dann ein guter Traum oder ist es dann ein Alptraum? Oder egal?
01:19:21,205 –> 01:19:49,185 [Gerhard Jaworek]
Es kommt so und so vor. Und dann träumt man ja manchmal von einem Gebäude. Die Grenzen sind ja übergangslos. Also du gehst aus dem Raum raus und du weißt genau, du bist jetzt in einen Nebenraum gegangen eigentlich, aber das ist ein komplett anderes Gebäude. Also das habe ich im Traum schon, dass so was übergangslos geht und dann irgendwie auch passt, aber komplett sehen, vor allem Farben. Ich glaube, ich kann so nicht träumen, weil dieser Stoff gar nicht in mir ist.
01:19:49,185 –> 01:19:55,165 [Raúl Krauthausen]
Das heißt, du hast gelernt, dass der Rasen grün ist, aber er könnte auch rot sein?
01:19:55,165 –> 01:20:06,346 [Gerhard Jaworek]
Ich habe gelernt, dass der Rasen grün ist, aber ja, das ist für mich nicht mehr als eine Vokabel, die ich benutze, mit euch mich zu unterhalten. Ich assoziiere
01:20:06,346 –> 01:20:21,685 [Gerhard Jaworek]
natürlich mit der Farbe Grün den Rasen, aber es wird schon schwierig mit der… Wir hatten es neulich auch davon, wo Sehende versuchen wollten, Blinden Farben zu erklären und ich dann einfach auch sagen: „Lass es einfach.
01:20:21,685 –> 01:20:23,725 [Raúl Krauthausen]
Das ist auch egal, vielleicht.
01:20:23,725 –> 01:20:45,765 [Gerhard Jaworek]
Weil es ist wirklich egal. Du kannst es dir nicht vorstellen, aber es ist egal. Wenn ich grün denke, dann denke ich Rasen oder Blätter oder so was, weil einfach die Lebenserfahrung ist hoch. Aber dann sehe ich die Farbe trotzdem nicht. Dann fühle ich das Blatt oder ich rieche den Rasen. Das schon, aber die Verknüpfung habe ich gemacht.
01:20:45,765 –> 01:20:49,025 [Raúl Krauthausen]
Und das bedeutet nicht, dass alles, was so riecht, grün ist?
01:20:49,025 –> 01:20:52,985 [Gerhard Jaworek]
Genau, farbig. Genau, genau. Das ist es nämlich.
01:20:52,985 –> 01:21:09,785 [Gerhard Jaworek]
Und es gibt ja auch so viele Nuancen. Deswegen ist es ja auch so: Es gibt ja auch diese Farbekennungsgeräte, die so die Farbe vorlesen und sprechen. Und ich habe auch so eins und diese Geräte versuchen, das tatsächlich so zu besprechen:
01:21:09,785 –> 01:21:14,145 [Gerhard Jaworek]
Rubinrot. Also noch so nähere Beschreibungen.
01:21:14,145 –> 01:21:26,245 [Gerhard Jaworek]
Und ich muss ehrlich sagen, ich habe so ein Gerät, auch vor allem als Lichtdetektor benutze ich es, zu gucken, ob die Lichter an oder aus sind. Aber einen Nutzen habe ich als Geburtsblinder eigentlich davon nicht.
01:21:26,245 –> 01:21:31,865 [Raúl Krauthausen]
Ja, oder nur, wenn du Klabotten gleichfarbig anziehen willst, anderen zu gefallen.
01:21:31,865 –> 01:22:00,705 [Gerhard Jaworek]
Ja, aber ich bin da viel zu nördig dazu, mir so viele Gedanken über Klamotten zu machen. Gut, als Männer haben wir es da etwas einfacher. Ich kaufe meine eigentlich so, dass es eigentlich immer passt. Höchstens mal, dass ich eine ganz bestimmte Kombi, die sagt: „Nein, also zu dem Sakko, oder was? Ich sehe selten Sakko an, aber dieses Hemd, das hat mir gefallen, das wurde sehr gelobt. So was merke ich mir dann auch mal.
01:22:00,705 –> 01:22:04,445 [Raúl Krauthausen]
Ich war mal bei einer Lesung von Andreas Mauerer,
01:22:04,445 –> 01:22:15,945 [Raúl Krauthausen]
dem Astronauten. Ich glaube, der heißt so, oder? Ja. Nein, Matthias. Und der meinte, dass… Matthias, sorry. Danke. Und Matthias Maurer meinte, dass
01:22:15,945 –> 01:22:37,365 [Raúl Krauthausen]
Astronauten im Weltall oft Kopfschmerzen haben, weil das Herz zu viel Blut in den Kopf pumpt und dass das so doll sein kann, dass das dann auch auf die Augen drückt und man dann auch quasi erblinden kann, zumindest für den Moment, die man im Weltall ist. Hast du davon schon mal gehört?
01:22:37,365 –> 01:22:50,365 [Gerhard Jaworek]
Ja, das kann man sogar sehen, dass der Kopf… Das nennt man puffy face, also so aufgeblasen. Das sieht man den Astronauten auch an. Und das kann wirklich blöd laufen.
01:22:50,365 –> 01:23:10,745 [Gerhard Jaworek]
Ich habe jetzt noch nie gehört, dass jemand jetzt erblindet ist, aber theoretisch ist es genauso möglich, wie wenn du zum Beispiel auf den Mount Everest steigst, dann hast du genau das gleiche Problem. Und wenn es halt ein Ödem gibt, also wenn da im Auge was platzt, dann kann das unwiderrufliche Schäden haben. Das ist schon so.
01:23:10,745 –> 01:23:30,205 [Gerhard Jaworek]
Zumindest mal, sagen wir es mal so, wenn ich zwei, drei Wochen oder vielleicht auch mal ein halbes Jahr-hat, die sind ja auch nicht alle blind runtergekommen. Aber wenn ich weiter wirklich will bis zum Maß, wo es mehrere Jahre dauern kann, dann muss man sich solche Dinge schon überlegen: Halten die Adern das aus? Oder gibt es dann einen Augeninfarkt oder so was?
01:23:30,205 –> 01:23:39,465 [Raúl Krauthausen]
Das heißt doch, dass wir die Weltraumforschung und auch das Reisen so romantisiert haben, dass solche Geschichten gar nicht mehr durchdringen.
01:23:39,465 –> 01:23:44,545 [Gerhard Jaworek]
Ja, zum einen heißt es das und zum anderen ist es ja wirklich…
01:23:44,545 –> 01:23:49,165 [Gerhard Jaworek]
Natürlich, wir machen es Ich hab zum Beispiel gesagt, wir machen es halt, weil wir es können.
01:23:49,165 –> 01:24:20,665 [Gerhard Jaworek]
Aber zum Beispiel, dass Menschen zum Mars fliegen jetzt, ich glaube, dass die Ausbeute gar nicht so groß sein wird, was wir auf dem Mars dort finden. Die Ausbeute ist eher technischer Natur, dass wir das geschafft haben. Aber das war es dann aber auch. Also viel weiter kommen wir nicht. Erstens Mal ist die Technologie nicht so verfügbar, dass jeder sich das machen kann und dass wir wirklich genügend Leute dahin kriegen, den Mars in vielen Jahrtausenden zu terraformen.
01:24:20,665 –> 01:24:46,425 [Gerhard Jaworek]
Das wird nicht gehen. Und das andere ist, wenn wir weiter wollen, ja, irgendwann schlägt ein Einstein und die Lichtgeschwindigkeit zu. Der nächste Stern ist viereinhalb Lichtjahre entfernt. Also selbst mit Lichtgeschwindigkeit bräuchten wir viereinhalb Jahre, bis wir dort sind. Eine Nachricht von uns dorthin braucht neun Jahre, bis sie wieder bei uns zurück ist. Wer erinnert sich denn da noch? Und da wir viel langsamer sind,
01:24:46,425 –> 01:24:49,585 [Gerhard Jaworek]
das dauert Jahrhunderte. Und bis dahin ist nämlich…
01:24:49,585 –> 01:24:54,485 [Raúl Krauthausen]
Ihr seid im Prinzip, wir gerade mal den Schrebergarten erobert,
01:24:54,485 –> 01:24:56,025 [Raúl Krauthausen]
aber
01:24:56,025 –> 01:24:58,825 [Raúl Krauthausen]
nicht eine andere Stadt oder ein anderes Land.
01:24:58,825 –> 01:25:02,305 [Gerhard Jaworek]
Ja, also wirklich. Das ist echt so.
01:25:02,305 –> 01:25:47,626 [Gerhard Jaworek]
Und wie gesagt, ich bin jetzt nicht besonders religiös oder so, aber.Und wir kommen wahrscheinlich auch nicht an Einstein vorbei. Ich glaube aber, dass wir in vielen Dingen heute technisch das noch nicht schaffen, weil wir hier unsere Baustelle nicht hinkriegen. Denn, äh, das hat man auch immer gesehen, wenn die Zeit reif war für etwas. Zum Beispiel, äh, Einstein steht auf Riesen, ne, auf Riesenschultern. Das ist nicht so, dass Einstein da jetzt mit was ganz Neuem daherkam, sondern die Bausteine waren da. Einstein hat’s—Ich will da mit den Einstein nicht schmälern. Ich will nur sagen, die Zeit war reif dafür.
01:25:47,626 –> 01:25:48,505 [Raúl Krauthausen]
Mhm.
01:25:48,505 –> 01:26:26,106 [Gerhard Jaworek]
Die, äh, das Periodensystem wurde von, an drei Orten der Welt gleichzeitig ungefähr entdeckt, wo, obwohl die sich nicht kannten, aber dass man diese chemische Elemente mal sortieren kann, das wurde an drei Orten gleichentdeckt. Und so geht’s mit vielen Dingen. Und ich bin sicher, wir wären auch in der Weltraumtechnologie oder so, wären wir weiter, wenn wir hier unsere Kräfte nicht in Kriege stecken würden, sondern in die, in das, dass wir den Klimawandel und unsere Erde hier sauber kriegen. Das kommt dann von alleine, wenn die Zeit reif ist.
01:26:26,106 –> 01:26:41,845 [Raúl Krauthausen]
Ja, weil sie jetzt weiter mit diesem Thema beschäftigen will. Ähm, also Astronomie oder auch vielleicht Blindheit sogar. Ähm, hast du Tipps, was sich unsere Hörerinnen oder Hörer, äh, noch mal anschauen könnten, wenn sie mehr erfahren wollen?
01:26:41,845 –> 01:26:45,585 [Gerhard Jaworek]
Ja, also natürlich empfehle ich immer gerne meinen Blog und mein Buch.
01:26:45,585 –> 01:26:47,786 [Raúl Krauthausen]
Dein Buch heißt „Blind zu den Sternen“.
01:26:47,786 –> 01:27:04,305 [Gerhard Jaworek]
Genau, ist erschienen im Aquencis-Verlag. Der Schinken ist schon recht alt, aber immer noch aktuell. Ist autobiografisch. Natürlich manche Missionen, die dort, besch-, äh, schrieben werden, sind jetzt schon abgelaufen, aber darum geht es auch eigentlich nicht so, sondern nur, wie ich so etwas erlebe.
01:27:04,305 –> 01:27:05,145 [Raúl Krauthausen]
Mhm.
01:27:05,145 –> 01:27:41,666 [Gerhard Jaworek]
Und, äh, was man eben auf meinem Blog machen kann und was eben Sehende sehr gerne auch tun, natürlich Blinde eben auch, sie genießen das. Sie genießen die Art, wie ich beschreibe. Ähm, wie gesagt, weil sie ermutigt werden, eigene, eigenes Kopfkino zu haben. Und, äh, ja, weil es eben auch einfach Freude macht, solche Dinge zu lesen. Dann kann ich natürlich… Ein sehr, sehr guter Zugang ist, äh, natürlich Podcasts, weil Podcast weitgehend ohne Bilder auskommt. Es gibt zwar dann welche in den Show Notes, aber, äh, ob man die jetzt hat oder nicht.
01:27:41,666 –> 01:27:43,585 [Raúl Krauthausen]
Hast du Tipps, Podcast-Tipps?
01:27:43,585 –> 01:28:00,986 [Gerhard Jaworek]
Ja, zum Beispiel, äh, den, äh, Podcast „Das Universum von Florian Freistätter und Ruth Kreuzbauch oder „Gemeinsam durch die Galaxis“. Der ist von der Frau Professor Hüttemeister, der Leiterin der Sternwarte Bochum.
01:28:00,986 –> 01:28:01,945 [Raúl Krauthausen]
Mhm.
01:28:01,945 –> 01:28:28,885 [Gerhard Jaworek]
Und da macht, macht er’s zusammen mit ’nem Komödien und Musiker. Wie der jetzt heißt, weiß ich nicht, aber der Podcast ist sehr, sehr schön. Es gibt auch die Sternengeschichten. Das ist immer freitags mein Frühstückshäppchen von Florian Freistätter. Dann gibt es auch ’ne ganze, ganze Menge Bücher in Audible mittlerweile. Das hat sich ja extrem verbessert, auch für uns Blinde, diese ganzen Audible-Bücher. Ähm, früher war ja– die Blindenhörbüchereien waren früher tausendmal besser wie Audible.
01:28:28,885 –> 01:28:29,445 [Raúl Krauthausen]
Mhm.
01:28:29,445 –> 01:28:45,065 [Gerhard Jaworek]
Aber mittlerweile haben die echt zugelegt. Also die sind so professionell geworden mit dem Auflesen. Ja, und dann kann ich eben auch wirklich empfehlen, äh, sucht euch irgendwelche Volkssternwarten und so was. Da gibt’s ganz, ganz, ganz liebe Leute, die gerne erklären.
01:28:45,065 –> 01:29:03,945 [Raúl Krauthausen]
Ich war, ähm, vor, ähm, kurzer Zeit im Planetarium wieder in Berlin und ich find es so bedauerlich, dass man eigentlich nur als Kind ins Planetarium gegangen ist. Weil wo kann man Wissenschaft so aktuell, so intensiv erklärt bekommen?
01:29:03,945 –> 01:29:37,665 [Gerhard Jaworek]
Das stimmt und das ist ja ’ne ganz– Und es ist eben ’ne ganz, ’ne ganz tolle Chance. Ja, und früher war es eben auch so. Äh, ich hab’s ja vorhin schon gesagt, es ist bedauerlich. Also, in Ostdeutschland hatte jede größere Schule entweder ’n Teleskop oder ’n kleines Planetarium sogar. Und, äh, das ist das eine. Und das andere, natürlich solche großen Mediendome wie Berlin, da kannst du ja ganz andere Sachen machen. Das ist ja da, diese Sterne, die– Weil die Planetarien haben ja teilweise gar nicht mehr diesen typischen, äh, Zeiss-Projektor in der Mitte-
01:29:37,665 –> 01:29:38,485 [Raúl Krauthausen]
Mhm.
01:29:38,485 –> 01:29:44,705 [Gerhard Jaworek]
Sondern das sind ja auch keine Video-Shows mehr mit zehn Videoprojektoren, sondern das sind ja heut Beamer.
01:29:44,705 –> 01:29:45,385 [Raúl Krauthausen]
Mhm.
01:29:45,385 –> 01:29:55,645 [Gerhard Jaworek]
Das heißt, ich kann damit alles zeigen. Ich kann zum Beispiel durch die Blutbahn wandern. Ich weiß nicht, ob du… Es gab doch mal ’n Film, wo son kleines U-Boot-
01:29:55,645 –> 01:29:56,225 [Raúl Krauthausen]
Ja. [lacht leise] Ja, genau.
01:29:56,225 –> 01:30:19,645 [Gerhard Jaworek]
-durch die Blutbahn gefahren ist. [übersprechen 00:20:11] Und genau das kannst du heute im Planetarium erleben. Du kannst unterm Meer fahren. Ne? Also du kannst hier Nautilus spielen. Und, äh, das gilt alles im Planetarium. Da können Fische schwimmen, alles kann da sein. Also von daher ist es wirklich der beste Ort, auch wirklich themenübergreifend Wissenschaft zu machen.
01:30:19,645 –> 01:30:33,885 [Raúl Krauthausen]
Und, ähm, wenn du jetzt, äh, eine gemeinnützige Organisation, ich mein, Planetarien sind oft auch gemeinnützig, aber ich meinte jetzt eher so zivilgesellschaftlich, ähm, wenn du eine gemeinnützige Organisation empfehlen würdest, ähm, hättest du da eine im Sinn?
01:30:33,885 –> 01:31:28,394 [Gerhard Jaworek]
Also bei mir ist es oft so, dass ich eben mit, äh, dass ich eben mit, äh, auch entweder durch meine Vorträge, ähm, direkt Projekte unterstütze, zum Beispiel, indem ich an Brennpunktschulen geh. Aber ich finde halt wirklich, so Organisationen… Ja, ich meine, die Blindencommunity hat ja genug Geld. Also ich wüsste jetzt gar nicht, was ich da bevor-zugen– bevorziehen soll. Ich bin halt hauptsächlich in dieser Blindenblase unterwegs, aber ich finde, am besten sucht euch ein Projekt.Wo ihr vor allem Kinder und Jugendliche unterstützen könnt, weil die triffts momentan in unserer Gesellschaft und hats auch durch Corona ähm am meisten getroffen. Und da gibts viel, viel Nachholbedarf und das ist unsere Zukunft ne.
01:31:28,394 –> 01:31:35,533 [Raúl Krauthausen]
Hmm, das ist doch ein schönes Schlusswort. Ähm Wenn die Aufzugsröhre jetzt aufgeht, wo gehts für dich weiter?
01:31:35,533 –> 01:31:52,573 [Gerhard Jaworek]
Für mich gehts weiter. Erst mal durch den Regen nach Hause und dann gibts heute Abend einen Vortrag von der Simon-Marius-Gesellschaft. Simon Marius war ein Astronom, der auch die Jupitermonde entdeckt hat. Den Vortrag, da nehme ich auf jeden Fall dran teil.
01:31:52,573 –> 01:31:53,513 [Raúl Krauthausen]
Online, oder?
01:31:53,513 –> 01:32:12,353 [Gerhard Jaworek]
Das ist online, ja. Das ist an Uni Stuttgart. Das ist online, aber ich habe dann auch noch, ja, in nächster Zeit habe ich einige Vorträge und Veröffentlichungen noch, auch über die Sternschnuppen im August und so was. Also bei mir ist immer so, Frühjahr, Sommer habe ich immer recht viele Vorträge.
01:32:12,353 –> 01:32:21,913 [Raúl Krauthausen]
Lieber Gerhard, danke, dass du da warst. Das hat mir wirklich sehr viel Spaß gemacht und ich hab, glaub ich, noch mal eine Menge mitgenommen. Ahhhm Ich hoffe, es hat dir auch gefallen.
01:32:21,913 –> 01:32:28,413 [Gerhard Jaworek]
Ja, ich fands ganz großartig und ich feier deine Folgen immer. Meistens höre ich sie sonntags im Bett
01:32:28,413 –> 01:32:36,174 [Gerhard Jaworek]
und ja, sind sehr interessante Themen immer bei dir mit dem Aufzug. Und das finde ich auch so eine lustige Idee, im Aufzug das zu machen.
01:32:36,174 –> 01:32:38,333 [Raúl Krauthausen]
Danke, dass du da warst. Hat mich sehr gefreut.
01:32:38,333 –> 01:32:40,134 [Gerhard Jaworek]
Ja, bitte schön.
01:32:40,134 –> 01:32:51,053 [Raúl Krauthausen]
Musik läuft im hintergrund Danke fürs Mitfahren. Wenn ihr mögt und euch diese Folge Spaß gemacht hat, bewertet diese Folge bei Apple Podcast, Spotify oder wo auch immer ihr zuhört.
01:32:51,053 –> 01:32:58,273 [Raúl Krauthausen]
Alle Links zur Folge sowie die Menschen, die mich bei diesem Podcast unterstützen, findet ihr in den Show Notes.
01:32:58,273 –> 01:33:01,693 [Raúl Krauthausen]
Schaut da gerne mal rein.
01:33:01,693 –> 01:33:32,053 [Raúl Krauthausen]
Wenn ihr meine Arbeit unterstützen möchtet, würde ich mich freuen, euch bei Steady zu begrüßen. Mit einer Steady-Mitgliedschaft bekommt ihr exklusive Updates von mir und die Gelegenheit, mich zweimal im Jahr persönlich zu treffen. „Im Aufzug“ ist eine Produktion von Schönlein Media. Ich freue mich auf das nächste Mal, hier „Im Aufzug“.
01:33:32,053 –> 01:33:58,973 [Schindler]
Diese Folge wurde dir präsentiert von Schindler. Am Anfang der Folge haben wir uns gefragt, ob man im Aufzug grüßen sollte. Die Antwort: Nein, muss man natürlich nicht, aber ein freundliches Hallo kann die Atmosphäre auflockern und macht die Fahrt für alle angenehmer. Also einfach mal ausprobieren. Und wenn du mehr über Aufzüge erfahren willst, dann steig doch bei uns ein. Unter schindler.de/karriere findest du viele Möglichkeiten, um mit uns nach ganz oben zu fahren.
Diese Folge wurde dir präsentiert von Schindler Aufzüge. Willst du noch mehr über Aufzüge erfahren und vielleicht mit uns ganz nach oben fahren, dann steig gern ein. Unter schindler.de/karriere findest du viele Möglichkeiten für Einsteiger und Senkrechtstarter.
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Dieser Podcast ist eine Produktion von Schønlein Media.
Produktion: Fabian Gieske , Anna Germek
Schnitt und Post-Produktion: Jonatan Hamann
Coverart: Amadeus Fronk